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Germany · taz · · 2h

Historische Minigolf-Anlage in Hamburg: Der Prototyp im Märchenwald

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Manchmal, erzählt Minigolfspieler Jonathan beim Rundgang über die Hamburger Anlage Crazy Minigolf, kommen die Be­su­che­r*in­nen von weit her. Aus Murnau am Staffelsee zum Beispiel: Das ist ein Ort im Voralpenland, der sich dadurch auszeichnet, dass der örtliche Minigolfplatz einem Minigolfverein gehört, der in der Minigolf-Bundesliga Süd spielt. Auf der Minigolf-Landkarte ist Murnau eine Metropole.

Wenn also jemand vom Minigolfclub Murnau am Staffelsee die weite Reise nach Hamburg an der Elbe antritt, dann wird diese Person nicht nur die Landungsbrücken und den Jungfernstieg besuchen. Sie wird mit der U-Bahn von der Innenstadt sieben Minuten Richtung Osten fahren und an der Hammer Kirche aussteigen.

Von dort geht es durch den denkmalgeschützten Hammer Park zur Minigolfanlage Crazy Minigolf, die einzigartig ist in Deutschland. Die Anlage hat Minigolfgeschichte geschrieben: Sie wurde 1959 eröffnet als Prototyp für jene Eternitbahnen, die in den Jahrzehnten danach in Deutschland zum Standard wurden.

Das bedeutet: Die Hindernisse auf den Bahnen wie der Vulkan, der Rohrhügel oder der Salto wurden dort erprobt. Ausgedacht haben sie sich Studierende der späteren Hochschule für bildende Künste im Auftrag des Hamburger Unternehmers Albert-Rolf Pless, der fortan standardisierte Miniaturgolfanlagen verkaufte.

Allerdings bestehen die Bahnen im Hammer Park aus Beton, die später von Pless vermarkteten Bahnen aber aus Eternit. Das mag für Normalsterbliche lapidar klingen. Für Mi­ni­gol­fe­r*in­nen liegen zwischen Beton und Eternit Welten, denn Minigolf ist ein Materialsport: Sportlich orientierte Spie­le­r*in­nen nutzen für jede Bahn einen speziell dafür geeigneten Ball – mal muss der weich sein, um von Banden gut zurückzuspringen, mal hart, um gut kontrolliert werden zu können. Eternitbahnen ermöglichen grundsätzlich ein präziseres Spiel. Dafür darf man die Bahnen aus Beton betreten, die aus Eternit aber nicht.

Mittlerweile gibt es laut dem Deutschen Minigolfsport Verband rund 220 Vereine und circa 2.000 Anlagen in Deutschland. Für Vereinsspiele und Turniere braucht es Anlagen, die für den Sportbetrieb zugelassen sind. Das bedeutet, dass auf diesen Anlagen ein berechnendes Spiel ohne Zufall möglich sein muss. Es darf zum Beispiel keine Hindernisse geben, die sich bewegen.

Eine Besonderheit im Hammer Park ist nun, dass es dort noch eine Bahn mit Wippe als Hindernis gibt. Die Aufgabe ist, den Ball auf die Wippe zu spielen, so dass die Wippe sich neigt und der Ball auf der anderen Seite runterkullert. Als Minigolf zum Sport wurde, hat man so was aus dem Hindernis-Katalog gestrichen.

Im Hammer Park gibt es die Wippe noch. Und so viel mehr: Die Betreiber Dorota und Patrick Schreck haben die Bahn 2018 übernommen und erstmal einen Künstler engagiert, der die Bahnen graffittimäßig besprüht hat. Für Vereinspuristen ein No-Go, aber ein Verein wacht hier nicht über die Bahn, weswegen es gestalterisch noch weiterging: Überall im Park stehen Skulpturen von Tieren oder Menschen, wie sie auf Flohmärkten und in Dekoläden angeboten werden.

Die Skulpturen sind wie die Bahnen bemalt und wie zum Beispiel die Katze im Raumanzug gern von der schrägeren Sorte. Schön auch der Himmel aus Quitscheentchen, das bunte Reh im überdimensionalen Vogelkäfig und der Setzkasten mit Sumo-Ringern. Abgesehen davon gibt es viele Bänke zum Verweilen.

Die findet zum Beispiel Erwin wichtig. Erwin ist über 80 und spielt seit über 40 Jahren Minigolf auf der Bahn im Hammer Park. Er ist einer derjenigen, die sich regelmäßig zum ernsthaften Spiel auf der Bahn treffen – unorganisiert und doch mit einem gewissen Engagement. Erwin hilft zu Beginn der Saison auch mit, die Schäden an den Bahnen wegzuspachteln, die der Winter hinterlassen hat. Erwin kann das, er war Maler von Beruf.

Was er noch nie geschafft hat, ist, die 18 Bahnen mit 18 Schlägen zu schaffen. 21 sei sein bestes Ergebnis gewesen, sagt er. Ihm sei niemand bekannt, der die Bahn je mit 18 Schlägen geschafft hat: „Bei Eternitbahnen gibt es das schon. Aber hier auf Beton gibt es zu viele Unebenheiten und Löcher.“

Die Bahn habe eben Charakter, sagt Jonathan, der auch zum Stammpublikum zählt. Er mag das Wilde, Unkonventionelle im Hammer Park. Denn das Crazy Minigolf im Hammer Park ist auch noch etwas anderes: ein märchenwaldhaftes Freiluftcafé unter hohen Bäumen. Die helfen bekanntermaßen gegen Hitze, was dazu führt, dass sich viele Leute auf dem Platz treffen, ohne selbst zu spielen. Diverse Sitzgelegenheiten stehen bereit. Die meisten davon bunt. Übermalt wie die Bahnen, die historisch sind und dabei Teil von etwas Neuem.

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Source: taz