Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Pilzsaison beginnt: Pilzliebe geht auch ohne Magen

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E s fängt an zu regnen und wird kalt. Einige ziehen unter den Funktionsjacken unbehaglich die Schultern zusammen. „Kommt mal ein bisschen unters Buchendach“, sagt Ben Nurgenc. Es ist fast trocken unter den riesigen Buchenkronen, typisch für den Sachsenwald östlich von Hamburg. Der Boden ist weich und feucht. Ideal für Pilze. Und derentwegen sind wir hier.

Die ersten finden wir am Stamm einer toten Birke – viele kleine, giftig-gelbe. Pilzführer Ben lässt die anderen die Pilze beschreiben. Am Ende ist man sich einig: Grünblättriger Schwefelkopf, ein „Zersetzer“, der von Totholz lebt. Er ist so giftig, wie er aussieht. Schade. Auf manchen Gesichtern ist Enttäuschung zu lesen.

Die Interessen klaffen nämlich auseinander: Praktisch alle Teil­neh­me­r:in­nen sammeln Pilze, um sie zu essen. Die Führung haben die meisten gebucht, weil sie ihr Repertoire erweitern wollen.

Ben dagegen ist dem Naturschutz verpflichtet. Er ist Konzeptkünstler und hat sich nebenbei zum Mykologen fortgebildet, kartiert die Pilzvorkommen in Ökosystemen. Pilzführungen sind sein drittes Standbein.

Das ist eine wachsende Branche, denn immer mehr Menschen entdecken ihr Interesse am Pilzesammeln. Dabei macht die Firma Waldsamkeit, für die Ben arbeitet, schon auf ihrer Webseite deutlich, dass es bei ihren Führungen nicht ums Sammeln geht. Aber nicht alle haben das so verstanden.

Ben muss sie nun einfangen, muss versuchen, seine eigene Faszination für diese Zwischenlebewesen auf seine Gäste zu übertragen.

Sophia, im Vorschulalter, findet auch im beige-braunen Fleckenteppich des Herbstlaubs alles: Da, ein weißlicher Schirmpilz mit Flocken auf dem Schirm. Einer weiß gleich: „Ah, ein Perlpilz!“ Doch Ben lässt ihn erst mal von Hand zu Hand gehen. Wir sollen genau hinschauen, beschreiben, was wir sehen.

Der schmackhafte Perlpilz, der in Symbiose mit Buchen wächst, hat nämlich einen tödlich giftigen Doppelgänger, den Pantherpilz. Den erkennt man an den „Bergsteigersöckchen“ um die Knolle, wie Ben sagt. Deshalb sei es so wichtig, Pilze zur Bestimmung ganz aus der Erde zu drehen. Der Schaden am Wurzelwerk, dem Myzel, sei verschmerzbar. Als ein kleines Stück vom Hut abbricht, färbt sich die Bruchstelle rötlich. Der Beweis: ein Perlpilz.

Mitgenommen wird er trotzdem nicht. Ben hängt ihn zärtlich in eine Astgabel. „Dann kann er breiter aussporen“, sagt er, also seine Samen weiter verteilen. Damit es auch im kommenden Jahr wieder Pilze gibt.

Pilze würden weniger, sagt Ben, weil es trockener wird, wegen der intensiven Waldnutzung, der Bodenverdichtung durch gewaltige Holz-Harvester. „Sogar, dass wir hier in so einer Gruppe stehen, ist nicht so gut“, sagt er.

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Für uns Laien ist das nicht zu erkennen. Überall sprießt es aus dem Boden. Der Breitblättrige Holzrübling, ein Speisepilz, „aber nicht so doll“; der Rosa Rettich-Helmling, giftig; die Steife Koralle, essbar. An einem Baumstamm wächst Hallimasch, ein Parasit. „Ziemlich sicher, dass der den Baum gekillt hat“, sagt Ben. Kahler Krempling, Risspilze, Fliegenpilz – in diesem Wald wächst auch genug für einen Massenmord an Menschen.

Es wird hell, weil die Sonne rauskommt – und weil wir vom düsteren Buchenwald in einen lichten Nadelwald übergehen. „Mykologisch ist der nicht so interessant“, findet Ben. Aber plötzlich gibt es Maronen.

Lars, dessen Tochter auf seinem Rücken schläft, kommt mit einem daumengroßen Röhrling an. „Fichtensteinpilz!“, sagt er triumphierend. Ben zeigt auf das braune Netz auf dem Stamm. Es ist ein Gallenbitterling, mit dem man eine ganze Pilzpfanne versauen kann. Wie der schmeckt? „Nach Kotze“, sagt Ben.

Er hat das Jagdfieber der Gruppe gespürt. „Wer jetzt noch Maronen sammeln will, kann gern bleiben“, sagt er. Aber keiner traut sich. Die Führung ist zu Ende. Aber wollten wir nicht noch über Täublinge sprechen?

Ben lässt uns ein paar Pilze aus dem Fächerkasten nehmen, den er während der Wanderung gefüllt hat. Er hält einen mit blassrotem Hut hoch. Und dann kommt der Satz, auf den viele gehofft hatten: „Frauentäubling“, sagt er, „ehrlich gesagt, noch ein bisschen geiler als der Steinpilz.“

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Source: taz