Skip to content
Faultline Prefer us on Google

War & Militarism taz

Schulstreiks gegen Wehrpflicht: Wo bleibt das Fridays-for-Future-Moment?

Die Bewegung Schulstreiks gegen Wehrpflicht mobilisiert seit einem Jahr, aber irgendwie will sie nicht so richtig zünden. Woran liegt das? mehr...

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Noch vier Wochen bis zum nächsten Streik – und das Ziel ist klar: Lernen von Frankreich. Deutsche Schü­le­r*in­nen blicken neidisch darauf, wie viele Menschen die Jugendlichen im Nachbarland auf die Straße bringen.

Auch in Deutschland können Schü­le­r*in­nen dieser Tage durchaus mobilisieren. Ende September brachten sie nach eigenen Angaben bundesweit 45.000 Menschen in über 100 Städten auf die Straße. Anfang Oktober kamen in Berlin rund 20.000 Menschen zu einer Kundgebung unter dem Motto „unzwingbar“, wo unter anderem die Rapper Disarstar und KIZ auftraten. In Hamburg hat die Bewegung Schulstreik gegen Wehrpflicht für den 6. November einen Aktionstag ausgerufen, einen Tag nach dem geplanten Generalstreik in Frankreich, um die Stimmung aus Frankreich mitzunehmen.

Zu den „Gen Z regelt“-Protesten, die an diesem Samstag bundesweit stattfinden, rufen die Schü­le­r*in­nen nicht explizit auf, zumindest in Berlin sehen sie sich aber als Teil der Bewegung. Am 20. November soll der nächste bundesweite Schulstreik gegen Wehrpflicht stattfinden. „Das muss riesig werden!“, posten die Schü­le­r*in­nen bei Instagram.

Aber warum sind die Schulstreiks bisher nicht riesig? Immerhin gibt es sie seit fast einem Jahr. Die Schulstreiks für das Klima wurden im ersten Jahr immer größer und größer. Nach einem Jahr hatte die Fridays-for-Future-Bewegung ihren Höhepunkt erreicht und deutschlandweit über 1 Million Menschen auf die Straße gebracht.

Die Zeichen für die Schulstreik-gegen-Wehrpflicht-Bewegung stehen eigentlich gut: Erstens betrifft das Thema viele. Zweitens: Schulstreiks als Aktionsform haben sich bewährt. Drittens: Es ist ein linkes Thema, das anschlussfähig in bürgerlichen Gesellschaftsschichten ist. Welche Akademikermama, welcher Gutverdienerpapa schickt schon freiwillig sein Kind in die Kaserne?

Und dann ist da die Situation der Jugendlichen selbst: Buckeln bis zur mageren Rente mit 70 oder sterben im Schützengraben, mehr Alternativen scheint die Zukunft für sie nicht vorzuhalten. Die Bundesregierung streicht in den Sektoren Bildung und Soziales zusammen, was nicht niet- und nagelfest ist. Wohnraum in Großstädten ist Mangelware. Der Arbeitsmarkt kriselt. Vom Klimaschutz redet schon längst kei­ne*r mehr. Warum sollten sie für ein Land, das sie so im Stich lässt, in den Krieg ziehen? Trotzdem sind die Schulstreiks gegen Wehrpflicht klein im Vergleich zu dem, was die Kli­ma­schüt­ze­r*in­nen damals auf die Straße brachten.

Dabei sind die Schü­le­r*in­nen gegen Wehrpflicht ganz ähnlich organisiert wie Fridays for Future damals. Je­de*r kann ein lokales Streikkomitee gründen. Auf der Homepage findet man einen Starter-Kit mit Logos, Plakatmotiven und der Anleitung „How to Schulstreik“. Die lokalen Gruppen teilen ihre Aufgabenbereiche in Whatsapp-Gruppen auf: Kommunikation, Social Media, Fragen und Support etwa, außerdem Untergruppen für die Streikkomitees einzelner Schulen. Schon dreimal kamen die Schü­le­r*in­nen gegen Wehrpflicht zu bundesweiten Vernetzungskonferenzen zusammen, um über Strategien zu sprechen und sich kennenzulernen.

„Vieles ist aber auch anders als bei Fridays for Future“, sagt Bela Breitner, der Bundessprecher der Schulstreik-gegen-Wehrpflicht-Bewegung. Die ganze Organisationsform sei loser als bei den Kli­ma­schüt­ze­r*in­nen damals. So gebe es in vielen Städten keine dauerhaften Ortsgruppen, sondern Komitees, die sich anlässlich eines Streiks gründeten und danach wieder zerfielen. Auch gebe es keine regelmäßigen Telefonkonferenzen und keine straff organisierte bundesweite Struktur wie bei FFF. Die ganze Organisationsweise sei viel uneinheitlicher und mehr auf DIY (do it yourself) ausgelegt.

Und dann sind da noch Faktoren, die die Bewegung selbst nicht in der Hand hat. „Die gesellschaftliche Stimmung ist heute eine ganz andere“, sagt der Soziologe Simon Teune vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung. Zur Hochzeit von Fridays for Future lag die Zustimmung zu den Grünen in der Bevölkerung bei fast 25 Prozent, Klimaschutz war in aller Munde. „Fridays for Future hat offene Türen eingerannt“, sagt Teune. Tatsächlich erhielten die Schü­le­r*in­nen damals Unterstützung von vielen Seiten: Wissenschaftler*innen, Gewerkschaften, Un­ter­neh­me­r*in­nen und Künst­le­r*in­nen stellten sich hinter die Fridays. Selbst Angela Merkel lobte die Schü­le­r*in­nen­pro­tes­te.

Seitdem ist nicht nur die Zustimmung zum Klimaschutz eingebrochen, sondern der gesamte Diskurs hat sich nach rechts verschoben. „Jede soziale Bewegung hat es heute schwerer“, sagt Teune.

Die junge Klimabewegung konnte außerdem auf eine jahrzehntelang gewachsene Infrastruktur der traditionellen Umweltbewegung zurückgreifen. Für Greenpeace, BUND und andere Umweltverbände war der Nachwuchs ein Segen. Beide Seiten profitierten vom Know-how, von Kontakten und Reichweite der jeweils anderen.

Auch die Schulstreiks gegen Wehrpflicht haben eine größere, gewachsene Bewegung im Rücken: die Friedensbewegung. Doch mit der ist es kompliziert.

„Frieden ist kein allein linkes Thema mehr“, sagt die Soziologin Priska Daphi, die in Gießen ein Forschungsprojekt zur Friedensbewegung im Kontext des Ukrainekriegs leitet. „Wir sehen derzeit eine starke Übernahme des Themas von rechts außen stehenden Gruppen.“ Das spiegelt sich auch darin wider, dass AfD- Wäh­le­r*in­nen Waffenlieferungen für die Ukraine fast einhellig ablehnen. Das Gleiche gilt für BSW-Wähler*innen. Grüne, SPD und etwa die Hälfte der Linken-Wähler*innen unterstützen Waffenlieferungen für die Ukraine und können Aufrüstung daher nicht aus ganzem Herzen ablehnen. Hinzu komme die Bedrohungslage durch Russlands Cyber- und Drohnenangriffe in Deutschland. „Die maximalpazifistischen Forderungen der klassischen Friedensbewegung sind heutzutage kaum noch anschlussfähig“, sagt Daphi.

Proteste zu Frieden und Krieg seien seit Beginn des Ukrainekriegs stark fragmentiert, sagt die Wissenschaftlerin. Neben den klassischen pazifistischen Gruppen könne man mindestens drei weitere Strömungen unterscheiden: Eine für einen „gerechten Frieden“ mit Waffenlieferungen an die Ukraine, das Rechts-außen-Lager und das gemischte Lager, wo Altlinke auf Rechtsoffene treffen und zu Verschwörungsideologien neigen.

Zwar gebe es auch immer wieder lokale Neugründungen, die einen ganz anderen Fokus verfolgten. Die Verbindungen zum Kern der klassischen Friedensbewegung seien aber lose.

Kein Wunder also, dass die Jugendlichen lieber unter sich bleiben, auch wenn sie teilweise weniger Berührungsängste mit der alten Friedensbewegung haben dürften als progressive Millennials. Was interessieren sie die Altlasten der Boomer? Es ist allerdings auch kein Geheimnis, das autoritär-kommunistische Jugendorganisationen auf den Streiks stark vertreten sind. Zwar würde es zu weit gehen, der roten Jugend Sympathien für Putin zu unterstellen. Dennoch dürfte die Abgrenzung von Russland nicht gerade ihre Kernkompetenz sein. Ihr außenpolitischer Fokus liegt vielmehr auf der Solidarität mit Gaza – noch so ein Punkt, der es nicht unbedingt leichter macht, die Massen hinter sich zu vereinen.

„Auf jeden Fall muss unsere Bewegung größer werden“, sagt Bela Breitner von den Schulstreiks gegen Wehrpflicht. Dazu sei es nötig, sich mit anderen friedenspolitischen Organisationen, Jugendgruppen und Gewerkschaften zu verbünden. Berührungsängste zur klassischen Friedensbewegung habe er persönlich keine, sagt der Schüler aus Bochum. Eine rote Linie sei aber auf jeden Fall eine Beteiligung der AfD. Davon abgesehen sei Abgrenzung nicht so das Thema. „Ich denke, dass viele, die mit uns für den Frieden auf die Straße gehen, unsere Verbündeten sind.“

Originally published bytaz
Read the original