Germany · taz · · 4h
Krise bei Volkswagen: Neue Arbeitskämpfe stehen bevor
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Bei Volkswagen kehrt keine Ruhe ein. Erst Anfang September einigte sich der Aufsichtsrat auf einen „Zukunftsplan 2030“, der den Abbau von weltweit 50.000 Stellen vorsieht und die Produktion in vier deutschen Werken zur Disposition stellt. Nun erreichte die rund 130.000 VW-Beschäftigten hierzulande am vergangenen Mittwoch eine neue Hiobsbotschaft: Der Vorstand kündigt 10 von 13 Haustarifverträgen, darunter auch den Entgelt- und Manteltarifvertrag, der Arbeitszeit und Urlaubstage regelt. Ab Januar 2027 sollen neue Regeln gelten.
Volkswagen stehen schwierige Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfe bevor. Der Konzern ist aber nicht der einzige, in dem der Betriebssegen schief hängt. Auch bei Mercedes und BMW will das Management zulasten der Beschäftigten Kosten sparen. Vor allem jedoch beginnen am 7. Oktober Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektrobranche. Ab 1. November sind Warnstreiks möglich.
In der Metall- und Elektrobranche arbeiten bundesweit 3,7 Millionen Beschäftigte. Sie ist die wichtigste Industriebranche. Was ihre Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter aushandeln, wirkt sich auf die gesamte Wirtschaft aus. „Wir gehen mit kämpferischem Realismus in die Verhandlungen“, sagte die IG-Metall-Chefin Christiane Benner, als die Gewerkschaft ihre Forderung für die Verhandlungen vorstellte. 5 Prozent mehr Geld will sie für die Beschäftigten erstreiten. Zum „kämpferischen Realismus“ gehört aber auch, dass es nicht überall in der Branche rundläuft.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Vor der Tarifrunde befragte die IG Metall 267.000 Beschäftigte in 3.200 Betrieben. Rund die Hälfte davon nimmt die wirtschaftliche Lage im Betrieb als „gut“ oder „sehr gut“ wahr, ein Drittel als „geht so“ und ein Fünftel als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Während es etwa in der Rüstung oder beim Schiffbau gut läuft, spüren vor allem die Beschäftigten in der Automobilbranche die Krise.
VW, BMW und Mercedes erkennen mittlerweile, dass sie zu lange auf Verbrennermotoren gesetzt haben. Zwar bieten sie inzwischen auch E-Modelle an, die gut laufen. Die Konkurrenz chinesischer Autobauer und der Irankrieg lassen neue Verbrenner jedoch endgültig zu Ladenhütern werden.
Im September stieg die Inflationsrate auf 3,3 Prozent. Getrieben ist sie von den gestiegenen Energiepreisen. Weil kein Ende des Irankriegs in Sicht ist, sind die Ölpreise hoch, die Spritpreise an den Tanksäulen auf Rekordniveau. Die Folge: Elektrofahrzeuge werden im Vergleich zu Verbrennern immer günstiger.
Die steigenden Preise spüren auch die Beschäftigten der Elektro- und Metallbranche. Viele von ihnen sorgen sich also gleichzeitig um die gestiegenen Lebenshaltungskosten und ihren Arbeitsplatz.
Die Arbeitgeberseite verweist auf die anhaltende Krise, um Druck auszuüben. „Die Kosten sind zu hoch“, heißt es seitens des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Energie, Bürokratie, Steuern und Abgaben sowie der Faktor Arbeit machten den Standort Deutschland zu teuer, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können.
So gab es vor den anstehenden Tarifgesprächen Drohungen, die Arbeitszeit auszuweiten. Zwar hat die Arbeitgeberseite noch nicht den Flächenmanteltarifvertrag gekündigt, doch haben wichtige Arbeitgeber dies ins Spiel gebracht. Zunächst forderte die Mercedes-Chefetage eine Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden bei gleichem Lohn. Später blies der Kettensägenhersteller Stihl ins selbe Horn.
Dass diese Forderung von zwei großen Arbeitgebern aus Baden-Württemberg erhoben wurde, macht sie besonders pikant. Das Bundesland ist ein wichtiger Standort für die Metall- und Elektroindustrie. Deswegen wurde es schon häufig bei Branchentarifverhandlungen zum sogenannten Pilotbezirk. Was Gewerkschaften und Arbeitgeber dort aushandelten, wurde oft in anderen Bezirken übernommen.
Bei Volkswagen dürften die Tarifkonflikte erst richtig losgehen, wenn die Branche ausverhandelt hat: Es könnte zum zweiten großen Arbeitskampf innerhalb von zwei Jahren kommen. Erst 2024 kündigte das Management zahlreiche Haustarifverträge. Für eine Beschäftigungsgarantie bis 2030 machte die Belegschaft damals zahlreiche Zugeständnisse. Die IG Metall beziffert sie auf jährlich rund 1,5 Milliarden Euro.
Read the full story at the source
Source: taz