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Neues Album von US-Punkband: Die Sache mit der neuen Team-Dresch-Platte
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Das Adjektiv ikonisch wird in letzter Zeit geradezu inflationär bemüht, um Pop-Phänomene zu beschreiben, die einmal bedeutend waren, damit sie es heute wieder sein können. Skepsis ist also angebracht, wenn eine Band ständig mit diesem Prädikat versehen wird, eine Band zumal, die in den Top-Ten-Listen der wichtigsten Punkalben großer Musikmagazine kaum auftaucht, obwohl sie bei vielen Fans ewigen Kultstatus besitzt.
Im Fall der US-Queerpunkband Team Dresch sorgte die Ankündigung eines neuen Werks zu Recht für große Aufregung. 30 Jahre nach Veröffentlichung des letzten Studioalbums markiert „Furthermore“ zugleich einen Neuanfang und setzt eine unabgeschlossene Geschichte endlich fort.
1993 von Namenspatin Donna Dresch in Olympia, US-Bundesstaat Washington, gegründet, waren Team Dresch tief in der queeren Punk- und Fanzineszene verwurzelt. Sie erreichten mit den Alben „Personal Best“ (1995) und „Captain my Captain“ (1996) aber bald ein Publikum weit über diese überschaubare Szene hinaus. Die besondere Intensität der Musik war ein Grund, der Fokus auf das Erfahrbarmachen marginalisierter Identität(en) in den Songtexten vielleicht noch wichtiger.
Team Dresch: „Furthermore“ (Jealous Butcher/Red Eye/Bertus) live: 20.9. Mainz „Schon Schön“, 21.9. Oberhausen „Druckluft“, 22.9. Berlin, „Neue Zukunft“, wird fortgesetzt
Lange vor der Möglichkeit, sich unter Gleichgesinnten in den sozialen Medien auszutauschen, boten Team Dresch Jugendlichen von der US-Großstadt bis in deutsche Provinznester enormes Identifikationspotenzial zwischen Safe Space und Aufruhr. Für die Aufnahmen und die jetzt anstehende Europatour taten sich alle Originalbandmitglieder wieder zusammen: Jody Bleyle und Kaia Wilson an Gitarre und Gesang, Dresch an Bass und Gitarre sowie Marcéo Martinez und Melissa York am Schlagzeug.
„Furthermore“ aktualisiert die Haltung des Quintetts angesichts einer Gegenwart, die weltweit von Rechtsruck, einem Rollback von sexueller Selbstbestimmung und Hassattacken auf queere Menschen gekennzeichnet ist. „Our love offends you, fuck you, our bodies are a threat to you“, richtet sich etwa der kämpferische Song „Growing Underground“ an die neue Rechte und verweigert sich zugleich ihren Einschüchterungstaktiken: „You’re so scared of us – you should be.“
Dass die Produktion des neuen Albums aufgeräumter klingt und die Gitarren weniger kreischen als in den frühen Neunzigern, ist keine Überraschung. Die Drastik und Dringlichkeit des Team-Dresch-Sounds bleibt unverändert und wurde vom Produzenten Greg Griffith sanft modernisiert, etwa wenn postrockige Passagen mit hallenden Gitarren und moderaten Gesangseffekten („I’ve Really Become Some Thing“) in bisher ungehörte Flächigkeit abdriften.
Es dominiert dennoch die klassische Team-Dresch-Wuseligkeit, die schnelle Alternative-Rock-Riffs mit Halftime-Strophen durchbricht und in stampfender Punkenergie mündet („And Now Your Face“). Anders als viele ihrer Kolleginnen im Riot-Grrrl-Genre setzten Team Dresch nie auf geradlinige Riffs, sondern konstruieren komplexe Gebilde aus abrupten Wechseln zwischen Noiserock und sanfter Mehrstimmigkeit. Die Songs werden nach wie vor zusammengehalten von melodiösen Bassläufen und virtuosen Drums, deren vorgezogene Snarewirbel sie stets irgendwie schneller als vergleichbare Bands klingen lassen.
Insbesondere das Debütalbum „Personal Best“ gilt als Musterbeispiel explosiver Punkenergie, mit dem Auftaktsong „Fagetarian and Dyke“ als Einfallstor in eine Ästhetik der Dringlichkeit. Im Vergleich beginnt „Furthermore“ verhaltener, macht aber mit dem vertrackten Rhythmus der Vorabsingle „One Song“ deutlich, dass das Songwriting aktuell mindestens so smart ist. Textlich spielt „One Song“ auf das generationenübergreifende Potenzial des Albums an: „Some people say you only write one song / And that feels true / And I do it for you / The lonely young one / That was me.“
Solidarität in queeren Wahlfamilien und Netzwerken war immer zentrales Thema der Band und bleibt auch auf „Furthermore“ eine wichtige Botschaft. Dabei muss es nicht zwingend aggressiv zugehen. Die Einteilung von Lebenswelt in Innen- und Außenräume ist ein durchgehendes Motiv in den Texten und lädt Team Dresch mit der wichtigen Funktion von Punk als emotionalem Vehikel für Wut, aber eben auch Verletzbarkeit auf.
Die Protagonistinnen aus den Songtexten halten sich in Zimmern auf, hören Musik, schauen fern, haben Sex und wissen um die Notwendigkeit gegenseitiger Unterstützung als Schutz vor den Aggressionen der Außenwelt. Was banal klingen mag, war auf dem Debüt 1995 eine Sensation, denn hier wurde explizit lesbische Sexualität genauso besungen wie Liebeskummer, Depressionen und Angst vor Repression.
Von Anfang an haben Team Dresch mit den Texten Identifikationspotenzial angeboten, eine Vorstellungswelt, in der sich viele Menschen finden können. „Ich weiß, sie sind nicht für mich, ich weiß und trotzdem glaube ich, dass ich sie verstehen kann“, fassten Tocotronic diese Weltsicht zusammen und trugen mit ihrem Hommage-Song „Die Sache mit der Team Dresch Platte“ zur Bekanntheit der Band hierzulande bei.
Lang bevor Körperpolitiken und Rechte von Trans- und non-binären Menschen in Popsongs thematisiert wurden, verpackten Team Dresch ihre Beobachtungen in ihre Texte, manchmal mit leisem Humor, manchmal mit einer Direktheit, die ohne Übertreibung als lebensrettend bezeichnet werden kann: „Don't kill yourself cause people can't deal with your brilliance / Sometimes I can't remember why I want to live / But I think of all the freaks and I don't want to miss this.“
„Still your Room“ ist einer der aktuellen Songs mit Fokus auf den privaten Rückzugsort als Safe Space, wenn auch als Schauplatz einer Trennung. Denn natürlich kommen auch auf „Furthermore“ Geschichten von Liebe, Abschied und Kummer vor. Herzschmerz mit politischem Engagement zu verbinden und aus der direkten Auseinandersetzung mit dem eigenen Zurechtkommen in der Gesellschaft am Ende doch immer eine konstruktive, positive Haltung zu ziehen, ist seit jeher die Stärke von Team Dresch.
Weil sie dabei energisch wie eh und je klingen, macht ihr neues Album „Furthermore“ besonders Lust auf die anstehenden Konzerte. Ob man die US-Band als ikonisch, wegweisend, persönlich wichtig empfindet oder erst jetzt für sich entdeckt: Schön, dass Team Dresch wieder da sind.
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Source: taz