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Germany · taz · · 2h

Medienberichte über die Linkspartei: Tagesspiegel scheitert an Selbstreflektion

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E s war schon eine bemerkenswerte Ausgabe des „High Noon“-Talks des Tagesspiegels, einem Live-Podcast der Zeitung, der am Donnerstag stattfand. Angekündigt war eine Selbstreflexion über die Berichterstattung zum Wahlsieg der Linken in Berlin. Man habe dazu „sehr viele Zuschriften und Leserkommentare“ erhalten, hieß es in einer Einladung, auch redaktionsintern werde „fast täglich“ diskutiert, ob man mit der Linken zu hart ins Gericht gehe. Das ließ aufhorchen: Eine Zeitung, die ihre eigene Praxis öffentlich reflektiert – das gibt es nicht häufig.

Was dann aber der Chefredakteur Christian Tretbar, die stellvertretende Chefredakteurin Anke Myrrhe und der Leiter des landespolitischen Büros, Christian Latz, ablieferten, hatte wenig mit einer selbstkritischen, kontroversen Diskussion zu tun: Eine Stunde rissen sie Kritikpunkte an, um sich dann gegenseitig darin zu bestärken, dass an diesen nichts, aber auch gar nichts dran sei. Abwechselnd gab man sich das Wort unter dem Hinweis, dass man dieses „absolut teile“ und bei jenem „vollständig zustimme“ – das wurde schnell langweilig.

Dabei gebe es viel zu reflektieren. In den vergangenen Tagen haben sich, auch im Tagesspiegel, die Wortmeldungen längst nicht nur links eingestellter Jü­d:in­nen gehäuft, die sich von der Debatte über Antisemitismus in der Linken instrumentalisiert fühlen. Und zwar oft nicht, weil sie keine Probleme bei der Linken sehen. Sondern unter anderem wegen der Befürchtung, dass die Mehrheitsgesellschaft den Antisemitismus als ausschließlich linkes Problem behandelt, statt auch auf sich selbst zu schauen. Oder, dass mit Verweis auf den Antisemitismus ein politisches Projekt verhindert werden soll, das die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen anstrebt.

Und doch wollte niemand in der Runde etwas Problematisches zum Beispiel an dem Satz der stellvertretenden Chefredakteurin Myrrhe sehen, Linken-Wähler:innen hätten sich offenbar gedacht: „Was kümmert uns der Judenhass? Wir suchen schließlich eine Wohnung.“ Das sei vielleicht „sehr zugespitzt und hart“ gewesen, gab Myrrhe zu – aber nur, um von Tretbar unterbrochen zu werden, der sagte, es sei doch „faktisch nicht falsch“ gewesen. In der Folge stellte Myrrhe den Vorwurf der Aufbauschung in eine Reihe mit dem Gerede von der „Lügenpresse“.

Von Zurückrudern also keine Spur – im Gegenteil. Die Linke habe den Antisemitismus „strategisch laufen lassen, um den Stimmanteil zu erhöhen“, mutmaßte Tretbar. Mit Blick auf die Chats des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak zu Figuren der organisierten Kriminalität sagte Latz, man habe sich „verkauft an diese Leute“. Ohne Faktenbasis mutmaßte Myrrhe, ob Koçak Informationen aus dem Innenausschuss des Bundestags an Clans weitergegeben haben könnte. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass „aus Berlin der Holocaust geplant und organisiert wurde“, was mit einer besonderen Verantwortung einherginge – womit insinuiert wurde, dass die Linkspartei diese Lehren infrage stellt.

Von einer Kampagne, da waren sich alle einig, könne aber keine Rede sein. Eine solche sei schließlich „eine gesteuerte Aktion mit Ziel“. Politische Ziele verfolge der Tagesspiegel aber nicht. Denn es gehe nur darum, so Myrrhe, „ein transparentes Bild“ zu schaffen. Man sei „weder dazu da, Politiker zu stürzen noch zu stützen“, sagte sie – und formulierte damit mustergültig das journalistische Idealbild einer unideologischen Arbeitsweise.

Ein Schlussteil des Gesprächs über die Wirtschaftsfeindlichkeit der Linken ließ dann aber doch noch die ein oder andere Meinung durchblicken. „Berlin lebt von internationalen Investoren“, sagte da Tretbar, doch die Linke wolle nur „enteignen“ und bremse „überall dort, wo wirtschaftliches Wachstum entsteht“.

Als Beispiel nannte er unter anderem die geplante Luxusvillensteuer „für alle, die vielleicht ein größeres Haus im Grunewald haben“. Es sei ja auch eine „gewisse Einschränkung von Vielfalt“, dass es den Linken beim Wohnungsbau vor allem um bezahlbare Wohnungen, bereitgestellt von den Landeseigenen, ginge. „Es gibt Leute, die wollen sich was anderes leisten und können das auch“, beschwerte er sich.

Vielleicht ist das Problem mit politischen Meinungen im Journalismus ja dieses: Nur wenn man weiß, dass man sie hat, kann man vernünftig reflektieren, ob die eigene Berichterstattung noch den Fakten entspricht. Der Tagesspiegel hat diese Chance verpasst. Schade.

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Source: taz