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Postpartale Depression bei Männern: Ein Glücksmoment, der keiner ist
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Stell dir vor, es geht dir richtig dreckig und alle gratulieren dir überschwänglich. Das kann dir passieren, wenn du gerade ein Kind bekommen hast. So war es bei mir. Es ging mir schlecht. Ich hatte Angst, einen riesigen Fehler begangen zu haben, war dauernd gereizt, und die ganzen verzückten Gesichter um mich herum fühlten sich völlig verkehrt an. Als würde mich keiner meiner sonst so einfühlsamen Leute mehr richtig sehen.
Ich hatte vorher immer nur die Geschichten gehört, dass dich punktgenau mit der Geburt deines Kindes plötzlich eine neue Liebe erfüllt. Nie vorher gekannt. Ein Freund von mir meinte, ich würde dann eine „Welt der Liebe“ betreten. Er schien irritiert, dass bei mir nix mit Welt der Liebe zu fühlen war. Ich war ihm richtig böse, dass er mich so angelogen hatte. Hat er natürlich nicht. Er hatte nur seine Erfahrungen verallgemeinert.
Menschen reagieren unterschiedlich. Ein Teil ist sofort verliebt, anderen geht es schlecht bis hin zur sogenannten postpartalen Depression. Mit anhaltender Traurigkeit, Erschöpfung und Gefühllosigkeit. Das Ganze ist außerdem so aufgeladen, dass Leute oft nicht offen über ihre Gefühle sprechen. Dagegen terrorisieren die Sofortverliebten die Mehrheit mit ihren romantischen Vorstellungen von Elternliebe.
Bei mir war jedenfalls kaum Liebe zu spüren. Vielmehr war da jetzt ein schreiender Fremder, der den Rest meines Lebens dominieren würde. Er wird mir die Nächte rauben, dabei schlafe ich ohnehin schon nicht gut. Er wird mir keine Zeit zum Schreiben von Texten wie diesen hier lassen. Er wird mir die Haare vom Kopf fressen und ich muss dafür noch mehr lohnarbeiten. Was für eine katastrophale Entscheidung.
Und alle lachen dir ins Gesicht und fragen: „Naaa? Macht ihr es euch kuschelig?“ GRATULIERE! WIE SCHÖN! GENIESST IHR EURE VERLIEBTHEIT? Oder sie schicken dir Whatsapp-Nachrichten mit vielen Herzen und Partytüten. Selbst die Broschüre „Elternmail Berlin“ wünscht einem viele „Glücksmomente beim Kennenlernen“ und gratuliert zum „kleinen Wunder“. Dazu Zeichnungen von tiefzufriedenen Müttern und Vätern, die ihre kleinen Wunder ans Herz drücken. Allerdings spricht die Broschüre weiter hinten durchaus von postpartaler Depression. Sie lässt Raum für Ambivalenz.
Muss ja auch. Denn es kommt wirklich oft vor. Fragt man Mütter nach depressiven Symptomen, berichten gut 17 Prozent davon. Bei Vätern liegen die üblichen Zahlen niedriger. Allerdings können sich Depressionen bei Männern auch stärker durch Gereiztheit, Wut oder Rückzug zeigen. So war das auch bei mir. In einer Studie waren knapp 16 Prozent der Väter auffällig, wenn solche Symptome berücksichtigt wurden.
Wenn du frisch gebackenen Eltern gratulierst, kann es also gut sein, dass es mindestens einem von beiden schlecht geht: Drei Monate nach der Geburt hatte in einer schwedischen Untersuchung bei fast jedem vierten Paar mindestens ein Elternteil depressive Symptome.
Und nachdem ich so dramatisch meine negativen Gefühle beschrieben habe: Mir geht es besser. Ich fühle mich jetzt, nach knapp einem halben Jahr, nicht mehr massiv überfordert. Kein Stein mehr auf meiner Brust. Er wirkt auch nicht so, als hätten ihm meine „falschen“ Gefühle geschadet. Ich liebe es, wie er lacht, wenn ich mit ihm Kuckuck spiele, oder wie er mitzwitschert, wenn ich ihm im Kinderwagen „Die Arbeiter von Wien“ vorschmettere. Das ist nicht selbstverständlich. Bei vielen kann sich das über Jahre ziehen.
Man sollte sich die schlechten Gefühle in der Elternschaft nicht nur als etwas vorstellen, was per Hormonspiegel quasi aus dem Himmel fällt. Mir geht es auch deshalb besser, weil die Umstände recht günstig sind. Wir haben das Glück, dass er nachts nur ein- bis zweimal aufwacht. Er schreit zwar, aber nur phasenweise, und ist ansonsten ein gesundes und glückliches Kind. Die (halbwegs) bezahlte Elternzeit hat mir enorm geholfen und hilft meiner Partnerin immer noch. Wir schaffen es meistens, uns gut gegenseitig zu unterstützen. Und ganz wichtig: Wir haben gerade keinen Armutsstress.
Ich habe mich außerdem sofort um einen Therapeuten gekümmert und generell ziemlich offen darüber gesprochen, wie es mir ging. Wir haben beide weiterhin die Möglichkeit, einige der Dinge zu tun, die uns wichtig sind. Ich kann also regelmäßig in die Muckibude und ab und zu Texte schreiben.
Das geht vielen nicht so. Ein Freund von mir hat es mit seiner Elternschaft deutlich schwerer. Er reagiert nur noch etwa alle sieben, acht Wochen auf meine Whatsapp-Nachrichten. Treffen klappen kaum noch. Deren Geldreserven sind inzwischen auch weg, weil sie Therapien bezahlen müssen, die die Kasse nicht zahlt. Das macht dünnhäutig.
Es war gut, aber schwierig, dass ich so offen damit umgegangen bin. Viele wirkten wie vor den Kopf gestoßen, als ich auf ihre Freude und ihre Fragen, wie es so sei, erklärte: „Na ja, nicht so gut.“ Ich fühlte mich, als würde ich etwas Heiliges entweihen. Das lag auch an meinen eigenen Schuldgefühlen. Hätte ich mir das nicht vorher besser überlegen können? Oder habe ich zu lange gewartet? Was bin ich nur für ein Vater?
Gleichzeitig passierte etwas Merkwürdiges. Sobald ich selbst die Stimmung versaut hatte, erzählten mir plötzlich andere ihre Geschichten. Dass es ihnen nach der Geburt auch furchtbar gegangen sei. Oder ihren Partner*innen. „Mir ging es zwei Jahre lang so schlecht“, sagte mir eine. Ein anderer erzählte, er habe ewig gebraucht, um überhaupt einen Draht zu seinem Kind zu finden.
Eine Grenze hatte meine Offenheit dennoch. Fast hätte ich diesen Artikel nicht geschrieben, weil ich Sorge hatte, dass mein Sohn ihn irgendwann aus den Tiefen des taz-Archivs ausgräbt und denkt, ich hätte ihn nicht geliebt. Darum musste ich mit dem Schreiben auch warten, bis die Liebe da war.
Dabei bin ich der Vater. Der Druck auf Mütter ist viel größer. Eine sogenannte gute Mutter liebt ihr Kind sofort, ist überwältigt, fürsorglich, dankbar. Sie darf müde sein, aber am besten auf eine Weise, bei der sie trotzdem strahlt. Aber eine Mutter, die nach der Geburt denkt, sie will ihre Ruhe, ihr altes Leben zurück oder einfach nur weg? Da steht schnell der Begriff „Rabenmutter“ im Raum. Im schlimmsten Fall fühlt sie sich selbst wie ein Monster, weil sie nicht empfindet, was eine Mutter angeblich empfinden muss.
Mir geht es auch nicht darum, dass alle aufhören sollen, sich über Kinder zu freuen. Kinder sind eine tolle Sache. Aber vielleicht können wir dann noch eine Frage stellen, bei der nicht schon feststehen muss, was die Antwort ist. Nicht nur: „Na, seid ihr verliebt?“ Sondern auch ein ergebnisoffenes: „Wie geht es dir?“ Und wenn die Antwort lautet: „Scheiße, ehrlich gesagt“, dann könnt ihr zeigen, warum ihr Freunde oder liebe Verwandte seid.
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Source: taz