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KI-generierte Kultur: Der Mensch, das vernünftige Fehlerwesen
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N eben Faszination begleitet die rasante Entwicklung der KI auch ein zunehmendes Unbehagen. Da mussten nicht erst die KI-Giganten kommen, um mit dramatischen Appellen vor dieser – und damit auch vor sich selbst – zu warnen. Das Unbehagen war schon da.
Noch vor der Maximalmöglichkeit einer Auslöschung der Menschheit gibt es Entwicklungen, die uns unangenehm berühren. Etwa das rasante Eindringen der KI in die Kunst, in den gesamten sogenannten „Kreativbereich“. Das ist doch erstaunlich. Und erschreckend. Denn genau diesen Bereich hatte man sich doch davor gefeit gedacht.
Nun aber gibt es eine regelrechte Flut an KI-Videofilmen, an KI-Büchern, an KI-Musik. Es gibt Roboter-Orchester. KI-Bands. KI-Kompositionen. Noch mögen sie ungelenk sein, aber bald werden sie greifen, ergreifen.
Bevor man jetzt allzu schnell apokalyptische Gefühle entwickelt, muss man auf etwas verweisen – nämlich auf das, was solches überhaupt möglich macht: Lange vor der KI gab es schon eine Massenproduktion von sogenannten Kulturgütern, die nach Schema F funktionieren, von Daily Soaps bis zum sogenannten Popcorn-Kino, von der völlig reduzierten Genreliteratur bis zur gänzlich beliebigen Popmusik. Ein Einheitsbrei, der seine mechanische Reproduzierbarkeit selbst vorweggenommen hat. Schon 1947 haben die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer eine solche Massenproduktion von Filmen, Musik und Büchern nach starren Mustern als „Kulturindustrie“ denunziert.
Insofern wundert es nicht, dass die KI-generierten den sogenannten kreativen Produkten immer ähnlicher werden. Diese zunehmende Ununterscheidbarkeit macht es nötig, erstere zu kennzeichnen: durch digitale Wasserzeichen.
Aber solche digitalen Signaturen reichen nicht. Denn die narzisstische Kränkung der Menschen sitzt weitaus tiefer. Wenn die Kreativität schon künstlich herstellbar ist, wie kann das genuin Menschliche noch gerettet werden? Gerade weil man die Künstlichkeit immer weniger erkennt, gerade weil die Unterschiede zum menschlichen Produkt immer kleiner werden, sucht man allerorts nach dem „eigentlichen“ Unterschied. Worin aber besteht der?
Die Antworten lauten ziemlich einvernehmlich: im Unperfekten. In den Abweichungen. Im Zögern. In den Schwächen. Im Triebhaften.
Beim Schauspieler wird schon das Schwitzen zum Ausweis der Humanität. In der Literatur sollen die Nebenhandlungen, die Abweichungen, die moralisch zwiespältigen Figuren das Menschliche garantieren.
Eine ganze Latte des Mangels, des Scheiterns wird zur letzten Bastion des Menschlichen. Der Irrtum wird zu dessen Gütesiegel. Ihre Mankos werden zur Verteidigungsstrategie der Menschheit. Das Authentische, Echte, die menschliche Eigentümlichkeit liegt nunmehr im Fehler: der Mensch – das Fehlerwesen. Darin soll sein, soll unser Unterschied zur KI liegen. Der Fehler soll die Räume einer genuin menschlichen Kreativität sichern – weit über die rein äußerlichen Wasserzeichen hinaus.
Aber bevor wir unser Versagen adeln und im Mangelwesen unsere letzte Rettung sehen, sollte man sich vielleicht noch einmal erinnern: Wenn die KI „Kreativität“ maschinell reproduziert, dann reproduziert sie nur Standardisierungen. Auch wenn diese sich fortwährend verfeinern, so bleibt es doch das, was man Verstandestätigkeit nennt: die Produktion des Berechenbaren. Dies bleibt immer bloße Reproduktion. Das kann die KI in der Tat besser.
Davor rettet uns das Unperfekte aber nicht. Denn auch die fehlerhafte Verstandestätigkeit bleibt auf diese beschränkt. Reduziert den Menschen darauf. Bleibt diesem Rahmen verhaftet.
Das Andere der KI, das Gegenbild ist vielmehr das, was darüber hinausgeht: die Vernunft. Dass wir Vernunftwesen sind, macht den Unterschied. Dass wir Prinzipien setzen, nach Ideen handeln können – über das Gegebene hinaus.
Die Bedrohung liegt nicht darin, dass die KI an unsere Stelle tritt, sondern dass wir vergessen, unsere Vernunft zu gebrauchen. Ohne ihren Gebrauch aber wird der Mensch zurecht obsolet. Dann wird er zu dem, was jetzt droht: ein antiquiertes Wesen.
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Source: taz