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Rap in der Krise: Wenn HipHop-Legenden ihre Realness verlieren
Die einst gepriesene „Ästhetik des Draufhaltens“ ist nur noch ein Draufhalten auf menschlichen Verfall. Was bleibt, ist neue Hoffnung auf Hobbyismus. mehr...
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A ls die Welt noch in Ordnung war, wurden die Rapper Celo & Abdi im Zoo von einem Schafbock angesprungen und Xatar träumte im Knast von einem Köftespieß. Ich denke an mit Deutschrap verknüpften Youtube-Content aus den 2010er-Jahren und werde kurz nostalgisch. Es war die Zeit vorm großen Goldrausch.
Die Plattformen hatten noch nicht endgültig ihren anarchischen Amateur-Vibe verloren, selbst professionelle Produktionen wurden den DIY-Charakter nicht los. Deutschrap-Interview-Videos auf Channels wie 16Bars waren so schlecht ausgeleuchtet, alle sahen kränklich aus. Die Interviewten redeten drauflos. Sie verdrängten monologisierend den Drang nach einem geleckten Auftreten.
Viele dieser Interviews in Überlänge wirkten wie verkappte Therapiesessions, in anderen vergaßen fast noch kindliche Straßenrapper genau diese Kindlichkeit zu kaschieren. Was da passierte, war „real“, low budget und nicht durchgebrandet. Es war das erste Mal, dass Personen mit Migrationsgeschichte in Deutschland so oft und so viel Redeanteil und Screentime hatten. Im Fernsehen wäre das undenkbar gewesen.
Dann knallte der sogenannte Cloud Rap rein: mit seiner „Ästhetik des Draufhaltens“, wie es Kulturjournalist Sascha Ehlert mal nannte. Er überzog diese Realness mit immer mehr Ironie. Auch hier war zwischen Soundcloud-Hits, LiveFromEarth-Channel und Twitter-Meltdowns klar: Es geht in erster Linie um Spaß und in zweiter Linie ums Verkaufen – was sich ziemlich gut verkaufte.
Sogar der YouTuber Rooz, der mit Bushidos Ex-Manager Arafat Abou-Chaker über das Leben philosophierte, war zwar makaber und schon damals völlig off, aber auch: vertretbar faszinierend? Die Homophobie, der Sexismus, die absurden Verschwörungserzählungen von Reptiloiden in den ganzen Videos: schlimm. Aber genauso oft war das alles fun und menschlich. Kein Slop, kein Skript. Dieser Content funktionierte losgelöst von der Musik.
Und heute? Arafat Abou-Chaker sitzt beim rechtsextremen Compact-Magazin. Capital Bra macht Casinostreams. Was mit Haftbefehl los war, wurde voyeuristisch bei Netflix ausgeschlachtet.
Und Rin und LGoony, die damals zu „Cloud Rap“ zählten, sprechen in Videos gerade öffentlich darüber, dass es nicht mehr läuft. Content als Krisenkommunikation. Touren werden abgesagt, die Dominanz der Streamingplattformen geißeln den musikalischen Mittelbau.
Spaß an Content haben vielleicht ein paar Tiktok-Stars. Ikkimel, Ski Aggu, vorhersehbar und gescriptet. Interviews werden wie bei „Stoked“ oder Apple Music von der Musikindustrie finanziert. Dementsprechend affirmativ und krampfig wirken sie oft. Die „Ästhetik des Draufhaltens“ ist zum Relikt verkommen oder nur noch ein Draufhalten auf den menschlichen Verfall. Rapper wie Pashanim verzichten beinahe ganz auf Content, es ist vermutlich der intelligenteste Weg. Da ist eine Blase geplatzt.
Was übrig bleibt ist die Rückbesinnung auf professionalisierten Hobbyismus. Das Kollektiv binhieramleben gibt mir Hoffnung. Die Formel ist einfach. Sie streamen in wechselnder Besetzung live bei Twitch, bauen einen Beat und rappen. Es geht in diesen Streams um den festen Glauben daran, dass es immer einen besseren Reim auf Haus gibt als Maus. Diesen Leuten in ihrem Leipziger WG-Zimmer dabei zuzusehen, wie sie shittalken, Songs übers Zähneputzen und sächsische Kleinstädte entstehen lassen und die Kamera mitläuft, hat eine heilende Wirkung. Da passiert was in den Trümmern der geplatzten Blase.