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Naturschutzkonferenz in Jerewan: Den Korallen und ihren Verbündeten wird es zu warm

Korallen sind wahre Ökosystemingenieure und erschaffen ganze Welten: Die Weltnaturschutzunion warnt nun vor einem Massensterben ganzer Ökosysteme. mehr...

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Das war es dann: Die Weltnaturschutzunion (IUCN) hat an diesem Donnerstag am Rande des großen Naturschutzgipfels in Jerewan die Überlebenschancen der Korallen beurteilt. Demnach werden wegen der zunehmenden Erderhitzung 96 Prozent der Flachwasser-Korallenriffe in den Weltmeeren bis 2075 absterben, wie eine IUCN-Analyse ergab. „Korallenriffe bieten Lebensraum für ein Viertel aller Meeresarten und dienen als Frühwarnsystem für den Zustand der Meere“, erklärte IUCN-Generaldirektorin Grethel Aguilar: „Wir wissen, was notwendig ist: ambitionierte Emissionsreduktionen.“

Nach den Gesetzen der Physik gelangt Wärmestrahlung der Sonne viel einfacher in die Ozeane als etwa in Sand oder Beton. Bis 2019, ermittelte ein Forscherteam um den Atmosphärenphysiker Lijing Cheng, haben die Weltmeere die unvorstellbare Menge von 228 Zettajoule aufgenommen: Die Vorsilbe „Zetta“ steht für eine 1 mit 21 Nullen. Um diese Energiemenge auch den Laien anschaulich zu machen, rechnete das Team diese in jene Energie der Hiroshima-Bombe um. Ergebnis: Im letzten Vierteljahrhundert ging so viel Energie in die Weltmeere, wie 3,6 Milliarden Hiroshima-Atombomben besitzen. Das entspricht statistisch etwa vier Atombomben pro Sekunde.

Dass dies nicht ohne Folgen bleibt, davor warnt die Wissenschaft seit Langem. Beispielsweise gehen nach Erkenntnis des Weltklimarates IPCC bei einem Anstieg der globalen Temperatur um 1,5 Grad Celsius zwischen 70 und 90 Prozent aller Korallenriffe verloren. Im vergangenen Jahr lag diese Temperatur laut Weltmeteorologie-Organisation WMO 1,55 Grad über der vorindustriellen Zeit, die Konzentration von Treibhausgasen stieg 2024 so stark wie nie zuvor. Der „Global Tipping Points Report“ kam 2025 zu dem Schluss, dass die Erde ihren ersten Klima-Kipppunkt erreicht hat: Alle Korallen dieser Welt werden sterben. Der Bericht war an die Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém gerichtet. Erreicht die menschengemachte Klimaerhitzung demnach durchschnittlich 2 Grad, werden sogar 99 Prozent der Korallen weg sein. Aktuell ist die Menschheit auf einem 2,8-Grad-Kurs.

Korallen sind keine bunten Unterwasserpflanzen, sondern Nesseltiere, die zumeist in Symbiose mit Mikroalgen leben. Seit rund 500 Millionen Jahren ist dieses Zusammenleben ihr Erfolgsrezept. Denn die Algen betreiben intensiv Fotosynthese und liefern so den Korallen jene Energie, die sie zum Wachstum und zur Kalkskelettbildung benötigen. Wird von Korallen gesprochen, sind umgangssprachlich zumeist Steinkorallen gemeint. Von ihnen gibt es ungefähr 2.500 verschiedene Arten, sie sind wahre Ökosystemingenieure, die ganze Welten aufbauen. Ihre Kalkschalen schufen vor Millionen Jahren Kalksteinformationen, die größten von Tieren geschaffenen Strukturen auf der Erde. Das Thüringer Becken zwischen Hainleite und Erfurt ist zum Beispiel solch eine Landschaft, ebenso die Hohenloher Ebene in Baden-Württemberg oder der Kalbenstein im fränkischen Maintal.

Bei hohen Wassertemperaturen kommt es aber zum Abbruch dieser Symbiose, die Mikroalgen können einfach nicht mehr. Das führt zur sogenannten Korallenbleiche, aus den bunten Unterwasserwelten werden dann eintönige Skelettlandschaften. Zwar sind die Korallen damit noch nicht tot, sondern nur sehr stark geschwächt. Bleibt die Temperatur aber länger zu hoch, kommen die Algen nicht mehr zurück, der Tod der Korallen ist dann unausweichlich. Und die menschengemachten Treibhausemissionen steigen immer weiter, weshalb nicht mit einem Rückgang der Wassertemperaturen gerechnet werden kann.

Ein Drittel aller Riffe sind nach Erhebung der Wissenschaft bereits tot. „Weitere 40 Prozent sind stark gefährdet, und nur ungefähr das letzte verbleibende Drittel ist noch in einem vergleichsweise guten Zustand“, erklärt Christian Wild von der Universität Bremen. Mancherorts verfolgen die Wissenschaftler das Korallensterben in Echtzeit, etwa im Great Barrier Reef vor der Ostküste Australiens: Dort zeichnen Wissenschaftler das Massensterben mit Drohnenüberwachung auf. Korallen gibt es nicht nur in tropischen Gewässern, sie sind auch in kälteren Meeresregionen heimisch, in der Irischen See etwa zwischen England und Dublin oder im Meer vor Norwegen.

Für ihre nun vorgelegte Analyse untersuchte die IUCN weltweit Riff-Ökosysteme in warmen, flachen Gewässern auf einer Fläche so groß wie Syrien: Die zunehmenden Hitzewellen würden Massenbleiche verursachen, die immer häufiger zu einem großflächigen Korallensterben führten. Zudem würden Ozeanversauerung und Überfischung den Ökosystemen schaden. „Das Risiko eines Korallenriff-Zusammenbruchs nimmt zu“, erklärte Mishal Gudka, wissenschaftlicher Leiter des Projekts. „Doch dies sollte uns wachrütteln und nicht zur Verzweiflung verleiten: Korallenriffe haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich von der Bleiche zu erholen.“

Originally published bytaz
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