Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Religion und Umgang mit Armut: Der verrückte Franz

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D ie Liebe wird nicht geliebt.“ Das ist so ein Satz, der einen begleiten kann über Jahrzehnte. Was bedeutet er? Und warum spricht er einen unmittelbar emotional an, verströmt Trauer und fast schon wilde Sehnsucht, obwohl man ihn nicht versteht?

Dass die Liebe selbst nicht geliebt wird, geht jedenfalls weit über zwischenmenschliche Unstimmigkeiten hinaus. Wer sich für die Liebe entscheidet, sagt der Satz, der entscheidet sich für sie ohne Aussicht auf Gegenliebe.

Die Liebe verbindet einen nicht mit, sie trennt einen von den Mitmenschen. Die Liebe ist radikal. So radikal, wie sich vom Besitz zu lösen und die Armen, die Leprakranken zu umarmen, ihre körperliche Nähe zu suchen, jenseits aller Ekel-, Ehrgeiz- und Eitelkeitsgrenzen.

Am 3. Oktober ist Franz von Assisi, dem der Satz zugeschrieben wird und der all das tat, gestorben, vor 800 Jahren. Das ist unfassbar lange her. Mein kleiner Sohn lernt gerade die Zahlen und verwechselt regelmäßig meine achtundfünfzig Jahre mit fünfundachtzig: Die Frage „Papa, bist du wirklich schon 85?“, ist die Frage, ob wir überhaupt in der selben Welt leben.

Auf unseren Wegen durch die Stadt treffen wir täglich auf die modernen Armen und Leprösen, und ich lehre mein Söhnchen, einen Bogen um sie zu machen. Einmal, am heißesten Tag des Sommers, klatscht ein Mensch direkt vor uns aufs Gesicht und bleibt liegen. Mein Sohn guckt aus dem Kindersitz, Menschen schlendern vorbei. Ich fingere mein Handy raus und rufe den Notarzt. Niemand geht ran. Mein Sohn hat Angst, der Mann stinkt nach Urin. Dann steht er ruckartig auf und torkelt weg, der Notarzt ruft zurück, wir sollen warten, wir warten, der Mann ist nicht mehr zu finden. Hatte er keinen Bock auf das, was wir ihm zu bieten haben?

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Die Liebe, sie wird nicht geliebt. Was sind 800 Jahre gegen diesen Satz? Zu Beginn der Neuzeit schreibt der italienische Philosoph Niccolò Machiavelli, „die christliche Religion“ wäre ohne den Heiligen Franz „vollkommen erloschen“. Denn er habe diese durch seine vorgelebte Armut überhaupt erst ins Bewusstsein der Menschen zurückgeführt.

Soweit es eine solche Franz-Botschaft noch gibt, die uns über die Jahrhunderte erreicht, ist es keine christliche oder überhaupt religiöse. Sie hat sich aber auch nicht ins rein Politische drehen lassen: Zwar wählten in den ärmsten Kiezen Berlins die Menschen weit überdurchschnittlich die Linke, die Wahlbeteiligung blieb aber weiterhin vergleichsweise gering. In ganz Berlin gab es eine Wahlbeteiligung von 74 Prozent. Im Wahlbezirk 3G in Neukölln lag sie nur bei 50.

Die Ärmsten dürstet es möglicherweise überhaupt nicht in erster Linie nach Lösungen. Sie wollen leben und in ihrer Lebensweise akzeptiert werden. Wenn wir dem Beispiel von Franziskus folgen wollten, müssten wir erst mal „die Prekarität als Form des evangelischen Lebens“ anerkennen, wie es in der links-katholischen italienischen Zeitung Avvenire in einem Artikel zum Jahrestag heißt. Wir müssten aufhören, auf die Armen herablassend zu blicken, sondern im Gegenteil zu ihnen aufschauen, aufschließen. Also praktisch gesagt nicht die Schrottimmobilie sozialisieren, sondern mit ihnen in der Schrottimmobilie leben.

Mit dieser Art von radikaler Hingabe – Machiavelli sagte es – hat Franz eine Institution gerettet, die Kirche. Er hat sie dazu gezwungen, sich zu seinem extremen Beispiel zu positionieren. Und das gelang, weil Franz die Institution selbst nicht frontal angriff, sodass sein Vor-Leben integriert werden konnte.

Welche Institution würden wir durch unser Beispiel retten wollen? Die bürgerliche Demokratie? Oder warten wir mal lieber wieder auf den Erlöser, den armen Irren, der sich opfert, damit alle anderen leben können?

Was wir uns und Franz jedenfalls nicht antun sollten, ist, ihn uns näherzurücken, ihn unmystischer, unmittelalterlicher, weniger fanatisch gläubig und verrückt zu machen, als er war. Franz, so heißt es in Avvenir, liebte die Armut mehr als die Armen: „Er ging nicht zu den Leprakranken, um ihnen zu helfen oder um ein Leprakrankenhaus zu errichten. Nein: Er ging zu ihnen, um so zu werden wie sie. Wir hingegen stellen uns Armut, wenn wir überhaupt an sie denken, vor als ein Übel, das es zu beseitigen gilt, denn die Armen zu lieben bedeutet, die Armut zu hassen. Und das tun wir zu Recht.“

Dass die Liebe nicht geliebt wird, können wir insofern auch als Aufforderung verstehen in den banalen politischen Mühen. Andrea Nahles hat in ihrem Kampf um den heute selbstverständlichen Mindestlohn vor gut 10 Jahren keine Liebe erfahren, sondern sah sich einer üblen Kampagne von Union und Arbeitgebern ausgesetzt. Und wenn wir heute daran arbeiten, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch auch dem Wohle der Allgemeinheit dient, wie es im Grundgesetz steht, dann dürfen wir uns nicht davon abschrecken lassen, dass uns dafür Ablehnung, ja Hass entgegenschlägt.

Anders gesagt: Wenn wir uns das Leben einfach machen wollen, suchen wir uns lieber einen anderen Heiligen als Franz.

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Source: taz