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Germany · taz · · 2h

Neue Berlin-Krimis: Hoffnung in dunkler Nacht

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Wird das ein deprimierender Herbst für Krimifans? Zumindest für die Le­se­r:in­nen der Gereon-Rath-Reihe wird es hart. Fast 20 Jahre lang hatte Volker Kutscher in jedem zweiten Herbst einen neuen Band vorgelegt, in dem er seinen Kommissar von der Weimarer Republik tief in die NS-Zeit begleitet hatte. 2024 ist der 10. Band erschienen, nun wäre es Zeit für den 11. – aber die Serie ist beendet.

Ein schwacher Trost ist da, dass in der ARD gerade die letzte Staffel von „Babylon Berlin“ läuft, die 1933 spielt – im Jahr der Machtübernahme. Die Serie beruht zwar auf den Büchern von Volker Kutscher, der Kommissar dort heißt auch Gereon Rath, seine Begleiterin und Kollegin heißt auch Charlotte Richter. Aber ansonsten ist die Verfilmung so frei, dass man sich fragt, ob die Dreh­buch­au­to­r:in­nen überhaupt die Romane gelesen haben. Viel Interesse daran scheinen sie jedenfalls nicht gehabt zu haben.

Doch es gibt Hoffnung in dunkler Nacht. Denn gleich zwei neue Krimis spielen mit den Kernelementen der Rath-Romane: Berlin. Und Rechtsextremismus. Da ist zum einen – etwas überraschend – „Hope Joanna“ von Horst Evers. Der hat sich über die Jahrzehnte vom Lesebühnenautor zum durch Funk und Fernsehen bekannten Kabarettisten hochgearbeitet, was beim Lesen des Krimis etwas irritierend ist. Es braucht ein wenig Zeit, bis man seine prägnante Stimme aus dem Ohr bekommt.

Das gelingt aber, weil „Hope Joanna“ anders als die klassischen Evers-Texte nicht nur auf wunderbaren Klamauk setzt, sondern tatsächlich einen guten Krimi bietet – mit Spannungsbogen, schillernden Figuren, überraschenden Wendungen. Und mit Nazis. Anders als bei Gereon Rath sind sie aber sehr zeitgemäß. Reichs­bür­ge­r:in­nen und Germanenkultfans, ein ehemaliger, Hausbesetzer hassender Innensenator, der davon träumt, noch weiter rechts noch einmal zu reüssieren – und prompt zu einer der Leichen wird, ohne die kein Krimi auskommt.

Horst Evers: „Hope Joanna“. Rowohlt Berlin, Berlin 2026. 320 Seiten, 24 Euro.

Dem gegenüber stellt Evers ein Ermittler:innenduo, angeführt von der titelgebenden Hope Joanna, einer einstigen Taekwondo-Kämpferin mit Olympiaambitionen, die nun Nazis eine … verpasst. Weitere Zutaten: Ein norwegischer Fußballprofi vom 1. FC Union Berlin, der sehr vergnüglich mit der deutschen Sprache spielt. Und der einen Maserati hat, aber keinen Führerschein. Hinzu kommen: die amtierende Innensenatorin mit einem Hang zu seltsamen Kostümen. Eine Polizeikollegin, die Siri heißt. Rechte Bierbrauer, die den Erfolg der AfD erklären. Und die Geschichte gipfelt in einem etwas durchgedrehter Showdown hoch über den Dächern von Berlin.

„So eine hanebüchene Geschichte konnte sich kein Mensch ausdenken“, schreibt Evers selbst weit hinten im Buch. Was natürlich hanebüchen ist, weil Evers ja zeigt, dass er es kann. Aber man merkt schon. Die depressive Tiefe der Gereon-Rath-Krimis will und kann Evers nicht bieten. Die Rechten werden hier eher weggelacht als ernst genommen.

Die Lektüre verleitet zum Schmunzeln. Das kann in diesen Zeiten ja auch nicht falsch sein. Und dass eher als Humoristen bekannte Autoren sehr gute zeitgenössische Krimis schreiben können, ist spätestens seit „Views“ von Marc-Uwe Kling bekannt.

Noch näher dran am Konzept der Gereon-Rath-Krimis ist „Die weiße Nacht“ von Anne Stern. So nah, dass man sich gut vorstellen kann, wie es am Reißbrett der Lek­to­r:in­nen im Piper-Verlag entstanden ist, die dringend einen Nachfolger für ihre Rath-Reihe brauchten.

Auch hier gibt es ein Ermittler:innenduo. Der Kriminalkommissar Alfred König und die Fotografin Lou Faber, bei denen man förmlich darauf wartet, dass es zwischen den beiden irgendwann mal funkt. Auch hier spielt die präzise und mit viel Lokalkolorit beschriebene Stadt Berlin eine Hauptrolle. Nur eben nicht das Vorkriegs-, sondern das Nachkriegsberlin. Die Geschichte spielt Ende 1946.

Damit auch der Letzte versteht, dass es sich hier quasi um eine Fortsetzung handelt, hat der Verlag das Buch nicht nur in einen den Rath-Krimis ähnelnden Umschlag gepackt. Er bewirbt es selbst so sehr für Fans der Reihe, dass man skeptisch werden muss.

Anne Stern: „Die weiße Nacht“. Piper Verlag 2026, München. 400 Seiten, 25 Euro. Anne Stern ist zur Zeit auf Lesetour mit dem Krimi.

Zum Glück ist Anne Stern nicht irgendwer. Die Vielschreiberin hat bereits in Geschichten über eine Berliner Hebamme der 1920er Jahre in ein historisches Umfeld gepackt. Und das gelingt ihr mit „Die weiße Nacht“ erneut.

Vordergründig geht es um mehrere Leichen, die seltsam darpiert aufgefunden werden. Die Hauptrolle spielt aber das weitgehend zerstörte Berlin im Hungerwinter 1946/47. Anne Sterns Beschreibungen lassen einen beim Lesen selbst im Sommer frösteln. Überall zieht es durch die Fugen. Die Prot­ago­nis­t:in­nen dürfen sich schon freuen, wenn sie überhaupt eine Wohnung haben und nicht auf den schneebedeckten Friedhöfen in Kreuzberg Unterschlupf suchen müssen. Wer kann, verhökert die letzten Habseligkeiten auf dem Schwarzmarkt am nahe gelegenen Marheinekeplatz.

„Wer heute noch lebt, ist selber schuld“, lässt Anne Stern einen alten Mann in der U-Bahn sagen. Ein Satz, der die Hoffnungslosigkeit in der zwar von den Nazis befreiten, aber am Boden liegenden Stadt kaum besser beschreiben könnte.

Ein überraschender Ort in Anne Sterns „Die weiße Nacht“ liegt an der heutigen Torstraße 146 in Berlin-Mitte. Dort, so erfährt man aus dem Krimi, war in der Nachkriegszeit ein paar Jahre lang die Mordkommission der Berliner Polizei untergebracht. Die interessante Geschichte des Hauses aber liegt in der Vorkriegszeit. Denn dort war bis etwa 1941 … (Achtung, diese Textbox verrät ein paar Details aus dem Roman)

… ein jüdisches Krankenhaus. Die Ost-West-Verbindung zwischen Rosenthaler Platz und Friedrichstraße hieß damals noch Elsässer Straße. In der Hausnummer 85 war bis 1941 das „Israelitischen Krankenheim“ – das Krankenhauses von Adass Jisroel, wie man auf der Seite dieser jüdischen Gemeinde nachlesen kann. Demnach wurde das Krankenhaus dort 1909 mit 36 Betten, in den 1920er Jahren hatte es 56 Betten und machte sich auch als Geburtsklinik einen Namen.

In der NS-Zeit wurde das Krankenheim immer weiter drangsaliert. 1938 klagte etwa die Gestapo, dass sich im Krankenheim von Adass Jisroel „eine Reihe arischer Patienten“ befänden. Da aber jüdischen Ärz­t:in­nen ab 1. Oktober 1938 die Approbation entzogen wurde, durften sie nur noch jüdische Pa­ti­en­t:in­nen behandeln.

Das Krankenheim wurde vermutlich Ende September 1941 geschlossen, heißt es auf der Webseite. Die letzten Grabkarten aus der Friedhofskartei von Adass Jisroel, die das Krankenheim als Sterbeort angeben, tragen dieses Datum. In welcher Form die Schließung geschah und wohin Patienten, Personal und Geräte kamen, sei nicht bekannt. Von den Ärzten des Israelitischen Krankenheims seien mit einer Ausnahme alle getötet, bzw. ins Ausland getrieben worden. Nur einer habe das Morden überlebt und war 1945 in Berlin.

Mehr weiß man über die spätere Nutzung. Bis 1945 war das Haus HJ-Heim und Sitz eines Büros der nazifizierten „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, die bei der Liquidation von jüdischem Vermögen mitzuarbeiten hatte, heißt es bei Adass Jisroel.

Bis 1945 hatte das Polizeipräsidium seinen Sitz am Alexanderplatz, in der „Roten Burg“, die Le­se­r:in­nen der Gereon-Rath-Krimis gut bekannt ist. Heute steht am ungefähr gleichen Ort das Einkaufszentrum Alexa. Da das Gebäude im Krieg weitgehend zerstört wurde, wurde das Polizeipräsidium 1945 in die Elsässer Straße 85 verlegt, inklusive der damals noch für die ganze, in vier Sektoren geteilte Stadt zuständigen Mordkommission. Erst 1948 entstand in Berlin-Kreuzberg ein eigenes für die Westsektoren zuständiges Polizeipräsidium.

In den 1950er Jahren befand sich in dem ehemaligen Krankenheim eine Dienststelle der Deutschen Reichsbahn. Nach dem Mauerfall 1989 stand das Haus an der mittlerweile in Torstraße 146 umbenannten Adresse jahrzehntelang leer. Noch im Jahr 2017 fand ein Reporter der BZ darin neben Schutt und Schrott ein zerrissenes Plakat mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. „Eine Ruine ist es, kein Ort des Erinnerns“, hieß es in dem BZ-Bericht.

Mittlerweile ist das Haus glatt saniert. Drinnen findet man die Büros einer Firma, die sich um Künstliche Intelligenz kümmert. Große Fläche aber stehen leer und werden zur Miete angeboten. „Dank der aufwendigen Sanierung vereinen sich historische Architektur und zeitgemäßer Bürokomfort“, heißt es in einem Inserat bei Immobilienscout24.

Von der Historie des Hauses erfährt man aber nichts. Vor Ort erkennt man nur eine verblasste „85“ an der Fassade, die alte Hausnummer aus der Zeit des Israelischen Krankenheims. Stolpersteine oder eine Erinnerungstafel gibt es aber nicht. (ga)

Mit der aus den Kutscher-Romanen bekannte Dichte präzise beschriebener, historischer Orte kann Stern nicht ganz mithalten. Aber auch ihr gelingt es, Le­se­r:in­nen mit Geschichten der Stadt zu überraschen. Etwa dass die Mordkommission nach dem Krieg an der Torstraße in Berlin-Mitte untergebracht war – in einem ehemaligen jüdischen Krankenhaus, dessen Geschichte (siehe Textbox) selbst vielen Ortskundigen unbekannt ist. Oder dass die Mordermittler im schon geteilten Berlin noch für die ganze Stadt zuständig waren – und auch schon ins Gezerre zwischen Ost und West gerieten.

Und natürlich sind da auch die Nazis. Zwar ist der Krieg vorbei, aber die NS-Zeit ist omnipräsent. Ehemaligen NSDAP-Funktionäre sind bei der Polizei noch oder schon wieder in Position – oder bei einer weiteren Klinik, die eine wichtige Rolle spielen wird. In dieser Stadt ist niemand ohne Geschichte. Und Anne Stern schreibt sie gekonnt auf.

Am Ende des Buches ist man den Figuren so nah gekommen, dass man gern mehr über den einäugigen Kommissar und die ihn begleitende Fotografin wüsste. Zum Glück hat Stern den zweiten Band schon fertig. Er wird im Hitzesommer 1947 spielen. Die letzten Seiten hat Stern passenderweise am tödlich heißen Wochenende Ende Juni geschrieben. Nur ein Erscheinungstermin ist noch nicht bekannt.

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Source: taz