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Kunst am Dortmunder Hauptbahnhof: Selbstoptimierung beim Optiker
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Kurz vor 12 Uhr mittags an einem Mittwoch: Am Dortmunder Hauptbahnhof herrscht normaler Betrieb. Ein typischer Transitraum der Gegenwart, jeder hat es eilig, man will einfach nur raus aus dem Gleistunnel, schnell durch die Vorhalle. An diesem Vormittag beachtet niemand die große, blau leuchtende Anzeigentafel am Ende des Tunnels in der Halle über den Köpfen der Hastenden. „Departures (hottest to coldest)“ heißt die Installation der in Berlin lebenden Künstlerin Aleksandra Domanović, die mit der Optik echter Bahnhofs-Anzeigentafeln spielt, aber keine Abfahrtszeiten, sondern die Wetterdaten von 200 großen Städten weltweit in Echtzeit auflistet, und links oben die aktuell heißeste und rechts unten die kälteste Stadt anzeigt.
Es ist nicht die einzige Arbeit des Kunstpfads „Unheimliche Verschiebungen“, die den Klimawandel zum Thema nimmt. Der auf neun Stationen in der Dortmunder Innenstadt verteilte Kunstparcours soll das Publikum dazu bringen, eine „Vielzahl von Orten zu entdecken“, wie Britta Peters es sagt. Als Chefin von Urbane Künste Ruhr, der Fortsetzung des Aktionskunstprogramms der Kulturhauptstadt Ruhr.2010, hat sie den Parcours mitkonzipiert.
Kunst im öffentlichen Raum hat es oft schwer, wahrgenommen zu werden. Zumal, wenn sie sich als Kunst nicht so ohne Weiteres erkennen lässt. Oder schlicht übersehen wird. Wie etwa Neda Saeedis „Monument of Oblivon II“: Im Flyer ist eine Adresse gegenüber dem Bahnhofsvorplatz angegeben, aber dort steht man vor einer verschlossenen Tür. Bis man begreift, dass die eigenartig verknäuelten, blassblauen Bauschuttröhren auf der nicht eben gepflegten Rasenfläche davor das gesuchte Kunstwerk sind. Die Plastikröhren sind in der Form eines Möbiusbands installiert und werden vom Soundingenieur Nicholas Bussmann mit Klängen bespielt, die allerdings im Verkehrslärm untergehen.
„Unheimliche Verschiebungen“. Kunstparcours am Hauptbahnhof Dortmund, im Rahmen der Ruhrtriennale, bis 4. Oktober
Ähnlich unauffällig ist die Skulptur „PO-2022“, eine Gemeinschaftsarbeit des Ukrainers Hans Ostapenko mit dem Kunst- und Architekturkollektiv MNPL: Ein schmales Stück Betonmauer, das in seiner charakteristischen Form bis heute im „postsowjetischen Raum“ präsent sei, wie die Broschüre aufklärt. Leider gibt es keine Fotos der Kunst im Flyer, und der Standort ist eher vage angegeben, dass man glatt vorbeiläuft an der bewusst unspektakulären Kunst. Da merkt man, wie wichtig eine gute Vermittlung ist.
Einfacher ist es mit der Kirche Sankt Petri, in der fünf Arbeiten präsentiert werden. Darunter „Einfach cool, 2026“ des interdisziplinären Ingenieur- und Künstlerbüros Transsolar: Hochgestapelte Klimaanlagen bilden eine Wand, die sich als mahnende Vision mitteleuropäischer Innenstädte im Klimawandel versteht. Eine Soundarbeit der georgischen Künstlerin Anushka Chkheidze arbeitet für „Polyphony Meters/Matters“ mit Klangteppichen. In denen mischt sich die autonom spielende Orgel der Kirche mit Aufnahmen eines Duisburger Chors.
Am interessantesten ist, was in einem Optikergeschäft gezeigt wird. Der ranzige Charme des Interieurs, das wohl in den 1970er Jahren designt wurde, bietet einen nostalgischen Rahmen für die multimediale Arbeit „The Factory“ der Künstler*innen Ellinor Aurora Aasgaard und Zayne Armstrong. Mit skurrilen Gemälden, Videos und bizarren Skulpturen haben sie ein fiktives Fitnessstudio aufgebaut. Von Henry Moores abstrakt-runden Figuren inspirierte Körper werden mit Luft gefüllt und fallen wieder zusammen. Selbstoptimierung ist das Thema dieser spektakulären Arbeiten.
Aber auch hier sitzt das Aufsichtspersonal eher allein in der Ausstellung. Beim Rückweg zum Hauptbahnhof dann aber ein anderes Bild: Nun steht eine Handvoll Menschen unter der Klima-Installation und verfolgt interessiert den Wettbewerb um die heißeste Stadt der Welt.
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Source: taz