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Nachwahl in Großbritannien: Labour-Kandidatin aus Somalia ringt mit Grünen-Chef um Sitz

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Friseur Hassan Ali war mit seinem gelben Poster mit der roten Aufschrift „Vote Labour“ im Schaufenster einer der Ersten. Es hängt in seinem Frisiersalon über den Fotos von Haarschnitten und Haarzöpfe seiner größtenteils somalischen Kunden im Londoner Stadtviertel Kentish Town „Ich kenne Sagal schon seit meiner Jugend, auch ihre Mutter und Vater“, sagt der Somali, der als Flüchtling nach London kam und dort aufwuchs. „Wenn es einen Menschen gibt, der sich kümmert und ein großes Herz hat, dann ist es Sagal.“

Sagal, das ist die somalischstämmige 42-jährige Labour-Politikerin Sagal Abdi-Wali. Sie soll an diesem Donnerstag im Londoner Wahlkreis Holborn & St. Pancras den zurückgetretenen ehemaligen Premierminister Keir Starmer bei einer Nachwahl als Labour-Parlamentsabgeordnete ablösen. Ihr Wahlplakat hängt in allen somalischen Geschäften in diesem Wahlkreis, der vom innerstädtischen Ausgehviertel Covent Garden bis zum Grab von Karl Marx in Highgate reicht – ein neues Selbstbewusstsein der somalischen Community, die sonst sehr diskret auftritt.

Sagal Abdi-Wali ist seit vier Jahren Kommunalrätin in Camden. Dieses Jahr wurde sie Leiterin des Bezirksrats. Nun will sie die erste schwarze ostafrikanische Frau im britischen Parlament werden.

Diese Hoffnung will ihr der Grünen-Vorsitzende Zack Polanski nehmen. Der ist bisher nur Mitglied des Londoner Stadtrates, jetzt kandidiert er ausgerechnet hier für das Parlament, wo er noch im Jahr 2015 für die Liberaldemokraten in den Gemeinderat wollte. Unter seinem linkspopulistischen Führungsstil, wie Polanski es selber nennt, ist die Grüne Partei in England und Wales innerhalb eines Jahres von 68.000 auf 230.000 Mitglieder gewachsen, im Februar nahm sie Labour bei einer Nachwahl einen sicher geglaubten Wahlkreis im Großraum Manchester ab. Und jetzt?

In der letzten Woche des Wahlkampfes betonen die Grünen, dass eine Stimme für sie einzige Möglichkeit sei, Labour zu Veränderungen zu zwingen. Dass Polanski jüdisch und schwul ist, erfahren alle auf der Wahlkampfwerbung der Grünen, es soll Offenheit und Chancengleichheit unterstreichen. Neben Umwelt- und Klimathemen setzt sich Polanski stark für Gaza und gegen Israel ein. Am vergangenen Sonntag hat der grüne Jahresparteitag Zionismus zu Rassismus erklärt. In muslimischen Gegenden werden Flugblätter der Grünen mit palästinensischem Flaggenhintergrund verteilt.

Polanski wirbt stark um die Muslime. Er sprach in einem Wahlkampfvideo sogar Urdu, um bei den 10 Prozent der Wäh­le­r:in­nen mit bangladeschischen Familienhintergrund besser anzukommen. Doch Urdu ist gar nicht die Sprache der Menschen in Bangladesch, sondern die Sprache der einstigen pakistanischen Unterdrücker. Um diesen peinlichen Fehler zu vermeiden, hätte Polanski nur seinen stellvertretenden Parteiführer Mothin Ali fragen müssen, dessen Eltern aus Bangladesch stammen.

Gelingt es den Grünen, der muslimischen Labour-Kandidatin Wähler abzuluchsen? Mohammad, Angestellter der Koranschule an der Moschee von Somers Town, schildert, dass die Generation seiner Bangladeschi-Eltern noch Labour wählte. „Heute halten wir uns aus der Politik heraus.“ Dass Labour-Kandidatin Abdi-Wali eine Muslimin ist, sei für ihn eher ein Zeichen, dass sie sich von der Politik habe ausnutzen lassen.

Sarah, 30, selbst somalischer Abstammung, hat ein Schild für die Grünen vor ihre Wohnung in Somers Town gestellt. Mit Labour hat sie nichts am Hut: „Segal vertritt eine rechte Labour-Flanke, welche nicht genug gegen den Völkermord getan hat und sich nicht genug für bedürftige Menschen und Wohnungen eingesetzt hat“, behauptet sie.

Auch Frances Hanlon, 71, will Grün und nicht mehr Labour wählen. „Labours Blair startete einen illegalen Krieg, Starmer ignorierte, ja unterstützte einen Völkermord“, behauptet sie. Dass die Grünen per Beschluss jetzt eine antizionistische Partei seien, begrüßt sie. „Endlich hat jemand ein Gewissen dafür“, findet die ehemalige Tischlerin auf der sonnigen Terrasse eines Cafés in Bloomsbury.

In Labours Wahlkampfmaterial – Labour wie die Grünen lassen zwei bis dreimal die Woche neues teils teures Wurfmaterial verteilen – liest man eher über Abdi-Walis Versuch, mehr gegen die Obdachlosigkeit im Wahlkreis zu tun. Flyer zeigen Abdi-Wali als junges Mädchen in Camden und erzählen ihre Geschichte, sie spricht über ihr Leben und ihren Einsatz für kommunale Belange und darüber, wie sie 35 Millionen Pfund staatliche Gelder für Sanierungen von Sozialwohnungen an Land gezogen hat.

Die taz trifft Abdi-Wali bei einer Wahlkampfveranstaltung gemeinsam mit Außenminister Ed Miliband in Kings Cross zwischen alten Arbeitersiedlungen. Was bietet sie dem Wahlkreis? „Ich bin sichtbar und von hier und kümmere mich im vollen Ernst um die Menschen hier“, sagt sie und lächelt freundlich. Im Wahlkampf wirkt sie diplomatisch und wiegt ihre Worte sorgfältig ab, während Zack Polanski große Sprüche macht und der konservative Kandidat Ewan Cameron am lockersten auftritt, er hat sowieso keine Chance.

Es gibt viel Wahlkampf vor Schulen und in Einkaufszentren, selbst nach dem Freitagsgebet vor der Kings-Cross-Moschee. Während die Labour-Leute ruhig ihre Infos verteilen, ruft einer der Grünen „Green for Palestine!“ und offeriert den aus der Moschee Kommenden sein Flugblatt. Der 47-jährige Koch Sayem und der 28-jährige Lieferfahrer MD Ahmad wollen aber beide Labour wählen. Erstens sei Labour eine sozial denkende Partei, zweitens sei die Labour-Kandidatin eine muslimische afrikanische Migrantin.

Und auch wenn an Kari Rahmans Gemüseladen in Kentish Town ein Poster mit den Worten „Vote Green“ steht, gesteht er der taz, dass er Labour wählt, weil die Partei Ar­bei­te­r:in­nen helfe. Ebenso Carlos Valquez, der mit seiner Frau auf einer Parkbank seinem Sohn auf dem Spielplatz zuschaut: „Andy Burnham steht für neue Chancen, Investitionen in die Pflege und junge Menschen und vielleicht sogar eine Rückkehr in die EU.“ Er fand früher auch die Grünen nicht schlecht, aber jetzt könne Labour Dinge verändern.

Meinungsforscher sehen Labour knapp vorn. Sollte Grünen-Chef Polanski den Sprung ins Parlament verpassen, könnte dies seine Stellung schwächen, der Streit zum Thema Zionismus ist heftig, seit dem von der Parlamentsfraktion abgelehnten Parteitagsvotum gab es bereits zahlreiche Austritte aus der Partei.

„Ich wählte früher immer Labour und bei den Kommunalwahlen im Mai Grün“, sagt die in Ghana geborene Krankenschwester Adele. Und am Donnerstag? Sie weiß es noch nicht, aber eine Tendenz ist zu erkennen: „Mir tun die Leute in Gaza zwar leid, aber ich will wissen, was politische Vertreter für uns tun.“

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Source: taz