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Germany · taz · · 1h

Jüdische Studierende: Schutzlos an Hochschulen

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Anlässlich der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus legt die Amadeu Antonio Stiftung (AAS) in ihrem aktuellen Zivilgesellschaften-Lagebild Antisemitismus neue Zahlen zu antisemitischen Vorfällen an deutschen Universitäten vor. Die zentrale Aussage des Berichts lautet: Für jüdische Menschen an Hochschulen bleibt die Situation unsicher. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Lage nicht beruhigt. Antisemitische Vorfälle würden vielmehr als Normalität akzeptiert.

Für das AAS-Lagebild hat der Bundesverband Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) speziell die an Hochschulen gemeldeten antisemitischen Vorfälle von 2022 bis 2025 analysiert. 2022 wurden 23 Fälle gemeldet, nach dem 7. Oktober 2023 stiegen die Zahlen stark an: 2024 erreicht die Statistik den Höchstwert von 458. 2025 sanken die Fallzahlen leicht auf 424.

Rias ordnet die insgesamt 1.056 gemeldeten Fälle auch nach Formen der Diskriminierung. Am häufigsten sei israelbezogener Antisemitismus vorgekommen, mit 901 Vorfällen. Als Beispiel nennt der Bericht eine Aktion an der Universität Bonn am 12. Juni 2024. Dabei wurde ein rotes Hamas-Dreieck aus den Fenstern gehängt.

Der Bericht dokumentierte darüber hinaus offen antisemitische Vorfälle. Etwa judenfeindliche Schmierereien: Zum Beispiel an der Universität der Künste in Berlin im Oktober 2024 wurde an eine Wand „Free jews from being“ geschrieben. An der Dresdner Uni stand im Juli 2025 auf einer Toilette: „Jede Spülung 1 toter Jude!“

Es bleibt nicht bei verbalen Angriffen. Der Bericht nennt etwa den Fall Lahav Shapira, der im Februar 2024 von Kommilitonen zusammengeschlagen wurde. Das sei kein Einzelfall. Es habe weitere körperliche Übergriffe gegeben, etwa in Köln und Oldenburg.

Für den Bericht sprach die AAS auch mit Betroffenen: „Juden sind im universitären Raum nicht geschützt“, zitiert der Lagebericht die Frankfurter Professorin Julia Bernstein, die das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender vertritt. Ähnliches berichtet eine jüdische Aktivistin, die im Bericht anonym bleibt. Sie fühle sich an der Uni „in einer feindlichen Umgebung“. Deswegen fordert die AAS verbindliche Schutzkonzepte an allen Universitäten.

Auch Ron Dekel von der Jüdischen Studierendenunion Deutschland sieht die Lage dramatisch. Bei der Vorstellung des AAS-Lageberichts erzählt er aus seiner Perspektive. Etwa vom „automatischen Griff an die Brust“, dem Tasten nach der Kette mit dem Davidstern, um sicherzustellen, dass sie unter dem Pullover versteckt ist und nicht doch rausgerutscht und sichtbar wird. Nikolas Lelle, Leiter der Aktionswochen gegen Antisemitismus, sagt dazu: „Es ist nicht mehr selbstverständlich, sich als jüdisch zu zeigen. Etwa eine Kippa oder den Davidstern zu tragen.“

Ergänzt wird der Bericht durch eine Umfrage, für die weltweit jüdische Studierende und Hochschulmitarbeitende im akademischen Jahr 2024/2025 befragt wurden. Für das AAS-Lagebild wurde sie nun eigens für Deutschland ausgewertet. Insgesamt nahmen knapp 2.000 Menschen teil, darunter 205 an deutschen Hochschulen. Die Ergebnisse sind also nicht repräsentativ.

Ihre jüdische Identität schon mindestens einmal verborgen haben 85 Prozent der deutschen Befragten, weltweit liegt die Zahl bei 78 Prozent. Etwa ein Drittel kennt jüdische Kommiliton*innen, die körperlich bedroht wurden. 20 Prozent kennen jüdische Kommiliton*innen, die deswegen körperlich angegriffen wurden.

Die Umfrage ist eine Zusammenarbeit zwischen der Anti-Defamation League (ADL) und der World Union of Jewish Students. Die ADL wird teilweise aufgrund ihrer Gleichsetzung von Isrealkritik mit Antisemitismus kritisch gesehen. Aktionswochenleiter Lelle sagt hierzu, dass es bei der nun veröffentlichten Analyse um sehr konkrete Fragen gegangen sei: „Ob jemand wegen seiner jüdischen Identität körperlich angegriffen wird, hat nichts mit einer Antisemitismusdefiniton zu tun.“

Die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus, die die AAS gemeinsam mit dem Anne Frank Zentrum organisiert, finden vom 6. Oktober bis zum 9. November in mehr als 50 Städten mit über 250 Veranstaltungen statt. Die Organisationen fordern insbesondere Hochschulen dazu auf, aktiv gegen Antisemitismus vorzugehen: Neben Schutzkonzepten brauche es niedrigschwellige Meldemöglichkeiten, qualifizierte Antisemitismusbeauftragte an den Hochschulen und klare Konsequenzen bei Vorfällen.

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Source: taz