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War & Militarism taz

Kulturzerstörung Ukraine: Russlands Krieg gegen die Bücher

Mehr als 13 Millionen Bücher wurden in der Ukraine in diesem Sommer vernichtet, 900 Bibliotheken beschädigt. Sprache und Kultur sind für Putins Regime wichtige Angriffsziele. mehr...

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Viktor Kruhlov steht vor einem Regal mit Kinderbüchern, an denen vor allem die Ränder auffallen. Bei einem Aufklärungsbuch blättert verkokeltes schwarzes Papier an den Seiten ab, ein Cover mit einem blauen und einem braunen Dino weist Brandspuren auf, ebenso das bunte Buch mit ukrainischen Volksmärchen.

Die ramponierten Bücher sind ein winziger Ausschnitt dessen, was der ukrainische Ranok Verlag, den Kruhlov leitet, bei einem russischen Raketenangriff Anfang August verloren hat. „Insgesamt sind 8 Millionen Bücher verbrannt und zerstört worden“, sagt der Chef des Verlags aus Charkiw, „und es ist ein Wunder, dass keiner unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verletzt oder getötet wurde.“

Der Ranok Verlag hat in Deutschland, im Rahmen der Frankfurter Buchmesse im Oktober, einige beschädigte Exponate am Ukrainischen Stand ausgestellt. Kruhlov sitzt an dem Stand und berichtet von dem Angriff. Er und 50 andere Mitarbeiter:innen befanden sich im Gebäude, als am 1. August um 11 Uhr morgens in dem Verlags- und Lagergebäude mehrere Drohnen einschlugen.

Crowdfunding: https://foundation.kse.ua/en/projects/support-for-small-ukrainian-publishers/

https://www.gofundme.com/f/send-ukrainian-publishers-to-frankfurt-book-fair

„Ich hörte eine laute Explosion und sah fast augenblicklich ein Feuer, etwa 30 Meter von uns entfernt“, erzählt der 56-Jährige. „Es gab einen ersten Angriff, innerhalb weniger Minuten folgte der zweite.“ Glücklicherweise hätten alle das Gebäude verlassen können, bevor das Dach einstürzte.

Viele Kolleg:innen seien tief erschüttert gewesen, als sie die Bücher brennen sahen, schließlich steckten ihre Arbeit und Ideen darin. „Es ist schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie all das vernichtet wird.“ Noch eine Woche nach dem Angriff brannte das Feuer, erst dann wurde es vollständig gelöscht.

Russlands Angriffskrieg richtet sich nicht nur gegen Menschen, Natur und Städte, er gilt auch den Büchern. Den gesamten Sommer und Herbst über gab es eine Reihe von Drohnen- und Raketenangriffen auf Verlage, Bücherlager, Buchläden und einen Büchermarkt.

Anfang Juli: Der Verlag BookChef in Kyjiw wird angegriffen, 800.000 Bücher kommen zu Schaden. Mitte August: Es trifft den berühmten Antiquariatsmarkt Pochaina in der Hauptstadt, Hunderte Stände und Tausende Bücher werden beschädigt. Anfang Oktober: Der große ukrainische Verlag Knyholav wird bereits zum zweiten Mal attackiert. Mitte Oktober: Die Ivan Federov Book Chamber of Ukraine, zuständig für die Verwaltung, Katalogisierung und Infrastruktur des Buchmarkts, wird getroffen.

Ende Oktober: Eine russische Rakete trifft das Verlagshaus KSD Publishing in Charkiw, 300.000 Bücher werden beschädigt. Nur einige Beispiele. Mehr als 13 Millionen Bücher hat Russland allein in den Sommermonaten in der Ukraine zerstört. 21 Verlagsstandorte und Bücherlager sind mindestens betroffen, mehr als 30 Verlage erlitten Einbußen.

Natürlich waren auch andere Industrien – etwa die Stahl- und Lebensmittelindustrie – in jüngster Zeit von massiven und konzertierten Angriffen betroffen. Doch Russlands Krieg galt eben von Beginn an auch der ukrainischen Sprache und Literatur, manche sprechen von einem „Bibliozid“. Putin degradiert die Ukrainer immer wieder zu „Kleinrussen“, die ukrainische Sprache erklärt er zu einem durch polnische Einflüsse verdorbenen Dialekt des Russischen.

Damit stellt er sich ganz in eine zaristische Tradition, denn ähnlich sah das schon der russische Innenminister Pjotr Walujew im Jahre 1863. Im Mai 1876 gab es schließlich den „Emser Erlass“ durch den russischen Zar Alexander II., der auf ein Verbot des Ukrainischen in gesprochenem Wort und in Schrift hinauslief. Ukrainische Schulen wurden geschlossen. Die Unterdrückung und Verfolgung der ukrainischen Sprache reicht insgesamt aber noch viel weiter zurück: Vier Jahrhunderte geht das jetzt schon so.

Und seit dem 24. Februar 2022 sind Sprache und Kultur Angriffsziele im Vernichtungskrieg. Über 900 Bibliotheken sind bislang laut dem ukrainischen Kulturministerium beschädigt oder vollständig zerstört worden. In den besetzten Gebieten werden ukrainischsprachige Bücher aussortiert, Schulkinder werden russifiziert. Das geschriebene und gesprochene Ukrainisch soll aus dem öffentlichen Raum verbannt werden.

Sein Ziel werde Russland aber nicht erreichen, meint Viktor Kruhlov: „Die Russen können noch so viel bomben, die ukrainische Sprache werden sie nicht zerstören. Sie können zwar die Bücher verbrennen, aber sie werden es nicht schaffen, den Sinn und die Ideale dahinter zu vernichten.“

Im Fall von Ranok sind die physischen Exemplare zwar verbrannt, die Dateien der Bücher befanden sich aber zum Glück in der Cloud. Gerade beginnt Kruhlov damit, die meisten Bücher nachdrucken zu lassen, insgesamt wird das drei bis fünf Jahre dauern, schätzt er. 620.000 Schulbücher sind zu Schaden gekommen, sie haben nun Vorrang: „Das ist unsere Verantwortung gegenüber den Schüler:innen und den Schulen.“

Ranok ist einer der großen Hersteller von Lehrbüchern in der Ukraine. Gerade laufe eine Schulreform, sagt Kruhlov, es gebe neue Lehrpläne und neue Fächer. Die Schulen seien also angewiesen auf die neuen Bücher.

Der Verlag existiert seit 1997, er sei ein typisches Kind der unabhängigen Ukraine, sagt Kruhlov. „Ranok“ bedeutet „Morgen“, der Name steht auch für einen Neubeginn. Dem Umsatz nach ist Ranok der zweitgrößte Verlag im Land, 2025 lag man bei 842 Millionen Hrywnja, das sind 16,6 Millionen Euro.

Die Verlagsmitarbeiter:innen arbeiten nach dem Angriff nun zunächst größtenteils von zu Hause aus. Ranok verfügt noch über weitere Bücherlager, die nicht betroffen waren, darüber hinaus mietet man nun weitere Lagerhallen an verschiedenen Orten in der Ukraine an. Bücher dezentral zu lagern ist sicherer.

Beim Nachdruck ist man nun auf die Kulanz der Druckereien angewiesen. „Wir haben eine Vereinbarung mit sechs Druckereien geschlossen“, sagt Kruhlov. „Alle haben zugestimmt, auf die Bezahlung eine Weile zu warten, denn wir müssen das Geld dafür erst beschaffen.“

Versichern gegen diese Schäden könne er sich als Verleger nicht – das würden die ukrainischen Versicherungsgesellschaften nicht mitmachen. „Man kann sich gegen Schäden durch Umweltkatastrophen versichern, nicht aber gegen Kriegsschäden“, sagt er. Möglichweise erhielte Ranok staatliche Kredite, doch das könne dauern.

Die Bücherbranche befand sich dabei eigentlich zuletzt im Aufwind. Nur im ersten Jahr des Angriffskriegs war sie in einer tiefen Krise, hat sich jedoch sehr schnell wieder erholt. 2023 sprach man gar von einem Bücherboom, viele neue Buchläden und Verlage ploppten auf.

Zuletzt stieg der Umsatz der Branche von 8,2 Milliarden Hrywnja (163 Millionen Euro) im Jahr 2024 auf 8,9 Milliarden Hrywnja (176 Millionen Euro) im Folgejahr. Die Zahl der publizierten Titel nahm wieder zu. Die ukrainischen Autor:innen dominieren in der Belletristik, ihr Anteil in diesem Segment beträgt 70 Prozent.

Der Anteil der russischsprachigen Bücher, die in der Ukraine produziert werden (Importe ausgenommen), ging nach der Besetzung der Krim 2014 immer weiter zurück: Waren es damals knapp 40 Prozent, fiel die Zahl vor Beginn des Angriffskriegs auf rund 5 Prozent und lag zuletzt bei nur noch 1 Prozent. [Link auf https://ubi.org.ua/en/activity/programa-pidtrimki-perekladiv]

Um ukrainische Literatur im Ausland zu fördern, gibt es Programme wie „Translate Ukraine“, die Übersetzungen ukrainischer Autor:innen finanziell unterstützen. Allein in diesem Jahr werden so 100 Übersetzungen in 33 verschiedenen Ländern ermöglicht.

Die stellvertretende ukrainische Kulturministerin Bohdana Laiuk sieht durch die massiven Angriffe auf die Buchbranche nun vor allem die kleinen Verlage bedroht: „Wenn sie eine oder zwei Auflagen ihrer Bücher verlieren, kann das ihre gesamte Existenz gefährden“, sagt Laiuk im Zoom-Gespräch. „Die Hauptfolgen werden die kleinen Verlage wohl erst im nächsten Jahr zu spüren bekommen.

Falls manche schließen müssten, würde das bedeuten: weniger Debüts, weniger Experimente, weniger Vielfalt.“ Das Kulturministerium hat deshalb vor allem für die Indie-Verlage ein Crowdfunding gemeinsam mit der Kyiv School of Economics Foundation initiiert.

Laiuk erklärt, sie strebe ein höheres Budget für die Kultur im nächsten Haushalt an, aufgrund der Verteidigungsausgaben seien jedoch Erhöhungen in allen anderen Ressorts schwierig. Direkte Fördermittel habe es in der Vergangenheit für Druckereien aus dem Wirtschaftsministerium gegeben, für Verlage bislang nicht, man denke aber „über spezifische Programme nach“.

Der jüngste Angriff auf die Ivan Federov Book Chamber of Ukraine zeige einmal mehr Russlands Absicht, die ukrainische Kultur zu vernichten, so Laiuk. „Und wenn Bibliotheken angegriffen werden, gehen Texte und Manuskripte manchmal vollständig verloren“, sagt sie. „Aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wissen wir, wie gefährlich das ist.“

Laiuk weist darauf hin, welchen Boom die ukrainische Literatur nach dem Beginn des Angriffskriegs erlebt hat – mit vielen jungen Stimmen, mit Kriegsliteratur, mit einem Schwung an Übersetzungen. An die Verlage im Ausland richtet sie deshalb den Appell, diese ukrainischen Autor:innen weiter zu übersetzen und zu drucken. „Gerade Deutschland kann für die ukrainische Literatur ein Fenster zur Welt sein“, sagt sie.

https://foundation.kse.ua/en/projects/support-for-small-ukrainian-publishers/

https://www.gofundme.com/f/send-ukrainian-publishers-to-frankfurt-book-fair

Originally published bytaz
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