Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 3h

Musikalischer Waldspaziergang: Der Sound des grünen Fingers

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E s ist schön hier oben, so schön, als hätten sich sämtliche Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts zusammengetan, um aus dem Osnabrücker Schinkelberg ein romantisches Idealbild zu machen. Nur die fünf fiesen Nager, die auf einem blutroten Comicschild der Stadtverwaltung drohend ihre Zähne blecken, stören dabei ein bisschen: „No rubbish – no rats!“

Auf dem Programm steht hier heute die Wahrnehmungswerkstatt „Lauschend Wandern“: zwei Stunden kontemplatives, kollektives Schweigen beim horchenden Gang unter winddurchrauschten Buchen und Kastanien, auf Talpfaden und Wiesenkuppen, entlang an Brombeerdickichten und hübsch drapierten Findlingen, durch moosiges Wurzelwerk und Reste alter Hohlwege. „Atmet hinein in die Landschaft!“, sagt Kurator Dirk Manzke zu Beginn, Professor für Stadt- und Freiraumplanung an der Hochschule Osnabrück. „Lasst kommen, was passiert!“

Dann übergibt er Willem Schulz die Führung. Der Experimental-Cellist lockt die 30 Teilnehmenden in die Natur. An seiner Seite sind Johanna Geith, Susanne Schulz und Hartmut Koehler, Viola und Violine. Was sie spielen, mitunter allein und mitunter gemeinsam, mitunter geplant und mitunter spontan, ist feinsinnig und hypnotisch. Mal imitiert ihr Spiel den Ruf der Vögel, dann wieder das Knarren der Baumstämme.

Schön ist das. Doch wer auf Idylle hofft, geht fehl. Der Schinkelberg ist zwar einer von Osnabrücks „Grünen Fingern“, naturnahen Freiräumen, die das Innere der Stadt sternförmig mit dem Umland verbinden. Aber das Stadtviertel, das er überragt, ist ein Zeugnis der Industrialisierung. Er liegt an Wohnbebauung und Gewerbe – zwischen Eisen- und Autobahn – und das ist unüberhörbar. Hinzu kommt: Freiräume wecken Begehrlichkeiten, vom Einstrom von Kaltluft bis zur Artenvielfalt. Manzke, der heute für den Verein für Baukultur Osnabrück hier ist, geht es darum, sie zu schützen.

Die MusikerInnen schreiten, chanten, umkreisen einander, verbergen sich im Geäst, trennen sich, spielen in der Ferne halb nur für sich, stehen auf Hügeln vor dramatischen Himmeln, machen Gebüschlichtungen zu ihrer Bühne. Halten sie an Wegkreuzungen inne und umringen die Teilnehmenden, dann signalisiert das: Seht euch um! Der Zauber, der euch umgibt, ist groß!

Dabei hat der Nachmittag auch skurrile Momente – nicht alle davon sind unbedingt beabsichtigt. Wir kommen an offiziellen Feuerschalen und Grillasche-Entsorgungsstationen vorbei, direkt neben ihnen ebenso offizielle Warnungen: Lagerfeuer verboten! Grillen verboten! Wie Feuer ohne Feuer gehen soll, Grillen ohne Grillen? Ein Mysterium. Auch das wird zur Bühne, Ratten inklusive.

Höchst seltsam ist der blausilbrige Slip im Unterholz zu Füßen des Fernmeldeturms, der zwar Osnabrücks höchstes Gebäude ist, aus Waldperspektive aber kaum auffällt. Ob die MusikerInnen das Kleidungsstück bemerken, als sie sich vor dem Tor des Turms aufreihen, ist nicht überliefert.

Offen bleibt auch die Frage, warum jemand auf die Idee kommt, am Parkplatz – nur drei Schritte neben einem absurd gigantomanischen Mülleimer – Einkaufstaschen am Wegesrand zu entsorgen, von Action bis Kaufland, mit verfaulten Äpfeln drin.

Aber der Rest hat Magie. Schulz tanzt mit seinem Cello, andächtig, spielt es fast über Kopf, sein langes Haar weht theatralisch im Wind. Und obwohl der Stadtlärm um uns nicht wirklich fort ist, vom Motorradgebrüll bis zur Sirene, verschwindet er. Das Rascheln der Blätter unter unseren Füßen tritt hervor, das Knacken der Äste, das Wispern des Winds in den Gräsern.

Manche der Zuhörenden setzen sich auf den Boden, blicken in den Himmel, schließen die Augen, umarmen einander. Sie lehnen verträumt an Bäumen, spüren den Tropfen des Regens nach, der fast unmerklich fällt. Sie lauschen – auch der Stille. Durch die Langsamkeit, in der wir uns bewegen, wirkt der Naturraum um uns, obwohl nicht groß, unendlich.

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Source: taz