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Schule in der Ukraine: Schulstart in Irpin mit KI und Schutzraum
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Das Treppengeländer im Lyzeum ist mit blauen und weißen Luftballons geschmückt. „Ein bisschen festlich soll der Beginn des Schuljahres sein“, sagt die Leiterin Natalia Tit der Schule für innovative Technologie in der Kyjiwer Vorstadt Irpin. Der erste Schultag liegt schon ein paar Tage zurück. Aber weil wegen der andauernden russischen Luftangriffe nicht alle SchülerInnen gleich kommen konnten, lasse man die Ballons etwas länger hängen.
Anfang September hat in der Ukraine zum fünften Mal ein Schuljahr im Krieg begonnen. In der Nacht zum 1. September beschoss Russland Kyjiw und seine Umgebung mit ballistischen Raketen. Die Umstände zwingen das Land auch in der Schulbildung zu kreativen Lösungen. Die sind oft digital, doch allein damit ist es nicht getan.
Rund drei Millionen Kinder und Jugendliche besuchen im Schuljahr 2026/2027 ukrainische Schulen, darunter etwa 240.000 Erstklässler, sagte die Parlamentsabgeordnete Iryna Brozova vom Ausschuss für Jugend und Sport. Rund 2,2 Millionen ukrainische Schülerinnen und Schüler nehmen den Angaben zufolge am Präsenzunterricht teil, während weitere 700.000 bis 800.000 in einem Mischmodell lernen. Etwa 200.000 in frontnahen Gebieten können nur online unterrichtet werden. 400.000 nehmen vom Ausland aus teil.
Irpin ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten schnell gewachsen. Zwischen den Einfamilienhäusern des einst ruhigen Vororts sind die Hochhäuser in den Himmel gewachsen. Auch mitten im Krieg herrscht rege Bautätigkeit. Die Mischung aus der Nähe zur Metropole und zur Natur mit den großen Kiefernwäldern und Seen zieht gut verdienende Zuzügler an.
In einer Straße in der Stadtmitte zwischen einem Supermarkt und einem Wohnblock aus der Sowjetzeit steht seit neun Jahren das Lyzeum. Ukrainische Lyzeen sind etwa mit deutschen Gymnasien vergleichbar – Sekundarschulen, die auf ein Universitätsstudium vorbereiten sollen. Viele haben sich fachlich spezialisiert.
Das Lyzeum in Irpin bietet, wie der Name schon nahelegt, Schwerpunktklassen für Informatik und Technologie an. Und es gibt noch eine für Englisch. Die SchülerInnen haben in diesen Fächern dann mehr Unterricht. In Englisch sind es beispielsweise fünf Wochenstunden statt drei.
Die Ausrichtung sieht man auch auf dem Schulhof: An der Außenwand des Nachbarhauses zeigt ein Bild Martin Cooper, der 1973 für den US-Konzern Motorola das Mobiltelefon entwickelte. „Seine Eltern kamen hier aus Irpin“, erklärt Ivan Netschiporuk. Mit dem Erfinder habe man schon mehrfach Kontakt gehabt und Videochats mit den Schülern gemacht.
Netschiporuk unterrichtet Informatik und Astronomie am Lyzeum und ist von der digitalen, staatlichen Lernumgebung Mriia begeistert. „Das ist mein Account“, sagt er und zeigt auf sein Smartphone. „Der gleiche funktioniert für Lehrer auch im Webbrowser.“ Dort ist sein Stundenplan angelegt. Für jede Unterrichtsstunde kann er die Inhalte vorbereiten, die er präsentieren will und dann für die SchülerInnen freigeben. „Ich kann ihnen Hausaufgaben geben und Tests erstellen.“ Die Unterrichtsstunden werden live im Videochat gestreamt. Gechattet wird über den Messenger Signal.
In die Mriia ist künstliche Intelligenz integriert. „Wenn wir beispielsweise einen Test über die Inhalte der vergangenen Schulstunde brauchen, erstellt die KI die gewünschte Menge an Fragen.“ Wenn die SchülerInnen den Test dann ausfüllen, bekommen sie direkt ein transparentes Ergebnis. „Das entlastet uns von vielen Routineaufgaben und in der frei werdenden Zeit können wir uns intensiver um die Schüler kümmern“, sagt Netschiporuk.
Das Lyzeum in Irpin ist eine der Schulen, die die KI-gestützte Version von Mriia als Pilotprojekt testen. Mriia ist das ukrainische Wort für Traum. Mriia steht allen Schulen auf freiwilliger Basis zur Verfügung und soll später alle Bildungsstufen abdecken: Vorschule, außerschulische Angebote, berufliche und akademische Bildung sowie Erwachsenenbildung. Umgesetzt wurde Mriia durch die East Europe Foundation. Die Entwicklung wurde zu einem großen Teil mit Fördergeldern aus der Schweiz finanziert. Zu den Geldgebern gehören auch das deutsche Auswärtige Amt und die GIZ.
Natalia Tit leitet das Lyzeum. Sie nimmt sich Zeit für eine Führung. Gerade sei kein Alarm, sagt sie, deshalb könne man den Unterricht in den normalen Räumen besichtigen.
In der dritten Etage hat gerade eine der achten Klassen Biologieunterricht. Die Smartphones der SchülerInnen stecken für die Dauer des Unterrichts in einer Box auf dem Lehrpult. Lehrerin Marina Sokur erklärt eine Präsentation über den menschlichen Kreislauf auf einem großen Monitor. Die SchülerInnen im Raum können dieselben Inhalte auf Tablets auf ihren Tischen verfolgen, genauso wie die SchülerInnen, die remote teilnehmen. Über den Laptop auf dem Pult vor Sokur wird der Unterricht gefilmt und über die Mriia-Plattform gestreamt.
Kurz vor dem Mittag schallt aus den Lautsprechern für einige Sekunden Britney Spears. „You drive me crazy!“ Statt mit einer Klingel wird im Lyzeum die Pause mit Welthits aus der Konserve eingeläutet.
Mit derzeit 237 SchülerInnen ist das Lyzeum eine vergleichsweise kleine Schule. Angesichts der russischen Luftangriffe bringt die geringe Größe einen wichtigen Vorteil: Alle Schüler passen gleichzeitig in den Schutzraum im Keller. Laut den Sicherheitsvorschriften dürfen nur so viele SchülerInnen gleichzeitig in Präsenz unterrichtet werden, wie es Platz im Schutzraum gibt. Andere Schulen arbeiten deshalb im Schichtbetrieb.
Die Vorschrift hat einen ernsten Anlass. Schulen werden immer wieder zum Ziel russischer Angriffe. Von insgesamt rund 12.000 Schulen im Land wurden nach Angaben von Unicef bis zum vergangenen Winter mehr als 1.600 beschädigt oder komplett zerstört.
Natürlich ist im Keller nicht so viel Platz wie auf den drei oberirdischen Etagen. Dennoch hat jede Klasse ihren eigenen Sitzbereich mit Tischen und Stühlen. Es gibt Tafeln, Whiteboards und sogar einen 3D-Drucker sowie eine Sprossenwand, eine Bodenturnmatte und Tischtennisplatten für den Sportunterricht.
Der Unterricht wird bei Alarm im Keller fortgesetzt. „Wir passen die Inhalte aber an“, sagt Englischlehrerin Olya Huschtschina. Wegen der beengten Verhältnisse könne man im Keller nicht laut sprechen, ohne andere zu stören. Sie bereite also immer noch eine zweite Version der Unterrichtsstunde vor, in der die SchülerInnen lesen oder schreiben.
Bei den SchülerInnen scheint das Konzept anzukommen. In der ersten Woche nach den Ferien sei kein Unterricht ausgefallen, erzählt Dima. Einer seiner Freunde besuche die große Nachbarschule um die Ecke. „Der hatte nur zwei Stunden Unterricht in der ganzen Woche. Dort gehen sie in den Keller und warten einfach nur. Wie soll man so etwas lernen?“ Der 17-Jährige macht im nächsten Sommer seinen Abschluss und will danach in Kyjiw studieren.
Die 13-jährige Mariia geht in die 8. Klasse und ist mir ihrer Schulwahl zufrieden. Von ihren LehrerInnen wird sie für ihr gutes Englisch gelobt, und das stimmt auch. Es gefalle ihr, dass viel Unterricht in Präsenz möglich ist, das sei effizienter. „Gerade für die Sprachen ist doch der direkte Austausch wichtig“, sagt sie. Außerdem gebe es viele Möglichkeiten auch außerhalb des eigentlichen Unterrichts am Nachmittag. An einer Wand im Flur werben ein Dutzend Arbeitsgemeinschaften um TeilnehmerInnen. In diesem Schuljahr kann man zum Beispiel Deutsch und Polnisch lernen, es gibt eine Design-AG und eine für Programmiersprachen, für Schach und Theater.
Trotz aller Digitalisierung würden die SchülerInnen in der jüngsten Zeit mehr Interesse an gedruckten Büchern zeigen, erzählt Schulleiterin Tit. Sie sehe das an den Nutzungszahlen der Schulbibliothek. In einem Besprechungsraum im Erdgeschoss steht eine ganze Wandseite mit Bücherregalen. Die SchülerInnen können die Bücher mit einem QR-Code ausleihen und wieder zurückbringen, wenn sie ausgelesen sind.
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Source: taz