Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Neues Album von Arab Strap: Hier wird Schwerkraft zu Levitation

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Alles hat seine Zeit. Auch in der Popmusik. Manche Bands begleiten einen nur in einem bestimmten Lebensabschnitt, dafür aber umso intensiver. Und wie bei guten Freunden können sich dann die Wege trennen für unbestimmte Zeit, um bei unverhoffter Wiederbegegnung nach Jahren die Zuneigung erneut in alter Intensität entflammen zu lassen. So jedenfalls mag es einem beim Hören des neuen Albums von Arab Strap ergehen.

Alles hat seine Zeit. Die 1990er-Jahre waren eine merkwürdige Zeit in England. Während Britpop zwischen Manchester und London teils in reaktionäres Fahrwasser geriet, eine Regression nämlich in die bewährten Muster von mainstreamigen Gitarrenrock, tat sich Außerordentliches im hohen Norden des Vereinigten Königreichs. Die störrischen Schotten orientierten sich lieber am Innovationsgeist von Velvet Underground, an der rohen Energie der Stooges und anderen Querköpfen.

Die tatsächlich neuen Pop-Impulse kamen daher aus Schottland. So gründeten The Delgados aus Glasgow ein Label namens Chemikal Underground, um ihre eigene Musik, aber auch die befreundeter Bands der lokalen Musikszene zu veröffentlichen. Ein wahrlich erstaunlicher Pool an Talenten verortete Glasgow als eigentliche Musikhauptstadt auf der kulturellen Landkarte Großbritanniens.

Arab Strap: „Half-Told Tales“ (Rock Action/Integral)

Neben den Postrock-Magiern Mogwai mit ihren extremistischen Laut-Leise-Exerzitien ließ vor allem das extraordinäre Duo Arab Strap aufhorchen. Multiinstrumentalist Malcolm Middleton sorgte für die Architektur des zwischen melancholischen Gitarrenflächen und elektronischen Beats changierenden Sounds, während der bärtige Sänger Aidan Moffat die atmosphärische Musik mit seinen melancholischen, oftmals autobiografischen und verregneten Texten durch den halb gesungenen, halb gesprochenen Vortrag mit ausgeprägtem schottischem Akzent ergänzte.

Zu der sich nie auf bewährte Rezepte verlassenden, immer experimentellen, aber nie anstrengenden Musik von Middleton rapsodierte Moffat in seinem sonoren Sprechgesang, erzählte von Liebeskummer, durchzechten Nächten, vergebenen Chancen und den kleinen Fluchten aus einem schwierigen Alltag. Wer von Anfang an dabei war, will sagen: vom fulminanten Debütalbum „The Week Never Starts Round Here“ (1996), blieb am Ball, doch nach neun Jahren und fünf dann immer weniger fulminanten Alben, war 2005 die Luft bei Arab Strap raus. Das Duo löste sich auf, einvernehmlich, um getrennte Solowege zu gehen.

Als 2021 nach mehr als anderthalb Jahrzehnten das Comebackalbum „As Days Get Dark“ erschien, hatten viele alte Fans das Interesse verloren. Ein schwerer Fehler, wie „Half-Told Tales“ nun eindringlich beweist, denn Arab Strap sind mit dem Album Nummer 3 der zweiten Werkphase am Höhepunkt ihres Könnens angekommen.

Man nehme nur das vorwärtsdrängende „You You You“ mit seinen betörenden Italodisco-Anklängen, zu denen Moffat die Tragödie des Älterwerdens so elegant wie scharfsichtig verflucht. „Be a Man“ wiederum bietet über sprudelnden Beats und zarten Klavierklängen eine wehmütige Reflexion über Vaterschaft im Zeitalter der toxischen Maskulinität, indem Moffat sich auseinandersetzt mit den Erwartungen, die männlichen Jugendlichen beim Erwachsenwerden von den Medien und der Gesellschaft auferlegt werden.

„Half-Told Tales“ beginnt reichlich krawallig mit dem Auftakt „I Get Noise“, bei dem Middleton alles in den Arab-Strap-Musikmaschinenmix wirft: kraftvolle, schwere Gitarrenriffs, donnernde Drums und ein hektisch hechelndes Saxofon veranstalten einen akustischen Sturm, in den hinein Moffat über die Sehnsucht nach Fluchtpunkten und behaglichen Rückzugsorten in einer Welt voll kreischenden Tumults sinniert.

Ein stimmiges Vorspiel zu den sage und schreibe 13 Stücken, die folgen. Waren die vorherigen Werke von Arab Strap allesamt um die 45 Minuten lang, so kommt das Geschenk, dass die Band uns und sich selbst zum 30. Geburtstag gemacht hat, mit einer vollen Stunde Spielzeit daher. Schwermut wird auf „Half-Told Tales“ vermittels der Magie der Musik verwandelt in Levitation, Leid gerät zu Freude, Resignation mutiert in Optimismus: Ihr neuntes Album in 30 Jahren, so erklärte Moffat, „soll eine Art Beschwörung sein, um die so schwer fassbaren Geister der Hoffnung und Solidarität freizusetzen.“ Ebendies ist Arab Strap auf „Half-Told Tales“ vollumfänglich gelungen.

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Source: taz