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Premiere 100 Jahre Münchner Kammerspiele: Selbstbewusst den Schorf der Vergangenheit aufkratzen
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Unter anderem „Zum großen Wurstl“, in Anlehnung an den Wiener Wurstlprater, hatten die Kammerspiele mal geheißen, bevor sie 1926 in das von Max Littmann erbaute Schauspielhaus an der Maximilianstraße zogen. Ein Name, so provokant, dass Heinrich Mann sich 1910 sogar gerichtlich dagegen wehrte, seinen Einakter „Varieté“ dort aufgeführt zu sehen, und eine Anekdote so saftig, dass es sich Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) nicht nehmen lässt, diese am Eröffnungsabend der 100. Spielzeit der Münchner Kammerspiele in diesem, ihrem Saal zum Besten zu geben.
Ein ziemlicher Batzen Geschichte ist es, auf den die Kammerspiele zurückblicken können, und genau dieser wird den Abend über noch gedreht und gewendet werden – nicht nur in den feierlichen Reden.
Dass diese sich erst mal ein bisschen selbst versichern, sei ihnen gegönnt: Theater des Jahres! Inszenierung des Jahres! Schauspieler des Jahres! Dramaturgin des Jahres! Dreimal Theatertreffen! Nur einige der Preise und Auszeichnungen, auf die Barbara Mundel seit Übernahme der Intendanz zurückblicken kann. Und so, wie Krause fleißig in die Zukunft blickt und die sachsen-anhaltinische AfD adressiert, blickt Mundel zurück: auf Schweigen und Grausamkeiten im Haus unter den Nationalsozialisten und die Kontinuitäten nach 1945. Die Kammerspiele können und dürfen „das Gestern nicht in Ruhe lassen“. Vorhang auf. Die Spielzeit beginnt.
„Danton“ ist eben nicht Büchners „Dantons Tod“, der hier auf die Bretter dieses von Richard Riemerschmid gestalteten, atemberaubend schönen Saals à la „Rudolf Steiner meets Jugendstil“ (wie es später im Stück heißen wird) gelegt wird, so wie es 1926 zur Eröffnung der Kammerspiele geschah; damals noch mit einem teils jüdischen Ensemble. Stattdessen gibt es wildes Metatheater, angeführt von Regisseurin Lizzy Timmers vom Kollektiv Post Paradies.
Drei Zeit- und Fiktionsebenen durchpflügen die Schauspieler:innen im Stück (darunter auch die Kollektivmitglieder Pina Bergemann, Henrike Commichau, Leon Pfannenmüller), das sich größtenteils um die Proben zu „Dantons Tod“ in den Münchner Kammerspielen 1926 dreht, zeitweise jedoch in die Gegenwart fällt.
Das führt zu einigen Doppelbesetzungen wie beim samtstimmigen Edmund Telgenkämper in den Rollen Robespierres, Hans Schweikarts (Ensemble-Mitglied unter Falckenberg und NS-Profiteur) und Flora Fromms (eine der jüdischen Gesellschafterinnen des Hauses) und natürlich sich selbst. Nicht nur thematisch, auch strukturell werden damit Erinnerungen an Peter Weiss’ „Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ wach.
„Damals wie heute spüren wir das Plädoyer im Büchner’schen Text, das Historische in der Komplexität des Details auszuhalten. Immer noch trifft Büchners Ruf gegen das Tyrannische auf Resonanz, sein Ruf auf die Dynamik der Gewalt, die einmal entfesselt, alles mit sich reißt. Gutes wie Schlechtes, unkontrollierbar.“ So mahnt Leon Pfannenmüller als er selbst oder eben in der Rolle des Falckenberg-Dramaturgen Wolfgang Petzet gleich am Anfang und verweist damit auf alles, was da noch kommt.
Etwa wenn Christian Löber einem mit seinen Worten mitten an den Brustkorb greift, wenn er als historischer Cornelius Klämmerer vom Cruising im Englischen Garten mit einem SA-Mann berichtet, von Angst und Scham und Lust. Oder wenn Henrike Commichau von den damaligen vergeblichen studentischen Versuchen der Umbenennung der Otto-Falckenberg-Schauspielschule berichtet, auf welcher sie vor mehr als zehn Jahren ausgebildet wurde. Oder wenn Telgenkämper aus der Rolle der Flora Fromm kippt und Überlegungen zu geschichtsentscheidenden Momenten anstellt und erst an den Mord Walther Rathenaus erinnert, um anschließend mit aus der Handtasche gepulten Isarkieseln an alle ermordeten Mitglieder der Familie Fromm zu erinnern.
Eben jene tragisch-verantwortungsvollen Ereignisse sind es, die die Französische Revolution Georges Dantons, den Vormärz zu Büchners Lebzeiten, die Vorzeit des Nationalsozialismus und – so die These des Abends – das Heute verbinden. Dass das Ganze nicht zu didaktisch daherkommt, liegt auch an der großartigen und permanenten Musik des Abends (Komposition Kristina Koropecki, Live-Musik: Jakob Roters). Besonders erwähnenswert hier der tragische Solo-Gesang Luisa Wöllischs als Julie, der Ehefrau Dantons.
Und auch einige der an der Fremdschamgrenzen kratzenden Showmomente wie Pfannenmüllers Clownseinlage, als dieser gen Ende versucht, die abendprägende Zahl „100“ auf die Spitze des sich in eine Torte verwandelten Bühnenbilds zu setzen, sind wahrscheinlich für große Teile des Publikums perfekt dosiert, um eine spritzige Mischung aus Moral und Metacollage (der Abend wird immer wieder durchbrochen mit Zitaten anderer Stücke wie „Hedda Gabler“ und „Leonce und Lena“) entstehen zu lassen – und eben die Rückversicherung, das Richtige in falschen Zeiten zu machen. Als Haus, aber eben auch als Kulturszene der Stadt München.
Dass beim tosenden Schlussapplaus dann doch nicht aufgestanden wird, scheint zumindest eher am bleischweren Gewicht der Weltlage auf den Schultern des Publikums zu liegen als an der Inszenierung selbst.
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Source: taz