Germany · taz · · 2h
Roman von Shida Bazyar: Der Geist aus dem Off
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Zu Beginn dieses Buchs heißt es einmal über den Schauplatz des Geschehens, es sei ein Ort, „der so vielen anderen Orten gleicht und doch nur dieser eine ist“. Heimesbach nennt die Schriftstellerin Shida Bazyar ihn in der Fiktion, angelehnt an den Ort Hermeskeil in Rheinland-Pfalz, in dem sie geboren wurde und aufgewachsen ist.
Auf einer historischen Ebene erzählt ihr neuer Roman, was von den mittleren 1920er Jahren an in Heimesbach geschah: wie sich die NSDAP-Ortsgruppe gründete, wie der Ort zum „Gaumusterdorf“ wurde. Wie sich viele Heimesbacher:innen von den Jüd:innen im Dorf abwandten, wie Letztere in die Lager geschickt wurden. Wie in der Nacht, die die Deutschen die „Reichskristallnacht“ nannten, die örtliche Synagoge zerstört und geschändet wurde. Wie der Ort „judenfrei“ wurde. „Man war früh dran, im Ablauf“, heißt es über Heimesbach, „im Ablauf des Mordens.“
Von dieser geschichtlichen Ebene ausgehend, springt Shida Bazyar in „Die Lücken“ in verschiedene andere Epochen. In eine Zeit, in der „nach der Diktatur der Nationalsozialisten (…) die Diktatur der Gleichgültigkeit“ herrschte und in der etwa der Lagerarzt des SS-Sonderlagers Hinzert, der bei den Hinrichtungen dabei war, flugs rehabilitiert wurde.
Shida Bazyar: „Die Lücken“, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2026, 512 Seiten, 25 Euro
Sie springt in die späten 1970er, als die Serie „Holocaust“ im deutschen Fernsehen läuft, dann in die späten 1980er Jahre, als das iranische Paar Bahman und Parvaneh infolge der Islamischen Revolution nach Heimesbach flieht, dort seine Kinder aufzieht, Freund:innen findet, Martinsumzüge mitmacht und lernt, wie man „richtig“ Weihnachten feiert. Schließlich in die 2010er Jahre, in denen die Kindergeneration der Migrant:innen erwachsen wird.
Shida Bazyar hat in ihrem Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“ vor zehn Jahren über einen iranischen Revolutionär geschrieben, der vor dem Mullahregime nach Deutschland flieht; für die kürzlich erst erschienene englische Übersetzung war sie für den International Booker Prize 2026 nominiert. „Die Lücken“ steht nun auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und gilt, wohl auch aufgrund zahlreicher enthusiastischer Rezensionen, als Mitfavorit.
Das Buch handelt von Heimat und Nichtheimat, von Kontinuitäten der Fremdenfeindlichkeit, aber eben auch von Menschlichkeit und Solidarität, die daneben fortexistieren. Ausbuchstabiert werden die Themen Zugehörigkeit und Heimat, als Parvaneh sich in einer geselligen Runde mit deutschen Freund:innen einmal verspricht und statt „in meiner Heimatstadt“ die Worte „in meiner Heimesbach …“ sagt und im inneren Monolog denkt: „Heimat würde ihr Verstand ohnehin nur fühlen können, wenn sie Watan (Persisch: Heimat, Anm. d. Red.) dazu sagte, sonst war es nur ein Begriff, eine Hülse, etwas Austauschbares.“
Die Autorin wählt für „Die Lücken“ eine besondere Erzählstimme: Eine Tote blickt wie ein Geist aus dem Off auf Heimesbach, sie hat als Geflüchtete drei Jahre in dem Ort gelebt, ging dann in die USA und starb bei einem Unfall. Diese Erzählerin spricht nun zu ihrer Schwester Lu und erzählt ihr aus der Geschichte Heimesbachs. Es sind sehr viele Figuren zu vielen verschiedenen Zeiten, von denen Bazyar erzählt, von daher kann man sich schon fragen, wozu es auch noch diese scheinbar umständliche Erzählperspektive braucht.
Doch wie vieles im Roman erschließt sich auch das im Lauf der Handlung. Die tote Erzählerin steht für die höhere Reflexionsebene, sie waltet mit olympischem Blick über das Geschehen, kann einschätzen, wie gesellschaftliche Phänomene fortdauern. Sie kann das Jahrhundert überblicken, schaut in die Häuser der Menschen zu verschiedenen Zeiten, Bazyar lässt sie sagen:
„ein Ort ist die Differenz aus Gegenwart und Schuld, denn Orte sind immer unschuldig, da sind sie sich ganz sicher, auch nachts, wenn sie allein wach liegen und genauer darüber nachdenken. (…) Ein Ort ist das Produkt seiner Biografien und Generationen, er erweitert sich mit jeder neuen Geburt und selbst der Tod ist kein Verlust für ihn, sondern das exponentielle Wachstum all seiner Erinnerungen, zumindest für die Tage rund um die Beerdigungen, dann legt sich das meist wieder.“
In solche Zeilen verhakt man sich als Leser gern, ähnlich im Kapitel „Es ging alles weiter, Lu. Es ging, einfach so, alles immer weiter“, in dem die Erzählstimme die Versäumnisse der lokalen Aufarbeitung im Land der „Erinnerungsweltmeister“ resümiert.
Die sehr späte Aufarbeitung in ihrem Heimatort hat Bazyar dazu gebracht, diesen Roman zu schreiben – erst als sie das Sachbuch „Juden im Gaumusterdorf. Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“ von Heinz Ganz-Ohlig (2018) liest, reift dieser Gedanke, schreibt sie im Nachwort. Sie will die „Lücken“ schließen; jene im Ort und in der kollektiven Erinnerung des Orts. Das fiktive Heimesbach beschreibt sie als den „Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer, wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“
Allein die Geschichte der Figur Resi wäre Stoff für einen großen historischen Roman gewesen: Resi arbeitet über sechs Jahrzehnte in einem Warenhaus, welches von dem jüdischen Ehepaar Lichter geführt wird, das später von den Nazis ermordet wird. Das Kaufhaus wird nach der NS-Zeit einfach wiedereröffnet, ein „Modehaus Wagner“ wird daraus. Resi reflektiert in einem der stärksten Kapitel mit ihrer Enkelin Tanja ihr Leben und ihr Verhalten während der Nazizeit, erinnert sich, warum sie keine BDM-Scharführerin werden wollte und warum sie bei den jüdischen Kaufhaus-Betreiber:innen kündigte, obwohl sie „nie ein schlechtes Wort über die Lichters verloren“ hatte (in dem Kapitel ist übrigens August 1992, und in Rostock-Lichtenhagen kommt es wieder zu Pogromen).
Warum Bazyar in verschiedene Biografien zu verschiedenen Zeiten blickt – auch das begreift man mit der Zeit. Es geht ihr um Parallelisierungen und Gleichzeitigkeiten, es geht ihr um Differenzierung. So gehört der freundliche Herr Völker, der Parvaneh und Bahman hilft, sich in Heimesbach einzuleben, genauso zur Erzählung wie das kurdische Paar Azad und Asrin, das wieder eine ganz andere Migrant:innenperspektive nach Heimesbach bringt. Manchmal ist es schwer als Leser zu folgen; man liest das Buch wohl besser zweimal, um alle Zusammenhänge zu durchschauen.
Der regionale Dialekt im Hunsrück spielt eine bedeutende Rolle. Wer ihn spricht, wer ihn versteht und durchdringt, ist heimisch oder heimisch geworden, die anderen werden immer ein Stück weit die anderen bleiben. Bazyar zeigt sehr filigran die Mechanismen des Ein- und Ausgeschlossenseins im Dorf beziehungsweise in der Kleinstadt auf, es wirkt wie ein Kommentar auf die heute krasse politische Kluft zwischen Provinz und urbanem Raum.
Shida Bazyar bleibt die gesamte Handlung über nah bei ihren Figuren. Sie vermag es sogar eine Fernsehdokumentation über einen jüdischen Überlebenden des Orts so zu dekonstruieren und zu beschreiben, dass man als Leser spürt, wie der Kloß im Hals bis zum Ende des Kapitels größer und größer wird. In der Gesamtkonstruktion des Romans wird die Dimension des Grauens in dem Wissen deutlich, dass sich eine ähnliche Geschichte wie die von Heimesbach über Hunderte deutsche Städte erzählen ließe.
„Die Lücken“ wird zu Recht gefeiert, sowohl wegen des Inhalts als auch wegen der Form. Die NS-Geschichte und alles, was ihr folgt, und welche „Lücken“ sich aus ihr ergaben, bilden das Zentrum des Werks. Kein Wunder, dass der Roman schon als Schullektüre ins Spiel gebracht wurde, Bazyar verknüpft deutsche Post-NS-Geschichte extrem dicht mit der exiliranischen Perspektive auf die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik. Angesichts eines drohenden neuen autoritären Zeitalters, neuen Realitäten von Ausgrenzung, Verfolgung und Antisemitismus darf „Die Lücken“ als Roman der Stunde gelten.
Read the full story at the source
Source: taz