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Neues Album von Organist Maxime Denuc: Eine Orgel, die mehr atmet, als dass sie spielt
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Was verbindet Kali Malone (USA) mit Gigi Masin (Italien), Anushka Chkheidze (Georgien), Kit Downes (England), Philipp Sollmann (Deutschland), die Schwedin Anna von Hausswolff? Sie orgeln ordentlich rum. Die einen werkeln an experimentellen Orgelinstallationen (Sollmann), andere spielen Jazz im Kölner Dom (Downes); Malone wiederum dockt beim Subgenre Doommetal an. Alle Genannten laben sich auf interessante Weise an der langen, vornehmlich europäischen Kulturgeschichte des Kircheninstruments.
Bei den meisten Organist:Innen sitzen Kanons, Krebsgänge oder Partimenti locker wie Pistolen am Halfter von schießwütigen Cowboys, womit über das Musikinstrument sofort der Brückenschlag zum Barock gelingt. Auffällig ist, wie eng dieser Schulterschluss ausfallen kann – und wie populär Orgelmusik momentan ist: Wenn ein Konzert von Orgelinfluencerin Anna Lapwood etwa bei Tiktok angekündigt wird, stellen sich bisweilen 10.000 Menschen an und begehren Eintritt. Weder Bach noch Händel haben Vergleichbares fertiggebracht.
Bei Maxime Denuc, einem französischen Tastenenthusiasten, muss man eigentlich gar nicht lange auf die Suche nach barocken Einflüssen gehen. Aus seiner (Vor-)Prägung macht der Künstler, der seit Langem in Brüssel wohnt, keinen Hehl. Sowohl auf seinem Debütsoloalbum „Nachthorn“ (2022) als auch beim Projekt Plapla Pinky (mit Raphael Hénard) sind Barock und Frühbarock stets als Referenzen erkennbar.
Maxime Denuc: „Club Imperiale“ (light-years/Word&Sound)
Diese Prägung ändert sich nun mit Denucs neuem Album „Club Imperiale“. Die Begrüßung fällt hypnotisch aus, viel ekstatischer als man es aus der frühen Neuzeit kennen dürfte. Denucs „Hallucinogen“ erinnert sofort an drogeninduzierte Ekstase in Pillenform, die sich freudesuchende Partygänger:Innen des Nachts mit empathischer Leidenschaft gegenseitig auf die Zunge legen.
Ein bestimmendes Ostinato, in besonders flotten, wie in Watte gepackten Anschlägen auf der Orgel gespielt, bietet das Fundament für einen fünfminütigen Rausch, in dessen Verlauf satte Basstöne kontrapunktisch für Gänsehaut sorgen. 140 Bpm lassen bei der fachkundigen Hörerschaft keinen Zweifel aufkommen, wer oder was Pate für diese ungewöhnliche Orgelkomposition stand: Trance.
Auch der Albumtitel verheißt eindeutige Dancefloorgefühle: Der titelgebende „Club Imperiale“, in Tirrenia an der toskanischen Mittelmeerküste gelegen, erlangte in den späten 1980ern Jahren Weltruhm und gilt als eine der Wiegen der „Progressive Trance“-Bewegung Italiens. Längst geschlossen, steht heute ein Fischrestaurant auf den Ruinen dieses Etablissements.
Ja, verliert sich hier etwa abermals ein Mann um die 40 in Gedanken an die wilden Tage seiner Jugend? Schwelgt Denuc in Erinnerungen an durchtanzte Nächte auf einem Dancefloor mit Blick über das Ligurische Meer? Keineswegs, der Organist kam selbst erst vor 20 Jahren, und damit über ein Jahrzehnt zu spät, in Kontakt mit Rave-Kultur. Für ihn ist der Sound eine Spekulation, Historic Fiction, wenn man so will. „Impreza“ mit seiner flirrenden Hookline kommt dabei dem, was man einen Trancetrack nennen würde, am nächsten.
Schließt man die Augen und lässt sich für einige Momente auf diese gut erzählte Story ein, schießen die Sinneseindrücke durch die Synapsen: Eine Laser-Show. Hochgeworfene Arme, die versuchen, das fraktale Licht einzufangen. Der spezifische, synthetische Schweißgeruch. Mahlende Kiefer und geweitete Pupillen. Eine bessere Welt.
Öffnet man die Augen, findet man sich … in einer Kirche. Um genau zu sein: in der Kirche St. Antonius in Düsseldorf. Denn es bedarf modernster Technik, um den Schulterschluss zwischen Orgel und Trance zu vollziehen. Hilfe naht in Form von Midischnittstellen und digitaler Einzeltonsteuerung, wie sie das Kirchenhaus im Stadtteil Oberkassel und die verbaute dreiteilige Orgel bietet.
Der Instrumentenbauer Mühleisen, verantwortlich für dieses kleine Wunderwerk, hat ganze Arbeit geleistet: Sein Instrument gilt als – how ironic – Mekka moderner Orgelmodule. Am Computer können hier Partituren komponiert werden, die das Instrument später quasi von allein abspielt. Das begeistert moderne Komponisten wie Maxime Denuc natürlich – und die besseren wissen dieses System auch zu nutzen und seine Technik auszureizen.
Besonders beeindruckend gelingt das im zurückhaltendsten Stück des Albums: „Atlantis“. Als würde man außerhalb der Kirche stehen, dringen die Orgeltöne aus der Entfernung zu uns vor. Man vernimmt das fast geräuschlose Einführen der Luft, die Maschine atmet mehr, als dass sie wirklich spielt. Dennoch herrscht eine große Anspannung, eine, die wiederum ins Gegenteil umschlagen kann.
Es ist Musik, die sich dem Postpathos verschrieben hat, nicht Teil der Neo-Klassik-Bewegung sein möchte, dabei aber geradezu obsessiv in Registern wie „überwältigend“ denkt. Womöglich ist das aber zu streng geurteilt: Wäre die Orgel zuletzt nicht so prominent bespielt worden, dann würde man Denucs neue Musik als großen Wurf feiern. Sein Album „Club Imperiale“ braucht sich jedenfalls vor den bereits veröffentlichten Werken nicht zu verstecken.
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Source: taz