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Politics · taz · · 1h

Linke Spitzenkandidatin in Berlin: „Hallo, ich bin Elif“

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Es könnte alles so schön sein. Aber jetzt ist Mittwoch, noch elf Tage bis zur Wahl, und Elif Eralp begegnet einem Tiger im Rausch. Eralp sitzt mit durchgedrücktem Rücken und versteinertem Gesicht auf einem Podium in der größten Synagoge Berlins. Die jüdische Gemeinde hat die demokratischen Spitzenkandidaten eingeladen, die Bühne ist ausgeleuchtet wie ein Fernsehstudio.

Der Tiger ist Constantin Schreiber, gerade noch Mitarbeiter des Springer-Verlags; er soll heute moderieren. Wobei „moderieren“ seinen Auftritt nicht präzise beschreibt. Bereit zum Angriff sitzt Schreiber auf der Stuhlkante. Sofort schießt er sich auf Eralp ein, lässt sie keinen Satz aussprechen, die anderen Kandidaten scheint er derweil zu vergessen. Aber die erste Frage, die er Eralp stellt, ist berechtigt: „Frau Eralp, trägt die Linke eine Mitschuld am Antisemitismus, ja oder nein?“

Im Laufe der nächsten Stunde wird der Moderator ihr vorwerfen, das „Märchen“ vom antimuslimischen Rassismus zu verbreiten, er wird ihr anlasten, dass sie nicht auf Türkisch vor Antisemitismus warne. Der Vorsitzende der Gemeinde springt ihm eifrig zur Seite. Er fragt Eralp, ob sie „Asylanten“ abschieben würde, wenn diese einen Juden ermordet haben.

Eralp bleibt ruhig und spricht über Antisemitismus in der Linken. Über ihre Partei sagt sie den wenig beruhigenden Satz: „Die ganz große Mehrheit in meiner Partei steht für den Schutz jüdischen Lebens.“ Sie erzählt, dass sie sich seit Jahren für das Gedenken des Anschlags auf die Synagoge in Halle engagiere. Eralp macht deutlich, dass es falsch sei, Rassismus und Antisemitismus gegeneinander auszuspielen.

Während Eralp ins Kreuzverhör genommen wird, lehnt sich der CDU-Kandidat lächelnd in seinem Stuhl zurück. Seine Parteifreunde stehen im Verdacht, in der „Fördermittelaffäre“ Millionen Euro, die für den Kampf gegen Antisemitismus gedacht waren, an Kumpel vergeben zu haben. Doch danach fragt der Moderator nicht. Auch dass die AfD gerade eine Wahl gewonnen hat und welche Bedrohung sie für Juden ist, erwähnt auf der Bühne nur Elif Eralp. Wenn es noch ein Beispiel gebraucht hätte, wie mit dem Vorwurf, Antisemitismus sei das Problem von Linken und Ausländern, Politik gemacht wird – diese Veranstaltung liefert es.

Aber wahr ist auch: Dass Elif Eralp elf Tage vor der Wahl in Berlin über Antisemitismus in ihrer Partei sprechen muss, hat sie ihren Genossen zu verdanken. Auf Einladung der Linken in Neukölln war ein Rapper aufgetreten, der von der Bühne aus Terroranschläge verherrlichte („Intifada wie die PFLP“) und nicht von der Bühne geworfen wurde. Seitdem droht die Linke die Kontrolle über den Wahlkampf zu verlieren. Und nicht nur Jüdinnen und Juden in Berlin fragen sich, wen sie da eigentlich wählen würden: Elif Eralp, der viele ihr Engagement abnehmen, oder eine Blackbox namens Linkspartei?

Dabei hatte alles so gut angefangen. Eben war Elif Eralp, Mutter zweier Kinder, noch eine unbekannte Fachpolitikerin aus der zweiten Reihe. Dann schaffte die Linke es, sie mit einer Kampagne im Stil von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani populär zu machen und mit der Mietenpolitik das Thema des Wahlkampfs zu setzen. Der Schock von Sachsen-Anhalt soll ihr auf den letzten Metern noch einen Push geben. Elif Eralp wäre die erste Linke und die erste Frau mit türkischen Wurzeln im Roten Rathaus.

Kann Elif Eralp das schaffen – mit und trotz ihrer Partei?

Vier Wochen vorher, Berlin-Charlottenburg, Haustürwahlkampf. Der Kiez ist nicht gerade ein Heimspiel für die Linke, aber jetzt, Mitte August, scheint Eralp alles zu gelingen. Sie klingelt sich durch die Treppenhäuser, nimmt immer zwei Stufen auf einmal. Eralp klopft und tritt einen Schritt zurück. Wenn die Tür aufgeht, sagt sie den immer gleichen Satz: „Hallo, ich bin Elif, und ich wollte fragen, wo der Schuh drückt.“

Dann geht es los: Der Schulweg ist zu gefährlich, die Baustellen stören beim Gassigehen, vor dem Supermarkt sitzen zu viele Alkoholiker. Keine klassischen Linke-Themen, oft Kommunalpolitik. Elif Eralp aber macht sehr verständnisvoll „Hm, hm, hm“ und sagt dann: „Das nehme ich auf jeden Fall mit.“ Das Gespräch mit den Wählern ist eine Stärke der Kandidatin, hier kann sie ihre Herzlichkeit ausspielen. Und oft reicht es, dass überhaupt mal jemand zuhört.

Hinter fast jeder Wohnungstür, die sich an diesem Samstag öffnet, steht jemand, der sagt: Ich wähl euch. Was die meisten umtreibt, sind die hohen Mieten.

Dass Eralp in Umfragen führt, hat sie auch ihren Genossinnen zu verdanken. Auf der Straße läuft Eralp immer wieder Grüppchen von Linken in die Arme, die für sie an Türen klingeln. Viele sind Anfang 20, sie tragen eine Warnweste der Linken und eine Kufija über den Schultern. Keine Partei klingelt an so vielen Haustüren, kein Wahlplakat sieht man in Berlin so häufig: Elif, Elif, Elif. Die Linke ist jetzt die größte Partei der Stadt, ihre Mitgliederzahl hat sich seit dem Wahlkampf vor der Bundestagswahl verdoppelt. Sie ist eine andere Partei geworden.

Verändert hat sich auch die Strategie: Es gibt einen Mut zur Personalisierung, den die Linke früher als Personenkult ablehnte. Im Frühjahr haben sie den Strategen hinter der Kampagne von Zohran Mamdani nach Berlin geholt, Morris Katz. Eralp hat ein ­Coaching gemacht, sie spricht freier und besser. Aber Leute in ihrem Umfeld sagen auch: Sie bleibt halt eine deutsche Juristin, keine Entertainerin wie das Vorbild aus New York.

Und es gibt noch einen entscheidenden Unterschied. In Berlin braucht die Linke Koalitionspartner, um regieren zu können. Und das könnte schwierig werden.

Denn die Linke will nur regieren, wenn der Volksentscheid umgesetzt wird, der die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gefordert hatte. Der Spitzenkandidat der SPD hat das ausgeschlossen, ist nun aber in eine Affäre um mutmaßliche Bestechlichkeit verwickelt. So ist das nun in Berlin – die große Linke braucht die kleine SPD.

Offiziell trägt Eralp die rote Linie ihrer Partei mit. Aber spricht man mit ihr, wird deutlich, dass sie schon gern regieren würde, wenn ihre Partei sie lässt. Noch mal eine linke Mehrheit in Berlin nicht zu nutzen, das soll auf keinen Fall passieren. Aber wie könnte ein Kompromiss mit der SPD bei einer Vergesellschaftung aussehen?

Nach dieser Frage ändert sich die Haltung von Eralp. Hatte sie eben noch entspannt geplaudert, ist sie jetzt kon­trol­liert, ihre Wangen werden rot. „Dazu sag ich nichts.“ Man berate sich dazu innerhalb der Partei. Und sie habe auch ihre Kontakte in die SPD.

Die V-Frage könnte zu einer Fangfrage werden für Elif Eralp, zu einer Frage also, auf die es keine richtige Antwort gibt. Besteht sie auf der Vergesellschaftung, wird eine Mehrheit im Parlament schwierig. Ist sie zu nachgiebig, wird ihre Parteibasis eine Koalition ablehnen.

Läuft man mit Elif Eralp in diesen Tagen durch die Straßen Berlins, wird sie immer wieder auf Türkisch begrüßt. „Elif, wie sind die neuesten Umfragen?“ „Elif, ich wurde gerade eingebürgert, ich wähl dich auf jeden Fall.“ Erstaunt dreht sie sich zu ihrem Mitarbeiter um. „Krass, plötzlich werd ich erkannt.“ Es ist für sie eine neue Erfahrung.

Elif Eralp ist 45 Jahre alt, ihre Eltern flohen als Sozialisten aus der Türkei nach Deutschland, sie im Bauch ihrer Mutter. Eralp wurde in München geboren, wuchs in Hamburg-Altona auf. Dort ging sie aufs bürgerliche Gymnasium, nicht auf die Gesamtschule nebenan. Das Video, in dem sie ihre Kandidatur als Bürgermeisterin verkündete, beginnt mit dem Satz: „Menschen wie ich sollen in diesem Land eigentlich nicht Bürgermeisterin werden.“ Das stimmt – aber für Kai Wegner, Sohn eines Bauarbeiters, gilt der Satz auch. Eralps Vater war Arzt.

Ihr Lebensweg ist dann auch eher typisch für eine linke Aktivistin. Als Kind malte sie Plakate für Umweltschutz, studierte dann Jura und blockierte den Castor. Lebhaft kann sie erzählen, wie eine Reiterstaffel auf sie zu galoppierte. Bald könnte sie Dienstherrin von 18.000 Polizisten sein.

Ihren Erfolg hat Eralp auch dem Angebot der Konkurrenz zu verdanken: Für Grüne, SPD und CDU treten drei fast gleichaltrige angegraute Männer an, die kaum jemand kennt. In einer Stadt, in der fast jeder zweite Bewohner eine Migrationsgeschichte hat und jede zweite Bewohnerin eine Frau ist, hat Eralp einen Vorteil. Und sie profitiert von einem längeren Trend: Schon bei der Bundestagswahl war die Linke hier stärkste Kraft. Klappt das noch einmal? Die letzten Umfragen sehen die Linke knapp vor der CDU.

Vor Kurzem hat Elif Eralp sich mit Bodo Ramelow zum Abendessen getroffen. Ramelow ist der einzige Linke, der je Ministerpräsident war. Sie saßen in einem Restaurant mit Spreeblick, es gab Pasta. Beim Essen machte Eralp sich Notizen.

Ramelow erzählt der taz, dass er Eralp als nüchterne Fachpolitikerin kennengelernt habe und skeptisch gewesen sei, als er von ihrer Spitzenkandidatur erfahren habe. Das sei nun anders.

In der Linken gilt Ramelow als starke Stimme im Kampf gegen Antisemitismus. Die Partei habe sich in den vergangenen Jahren verändert, sagt er. Und: „Ich bin froh, dass Elif stabil ist und zu Antisemitismus nicht schweigt.“

Worüber sie genau gesprochen haben, wollen Ramelow und Eralp nicht verraten. Ramelow hat ihr von der Einsamkeit im Amt erzählt, von der Last der Verantwortung auf den Schultern. Als Ministerpräsidentin, habe Ramelow ihr gesagt, gehe es nicht mehr nur um das Interesse der Partei. „Manchmal musst du sehr einsame Entscheidungen treffen, Elif.“

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Source: taz