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Leben, Begegnungen und Erfahrungen: Herr Bundespräsident, hier kommt Ihr Update
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F ast zehn Jahre sind vergangen, seit ich nach Deutschland gekommen bin. Einige Wochen nach meiner Ankunft nahm mich ein Kollege – praktisch an der Hand – mit ins Parlament. Die Türkei war zu der Zeit ein großes Thema, meine Kollegen in Istanbul waren gerade verhaftet worden. Und durch irgendeinen Zufall war ich, ahnungslos und blauäugig, auf einmal hier und schüttelte Frank-Walter Steinmeiers Hand.
Das Einzige, was sich bewegte, waren seine zitternden Augen, die hinter seinen Brillengläsern immer kugeliger und tiefer zu werden schienen. Ich hatte das Gefühl, dass er mich musterte, mich spüren ließ, dass ich mich an einem Ort befand, an dem ich eigentlich nichts zu suchen hatte. Nach einer kurzen Pause sagte Steinmeier – der damals noch Außenminister war – etwas, von dem ich bis heute glaube, dass ich es falsch verstanden haben muss, so seltsam klang es: „Keep me updated.“
Es war eine beiläufige Bemerkung, von der ich annahm, dass sie sich auf die politischen Entwicklungen in der Türkei bezog. Keep me updated: Irgendwie nah und doch distanziert – Politik eben. Von Anfang an war klar, dass ich ihn nicht updaten kann. Obwohl ich einmal in seinem Haus war und ein anderes Mal in seinem Garten gearbeitet habe, habe ich ihn seitdem nicht mehr gesehen.
Kurz nach unserer Begegnung wurde er Bundespräsident – und ich nach zehn Jahren, in denen ich dies und das gemacht habe, deutscher Staatsbürger. Steinmeier ist mein Präsident, genau wie Erdoğan. Wenigstens einer von beiden wird sein Amt niederlegen, wenn seine Amtszeit vorbei ist.
Ich kann nicht sagen, ob Steinmeier gerade seinen „La Grazia“-Moment erlebt, jenen Moment aus Sorrentinos letztem Film, in dem der scheidende Präsident große Entscheidungen treffen muss und beginnt, über sein Leben und Vermächtnis nachzudenken. Oder ob er innerlich bereits ausgestiegen ist. So wie manche Menschen, die man an jedem Arbeitsplatz antrifft. Der Bellevue-Palast ist schließlich schon leergeräumt, wie es seine Gedanken sein könnten. Vielleicht freut er sich als Fan auch einfach darauf, dass Schalke 04 wieder in der Bundesliga spielt.
Egal ob er nun über die großen oder kleinen Dinge nachdenkt: Diese Kolumne ist auf beide Fälle vorbereitet. Ich werde jetzt endlich meiner Pflicht nachkommen und das tun, worum mich Steinmeier vor genau zehn Jahren gebeten hat. Ich werde ihm berichten: von Leben, Begegnungen und Erfahrungen, die dem Bundespräsidenten sonst wahrscheinlich verschlossen bleiben.
Und ich spreche nicht nur von Belanglosem: etwa von all den Späti-Schildern, die plötzlich pink werden; von den einfachen Tortilla-Chips, die aus den Supermarktregalen verschwinden; oder von den merkwürdigen Kindern, die ihren Müll durch offene Fenster in die Wohnungen fremder Menschen werfen.
Diese Kolumne wird auch von den Menschen handeln, die in diesen Wohnungen leben, und von den Dingen, die sie tun, um dort weiterleben zu können. Von denen, die keine Wohnung haben. Von anderen, die jene nicht ertragen, sogar hassen. Von Menschen, die anderswo Häuser bauen, während sie sich hier zu Tode schuften, oder von denen, die vom Staat leben. Von Menschen, die hier und dort zugleich sind, die an beiden Orten und doch nirgendwo zu Hause sind.
Also, Herr Bundespräsident, hier kommt Ihr Update.
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Source: taz