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Germany · taz · · 2h

Klimaschutz im Bau: Architekten fordern Abriss-Stopp

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Diese Zahl illustriert die ganze Dimension: Die Baubranche verursacht weltweit doppelt so viele Treibhausgase wie ganz Afrika. Dort leben mehr als 1,5 Milliarden Menschen, die mit ihrer Ernährung, ihrer Kleidung, ihrer Mobilität, ihrem Leben nur halb so viel Kohlendioxid zu verantworten haben wie der jährliche Neubau von Straßen, Wolkenkratzern, Tunneln, Shoppingmalls und Co.

„Um die Bauwende endlich praktisch umzusetzen, fordern wir einen Abriss-Stopp“, erklärt Corinna Tell von der „Anti-Abriss-Allianz“, einem Bündnis aus Architektur, Stadtplanung, Verwaltung und Forschung. An diesem Donnerstag ist Tell mit anderen Ak­ti­vis­t:in­nen vor das Rote Rathaus in Berlin gezogen, um von der Politik eine „Umbauordnung, die Erhalt vor Neubau stellt“, zu fordern.

Laut amtlicher Statistik werden in Deutschland nämlich jedes Jahr 12.000 Gebäude abgerissen, was einerseits für Unmengen an Bauschutt sorgt, andererseits Platz für Neubauten schaffen soll. In den allermeisten Fällen werden sie mit Zement errichtet. So entstehen jedes Jahr 10 Prozent der bundesdeutschen Emissionen durch den Bau. Das heizt das Klima weiter an.

Der August dieses Jahres war nach Angaben des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus der heißeste August weltweit seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die globale Durchschnittstemperatur lag bei 16,96 Grad, wie Copernicus am Donnerstag mitteilte. Damit wurde der bisherige Höchstwert von 2023 noch übertroffen.

Darauf braucht die Bauministerkonferenz Antworten. Im vergangenen Jahr habe sie noch versprochen, den Gebäudeumbau stärker in den Blick zu nehmen. „Passiert ist aber nichts“, sagt Leon Beck, Vorsitzender der „Architects for Future“.

Das Bündnis, zu dem insgesamt 70 Organisationen gehören, fordert daher für jeden geplanten Abriss einen verbindlichen Genehmigungsvorbehalt mit Alternativprüfung. „Nur so bleibt wertvoller Bestand erhalten und steht kurzfristig zur Nutzung bereit“, sagt Beck, der selbst Architekt ist. Das habe auch eine soziale Komponente: „Die Wohnungsfrage entscheidet sich nicht im Neubau, sondern im Bestand.“

Die tatsächliche Zahl der in Deutschland abgerissenen Gebäude dürfte wesentlich höher sein als die amtlichen 12.000: Nicht jeder Abriss wird tatsächlich auch statistisch erfasst. „Selbst komplexe Bestandsbauten wie Kirchen lassen sich hervorragend als Quartierszentren oder Wohnraum umnutzen“, sagt Denkmalschützerin Corinna Tell. Der Genehmigungsvorbehalt für Abrisse, den das Bündnis fordert, hat es aber nicht einmal auf die Agenda der diesjährigen Bauministerkonferenz geschafft. Architekt Beck sagt: „Es gibt Austausch, aber nicht in der fachlichen Tiefe, die nötig wäre.“

„Wohnen wollen wir für alle Menschen bezahlbar, verfügbar und umweltverträglich gestalten“, hatten sich Union und SPD in den Koalitionsvertrag geschrieben und dass ein „Bundesforschungszentrum für klimaneutrales und ressourceneffizientes Bauen“ aufgebaut werden soll. Zwar hatte dafür bereits die Ampel Fördermillionen in den Haushalt 2024 eingestellt: Um bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden – das ist Gesetz in Deutschland – muss erforscht werden, wie die Bauemissionen reduziert werden. Abgesehen von einer Standortentscheidung geht es mit dem Zentrum aber nicht voran: Stuttgart, Weimar und Bautzen in Sachsen sollen sich die Forschung aufteilen, demnächst dafür ein Verein gegründet werden.

Das neue Institut muss nicht bei null anfangen: So gründete die Fraunhofer-Gesellschaft 2022 die „Future District Alliance“, um Zukunftsszenarien für die Städte von morgen zu entwickeln. In Wien wurde mit der Seestadt Aspern versucht, ein Wohnviertel der Zukunft zu bauen. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmete im vergangenen Jahr die Ausstellung „We/Trans/Form“ der Zukunft des Bauens. Traditionelle Baustoffe wie Lehm oder Holz kamen dabei wieder zu Ehren, sie binden Treibhausgase, speichern sie, solange das Gebäude steht. In München entstanden deshalb im Prinz-Eugen-Park, einem alten Kasernenareal, 600 Wohnungen aus Holz. In Berlin begannen auf dem einstigen Flughafen Tegel gerade die ersten Arbeiten für das größte Holzbauquartier Europas: 5.000 Wohnungen komplett in Holzbauweise sollen hier bis 2029 entstehen.

Es gibt also eine Reihe Ansätze für den Klimaschutz am Bau. ���Leider sind viele klimafreundliche Materialien noch teurer als die klimaschädlichen“, sagt Leon Beck von den „Architects for Future“. Helfen könne die Politik, indem sie „die CO2-Kosten konsequent in solche Baustoffe einpreist“. Dafür aber müsste die Politik das Problem erkennen. Beck verspricht, für das Bündnis dranzubleiben: „Wir werden eine Abrissgenehmigungspflicht jetzt konkret ausarbeiten – und dann wieder bei den Bauministern auf der Matte stehen.“

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Source: taz