Germany taz
Noah Wyle ist „Sexiest Man Alive 2026“: Chickenanteil deutlich erhöht
Männlichkeit ist in der Krise wie Schweinefleisch bei McDonald’s. Kann ein Mann noch sexy sein? Der US-Schauspieler Noah Wyle punktet mit einer breiten Palette. mehr...
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
V ergessen, nein: Versuchen wir nur für einen Moment, die Pelicot-Männer und den Berliner Serienvergewaltiger Frank S. ein wenig aus dem Schlaglicht zu rücken, in das sie ja noch immer viel zu selten sich gestellt sehen.
Versuchen wir, die von Männern ausgehende „extreme Entmenschlichung“ – so eine Ermittlerin zu den Taten des Frank S. – irgendwie aus dem Kopf zu bekommen. Denn wie anders könnten wir uns sonst heute dem Phänomen „Sexiest Man Alive“ zuwenden?
Anders gesagt: Wir können keine Gedichtchen mehr über den süßen Mond schreiben, ohne der Tatsache Rechnung zu tragen, dass dort oben tonnenweise menschlicher Müll durch den Weltraum fliegt. Männlichkeit ist in der Krise, weil sie selbst diese Krise ist. Was repräsentiert der 55-jährige Kalifornier Noah Wyle in diesem Zusammenhang?
Ich dachte erst, ich kenne den Mann gar nicht. Ich habe weder „Emergency Room“ – und wenn, dann dort George Clooney – noch „The Pitt“ gesehen. Nicht zufällig wohl zwei Krankenhausserien, in denen Wyle Ärzte verkörpert, einer Berufsgruppe, die bei Umfragen ansehensmäßig gleich hinter Feuerwehrpersonal und Pflegekräften rangiert.
Aber dann fiel mir eine glückliche Zeit ein, die ich mit einem meiner Söhne bei der von Steven Spielberg produzierten Serie „Falling Skies“ verbracht habe. Eine, da hat Wikipedia völlig recht, „Military-Science-Fiction-Fernsehserie“, in der also eine Menge auf außerirdische Invasoren geballert wird.
Noah Wyle verkörpert hier Tom Mason, einen Professor für US-amerikanische (Revolutions-)Geschichte und allein erziehenden Vater dreier Kinder, denn die Außerirdischen haben seine Frau natürlich ermordet. So sind sie halt.
Das ganze Spektakel in fünf Staffeln ist, mit Karl Valentin zu sprechen, ein „Riesenblödsinn“ oder auch ein mieser, militaristischer, nationalistischer Dreck; und bedient doch zulässige Sehnsüchte und lässt sich reinziehen wie ein saftiger McRib, von dem wir uns an dieser Stelle by the way grüßend verabschieden, da er am 28. Oktober 2026 aus dem McDonald’s-Menü in Deutschland gestrichen wird.
Vielleicht ist Noah Wyle als Tom Mason auch so eine Art McRib: warmherzig, aber auch saftig-entschlossen, wenn es sein muss. Und wenn mal Blut von seinen Händen tropft, ist es eh nur Barbecuesauce mit Raucharoma.
Wie einem McRib hängt Wyle/Mason eine gewisse Melancholie an, eine Erinnerung an Zeiten, in denen der Professor sich nur theoretisch mit dem Freiheitskampf seiner Nation befassen konnte und nicht zum kaltblütigen Killer werden musste. Eine Zeit, als Fleisch noch vor allem Schweinefleisch war und ein Burgerbrater gewiss nicht auf die Idee kam, „den Bereich Chicken auszubauen“, wie das McRib-Ende in der Zeitung Standard analysiert wird.
Und das ist wohl auch die Geschmacksrichtung, die uns auf die Spur des „Sexiest Man Alive 2026“ führt: Es ist noch ein wenig Schwein dran, aber der Chickenanteil ist deutlich erhöht.
Er ist vor allem ein Macher, als Arzt und Wissenschaftler und Weltenretter, aber er hat auch starke privat-väterliche Anteile und kommt dabei ganz ohne Mutti oder Ehe-/Zugehfrau zurecht.
Er hat intellektuell was drauf, aber er ist kein Stubenhocker, er kann auch ganz praktisch werden. Er kann führen, aber kann sich auch fallen lassen. Er kann Leben retten. Und er kann töten.
Womit wir wieder am Anfang sind. Und bei grundsätzlichen Fragen. Was bleibt von Männlichkeit? Wie kann sie überhaupt noch sexy sein? Und das führt uns unweigerlich zu der Frage der französischen Philosophin Manon Garcia, die den Pelicot-Prozess begleitet hat: Wie können wir mit Männern leben und wie die Männer mit sich selbst?