World · taz · · 1h
Mietenproteste in Spanien: Unerträgliche Wohnungssituation
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Unerträglich“ sei die Wohnungssituation in Spanien, begründet Sofía, warum sie seit Samstag zusammen mit drei Freundinnen am Protestcamp auf dem zentralen Platz Puerta del Sol teilnimmt. „Die Wohnungen sind viel zu teuer, es muss endlich etwas geschehen“, fügt die junge Frau, die zum Lehramtsstudium in die Hauptstadt gekommen ist, hinzu. Der heilige Kampf geht weiter.
600 Euro bezahlt sie für ein Zimmer in einer Wohnung mit zwei Mitbewohnerinnen. Es ist keine Wohngemeinschaft wie in Deutschland – der Besitzer vermietet die Zimmer einzeln. Wer Glück hat, wie Sofía, versteht sich mit den anderen. „Wir bleiben so lange, bis sich was ändert“, zeigt sie sich kämpferisch.
„Wir“, das sind Hunderte meist junger Leute in Zelten, die dicht an dicht die ganze Puerta del Sol einnehmen. „Am liebsten würde ich in der Altstadt wohnen, aber das geht überhaupt nicht mehr. Hier sind die Mieten noch höher“, erklärt die junge Frau, die auf der anderen Seite des Flusses im Süden Madrids lebt.
In der Altstadt gibt es immer mehr Ferienwohnungen. Wer keine Eigentumswohnung hat, zieht weg, oft in den Süden der Stadt, wo auch Sofía gelandet ist. „Immer mehr junge Leute aus der Innenstadt kommen hierher“, bestätigt Enrique, der gerade mit seiner Frau vom Einkauf kommt, diesen Trend. „Ich glaube nicht, dass die Proteste was erreichen“, sagt der rüstige Rentner, der seine Eigentumswohnung hier im Stadtteil Carabanchel bereits vor Jahren abbezahlt hat. „Niemand möchte vermieten, wenn die Mieter zu sehr geschützt werden und du sie nicht loswerden kannst“, ist er sich sicher.
Die Lösung des Wohnungsproblems sei nicht ein Eingriff in den Markt, sondern „der Bau von Sozialwohnungen“. Hier in Carabanchel gab es welche, aber die einstige konservative Bürgermeisterin und Ehefrau des Ex-Regierungschefs José María Aznar, Ana Botella, hat 1.800 davon zu einem Spottpreis an einen Immobilienfonds verkauft. Die Mieter wurden nach und nach hinausgedrängt, um die Miete zu erhöhen oder die Wohnungen zu Höchstpreisen zu verkaufen. „Diese Geierfonds sind das Problem“, sagt Enrique.
Hier in Carabanchel, am Platz an der U-Bahn-Station Carpetana, herrscht um die Mittagszeit ein reges Kommen und Gehen. Der Markt ist um die Ecke, auf der Hauptstraße gibt es viele Geschäfte und an der Ecke eine große Schule.
Von dort holt María ihren 5-jährigen Sohn ab. „Die Mieten sind viel zu hoch“, klagt die Mitarbeiterin einer Altentagesstätte, die aus Bolivien stammt. Sie teilt sich mit ihrer Schwester eine Zweizimmerwohnung. 1.300 Euro kostet die, mehr als die Hälfte ihres gemeinsamen Einkommens. Als sozial verträglich gelten Mieten von höchstens 30 Prozent des Haushaltseinkommens. María ist optimistischer als Enrique. Sie hofft, dass auf Druck der Protestierenden endlich ein Mietendeckel eingeführt wird.
Auch Julio, Krankenpfleger in einer privaten Klinik, holt seinen Sohn ab. „Über 60 Prozent geben wir für Miete aus“, sagt er. Seine Frau arbeitet ebenfalls in einer Klinik. Das Paar, das einst aus Peru kam, hat zwei Kinder. „Ich habe überall in Madrid gewohnt“, berichtet Julio dann. Mal sechs Monate, mal ein Jahr, mal fünf Jahre … mal brauchte der Vermieter die Wohnung plötzlich wieder, mal lief der – in Spanien üblicherweise befristete Mietvertrag – aus. Julio hat Anfang der Woche an der Puerta del Sol vorbeigeschaut und war beeindruckt. „Die Politiker müssen endlich die Familien in den Vordergrund stellen und nicht die Wohnungsbesitzer“, sagt er.
Auch Patricia, Köchin an einer Schule, begrüßt die Proteste. „Wir müssen noch viel öfter auf die Straße gehen“, sagt die junge Frau, die eine Eigentumswohnung abbezahlt. Ihr geht es um Schul- und Gesundheitswesen, die in der rechts regierten Region Madrid zusehends privatisiert werden. Patricia hofft, dass die Linksregierung unter Pedro Sánchez endlich etwas unternimmt. „Denn nur so kann Sánchez darauf hoffen, bei den nächsten Wahlen im Amt bestätigt zu werden“, sagt sie.
Read the full story at the source
Source: taz