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Kundgebung am 7. Oktober: Wieso es nicht um die Opfer geht
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Drei Jahre ist es her, dass beim Angriff der Hamas auf Israel mehr als 1.200 Menschen starben, die meisten von ihnen Zivilisten, mehr als 250 Menschen wurden verschleppt. Am Jahrestag des 7. Oktober wird wieder an vielen Orten demonstriert werden, auch in Hamburg. Um die Opfer der Anschläge wird es hier allerdings kaum gehen, da lässt das Motto der angemeldeten Demo wenig Zweifel aufkommen: „Drei Jahre Genozid. Free Gaza. Free Westbank. Free Palastine“.
Für diese Demo in der Innenstadt mobilisiert die Gruppe „Thawra Hamburg“, die vom Landesverfassungsschutz als extremistischer Verdachtsfall beobachtet wird. „Thawra Hamburg“ beschreibt sich selbst als „junge migrantische Selbstorganisation“, die ihre „Frustration, Trauer und Wut gegenüber den ungerechten und profitbessenen Strukturen dieser Welt in revolutionäre Praxis umzuwandeln“ wolle.
Es gehe ihnen, so das Selbstverständnis der Gruppe, um die „Prinzipien: Antiimperialismus, Antirassismus und Dekolonialität“, nach denen das „Projekt Israel“ als „Siedlerkolonie Israel“ eingeordnet werden müsse. Die „Geschichte der Siedlerkolonie“ beginne weit vor 1948, so formuliert die Gruppe es in einer Broschüre.
Die Reaktionen auf das Hamas-Massaker in progressiven und linken akademischen Kreisen hat die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz 2025 in ihrem Essay „Der 8. Oktober“ analysiert. Sie sieht den „Postkolonialismus“ als eine Ursache für die Sicht, wie sie auch von Gruppen wie „Thawra Hamburg“ geteilt wird. Der Postkolonialismus, so argumentiert Illouz, löse die Komplexität von Geschichte und Gegenwart in eine Schwarz-Weiß-Dichotomie. Das führte laut Illouz dazu, dass am Tag nach dem Massaker am 7. Oktober 2023 nicht das Mitgefühl dominierte.
Die propalästinensische Bewegung bedient sich auf der Suche nach Argumenten auch bei Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“, einer psychoanalytischen und politischen Analyse des Kolonialismus, des Rassismus und der Mechanismen von Entkolonisierung und Gewalt. Fanon, ein aus Martinique stammender französischer Psychiater, Philosoph und Vordenker der Entkolonialisierung, betonte in seinem 1961 erschienenen Hauptwerk aber eben nicht nur, dass der Kolonialismus auf „systematischer Entmenschlichung“ beruhte. Er beschrieb auch, dass die von „Europa einst vertretenden großartigen Lehren“ von Gleichheit und Universalismus ins Autoritäre und Antisemitische gleiten könnten.
Und Alice Cherki, Psychoanalytikerin und Fanon-Biografin, sagte 2025 in einem Interview mit „iz3W“, Fanon habe „den Palästinensern einen eigenen Staat gewünscht“, er hätte jedoch „nie auch nur für einen Moment auf der Seite einer Organisation wie der Hamas gestanden“.
Die Position des „antikolonialen Widerstands“, die propalästinensische Gruppen wie „Thawaa Hamburg“ vertreten, führen offenbar zu Allianzen quer durch linke Milieus – was nahelegt, dass eine Überlegung der „Revolutionären Zelle“ heute vergessen scheint: „Wer von Befreiung träumt, von den Schattenseiten des Befreiungskampfes aber nichts wissen will, hängt naiven Revolutionsvorstellungen nach“, schrieb die Stadtguerilla-Gruppe. Die legitime Kritik an der israelischen Politik sowie die selbstverständliche Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand, führte die Gruppe 1991 in einem mehrseitigen Papier mit dem Titel „Gerd Albartus ist tot“ aus, dürfe nicht in einen linken Antizionismus enden. Albartus gehörte der „Revolutionären Zelle“ an und war von einer palästinensischen Widerstandsgruppe als vermeintlicher Verräter hingerichtet wurden.
Illouz formulierte es 2025 so: „Man verteidigt die Palästinenser nicht besser, indem man tugendhaft daherkommenden Hass auf Israel an den Tag legt“, so Illouz. „Und Israel zu verteidigen, heiß nicht, vom Kampf für die Rechte der Palästinenser abzulassen“.
Der Verfassungsschutz warnt vor der Teilnahme an der Demo in Hamburg. „Der 7. Oktober steht für den menschenverachtenden Angriff von Hamas-Terroristen auf Zivilisten in Israel. Die Wahl dieses Datums für Demonstrationen, in denen die Freiheit Palästinas und die Intifada propagiert wird, geht über eine reine Solidarisierung mit den Palästinensern hinaus“, so Torsten Voß, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes. „Es ist ein Zeichen dafür, dass man die Tötung und Misshandlung wehrloser Menschen gutheißt und unterstützt.“
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Source: taz