Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Linkspartei Berlin-Neukölln: Nele möchte eine Jahia-Sinwar-Straße

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E nde Oktober in Berlin, es ist endlich so weit: Linke, Grüne und SPD haben sich auf den Beginn von Koalitionsverhandlungen geeinigt. Die Euphorie beim Treffen des Neuköllner Bezirksverbands der Linkspartei ist groß.

Nele, 23, Masterstudentin der Intersektionalität an der FU Berlin, meldet sich: „Wir müssen einen Grassroot-Punkt machen. Wie wär’s, wenn wir die Schlesische Straße drüben in Kreuzberg in „Jahia-Sinwar-Straße“ umbenennen? Als Respektsbekundung für den palästinensischen Märtyrer!“

Allgemeine Zustimmung und „Whoowhoo“-Rufe. „Damit“, fährt Nele fort, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn was sollen diese geschichtsrevisionistischen Straßennamen eigentlich? Schlesien ist doch längst polnisch!“

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Lulu, 21, Informatikstudentin, hat sich seit dem Wahlsieg in die Landesgesetze eingelesen und hat Einwände: „Ein Berliner Gesetz schreibt vor, dass bei Straßenumbennungen weiblich gelesenen Personen der Vorzug gegeben werden muss. Und Sinwar ist, also war, männlich gelesen, oder?“ Nachdenkliches Nicken bei den anderen.

„Wassermelonen!“, ruft Paul, 20, Lehramtsstudent. „Wir schreiben ins Schulgesetz, dass Wassermelonen verpflichtender Nachtisch in den Schulhorten und den Kitas sein müssen. Wassermelonen als Zeichen der Solidarität mit Palästina!“ Lulu, zweifelnd: „Ist das nicht zu krass? Also für die jüdischen Schüler*innen?“

„Nein“, sagt Paul bestimmt. „Pädagogik geht über den Unterricht hinaus. Wenn die jungen Juden die Melonen nicht haben wollen, geben sie sie eben dem Tischnachbarn. Und die Eltern haben doch bestimmt das Geld für ein Hanuta.“

Uli, Ende fünfzig, PDS-Veteran und Strategie-Haudege, will auch etwas sagen: „Wir kommen den Grünen entgegen und schreiben rein, dass die Melonen nur bio sein dürfen. Und gleichzeitig geben wir ’ne Pressemitteilung raus, dass der Schutz jüdischen Lebens für uns stets oberste Priorität hat.“ Nele knufft ihn leicht an der Schulter. „Mensch Uli, du bist zwar ein alter Mansplainer, aber das mit dem Bio ist richtig schlau!“

Lulu räuspert sich. „Genoss*innen, wir müssen über die Finanzen reden.“ Genervtes Aufstöhnen in der Runde. „Die 20 Milliarden Euro, die die Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne kosten dürfte, müssen ja irgendwo herkommen, und ihr kennt die Finanzlage Berlins“, sagt sie und blickt von ihrem Laptop hoch. „Du weißt doch, dass wir die Enteignungen von den laufenden Mieten bezahlen wollen“, sagt Paul ärgerlich. „Aber das wird nicht reichen, die Mieten wollen wir ja senken“, ist Lulus trockene Antwort.

„Wir kommen hier irgendwie nicht weiter, sagt Nele. „Ich wollte noch was zu Ferat Koçak sagen, meldet sich plötzlich ein anderer Genosse. „Nein, Schluss für heute“, sagt Uli, der noch die autoritäre Gesprächsführung aus PDS-Zeiten draufhat.

Alle Ge­nos­s*in­nen stellen ihre Club-Mate-Flaschen in den Getränkekasten ab. Nele zieht beim Rausgehen ihre Kufija enger um den Hals, denn es ist merklich kälter in Berlin geworden.

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Source: taz