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Germany · taz · · 2h

Mit wem sollen wir zusammenhalten?: Tag der deutschen Spaltung

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D ie Bertelsmann-Stiftung ist glücklich. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt verbessert sich �� trotz schwachem Gerechtigkeitsempfinden“, heißt es in einer neuen Studie der Stiftung.

Auch zum Tag der Deutschen Einheit werden wieder Po­li­ti­ke­r*in­nen aller bürgerlichen Parteien davon reden, dass wir zusammenfinden, uns vertragen und gegen eine Spaltung ankämpfen müssen. Aber ist Spaltung wirklich immer schlecht? Brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt?

Hinter der Grundidee des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbirgt sich eine patriotische Exklusivität und ein fehlendes Klassenbewusstsein. Denn der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ ist halt nur auf eine Gesellschaft bezogen, nämlich auf unsere, auf die tolle, deutsche Gesellschaft.

Rechte meinen damit das weiße, deutsche Volk, Bürgerliche einfach die Menschen, die zufällig auf diesem Bereich Erde leben. Mit diesen Menschen sollen wir jetzt zusammenhalten, auch wenn sie den ganzen Tag nur Rasen mähen, Golf spielen oder andere vollkommen fremde Interessen und Weltanschauungen haben. Was verbindet mich mehr mit einer Person aus Goslar oder Mönchengladbach als mit einer aus Zürich oder Kabul?

Ich habe mehr Zusammenhalt mit einer türkischen, linken, kinobegeisterten Studierenden auf verzweifelter Wohnungssuche in Istanbul als mit meinem deutschen Vermieter oder einer rassistischen Polizistin, die beide gerade zufällig in derselben Stadt wie ich wohnen.

Ich habe mir nicht ausgesucht, mit diesen Menschen in einer Gesellschaft zu sein, und ich bin von ihnen durch meine Werte oder meine Klasse abgespalten. Denn Spaltung ist etwas Gutes, nur so können die großen Konflikte gelöst werden.

Diese Gesellschaftsrollen sind nicht natürlich, sie sind nicht gottgegeben und können für die Freiheit aller geändert werden. Mieter und Vermieter, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, politische Ent­schei­de­r*in­nen und Betroffene, Kapitalbesitzer und Lohnabhängige sind gespalten. Diese krassen Gegensätze müssen aufgebrochen werden, damit eine Einheit aller Menschen entstehen kann – ein richtiger Zusammenhalt eben.

Andreas Pinkwart von der Bertelsmann-Stiftung fasst die bürgerliche Gegenthese dazu gut zusammen: „Wir brauchen ein neues konstruktives Miteinander. Der Staat braucht das Engagement der Bürger*innen. Aber berechtigte Anliegen der Bür­ge­r*in­nen sind seitens des Staates zu berücksichtigen, Belastungen durch nötige Reformen sind in fairer Weise zu gestalten.“

Pinkwart sagt durch die Blume, dass wir für eine perfekte Gesellschaft ein paar Reförmchen, aber vor allem hart arbeitende Bür­ge­r*in­nen brauchen. Wir brauchen also einen „gerechteren“ Lohn für eine „gerechte“ Ausbeutung, obwohl es diese vom Prinzip her nicht geben kann.

Natürlich sollen alle auch zufrieden und dankbar mit ihrer vermeintlich selbst verschuldeten Position in der Gesellschaft sein. In Deutschland gibt es dafür den Sozialstaat, damit das Elend der Ärmsten in Grenzen gehalten wird und nicht noch mehr Menschen als ohnehin schon auf der Straße leben.

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten aus der Studie: Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen stagniert, genauso wie das Vertrauen in die Bundesregierung. Noch niedriger ist der errechnete Gerechtigkeitsindex, der gesunken ist – die Menschen erkennen die ökonomische Ungleichheit in Deutschland. Diese Ungleichheit hat in Deutschland einen Höchststand erreicht, auch die Armut nimmt zu.

Der Tag der deutschen Einheit wird auch dieses Jahr begleitet werden von einem Stolz auf Deutschland und vielen kleinen Deutschlandfähnchen – vielleicht noch ein paar mehr als in den vergangenen Jahren. Rechte wissen, wie man spaltet, aber auf Kosten von POCs, queeren Menschen, Flintas und Arbeitnehmer*innen.

Gerade am 3. Oktober sollten wir aber die Deutschlandfahnen runterreißen und uns bewusst machen, was uns wirklich unterscheidet. Macht den Tag der Deutschen Einheit zum Tag der deutschen Spaltung!

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Source: taz