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Historiker übers Bahnfahren: „Am liebsten spricht man über das, was einen stört“
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taz: Herr Weber, fahren Sie viel mit dem Zug?
Niklas Weber: Gerade nicht so viel. Aber ich habe große Teile der Arbeit in Eutin geschrieben. Da hatte ich ein Stipendium, und da bin ich sehr viel mit dem Regionalzug zwischen Berlin und Eutin hin und her gependelt.
taz: Es beschweren sich heute Menschen schrecklich gerne über ihre Erlebnisse in der Bahn. Ihnen geht es in Ihrer Doktorarbeit auch um Ärgernisse, um Zumutungen, die sich beim Bahnreisen zutragen können.
Weber: Da gibt es viele Zusammenhänge. Als Twitter noch ein normales Medium war, haben Leute ständig ihre Zugerlebnisse geteilt. Das ist im Grunde eine diskursive Tradition des 19. Jahrhunderts. Denn damals versammelt die Bahn alle Teile der Gesellschaft an einem Ort, und dementsprechend kann man über die Beschreibung von Zugerlebnissen etwas über Gesellschaft im Allgemeinen erzählen. Und am liebsten spricht man natürlich über das, was einen daran stört.
wissenschaftlicher Volontär am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, wurde 2024 an der Humboldt-Universität Berlin promoviert. Seine Dissertation ist unter dem „Titel „Passagiere. Klasse, Geschlecht und ‚Rasse‘ auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts“ bei Campus erschienen (378 S., 45 Euro; E-Book 44,99 Euro)
taz: Jetzt könnte man annehmen: Was sich im Zug zuträgt, wird im Prinzip das sein, was auch diesseits des Bahnhofs passiert, im sonstigen öffentlichen Raum, auch im Privaten. Stimmt das gar nicht?
Weber: Es ist schon eine sehr spezifische Situation. Der Zug ist ja ein Ort, an dem man Fremde treffen kann für eine etwas längere Zeit. Im 19. Jahrhundert ist das Abteil die Standardform, das haben wir heute nicht mehr so, wir fahren doch eigentlich alle im Großraumwagen. Das Vis-à-vis lädt dagegen zum Gespräch ein. Der Eisenbahnraum ist dabei strikt nach Klassen sortiert, und man kann eigentlich nicht einfach so die Klasse wechseln – das wäre zu teuer. Aber es ist zumindest vorstellbar. Die Bahn ist also einer von ganz wenigen Orten, an denen es denkbar ist, sich klassenübergreifend zu begegnen. Gleichzeitig ist es auch ein Ort, an dem sich Männer und Frauen allein treffen können. Dementsprechend gibt es auch eine große Zahl romantischer, erotischer, pornografischer Geschichten und Bilder, was die Begegnung von Mann und Frau im Eisenbahnabteil betrifft.
taz: Man erzählte nicht bloß Katastrophen- oder Zumutungsgeschichten?
Weber: Ich glaube, die populärste Zumutungsgeschichte des 19. Jahrhunderts ist die vom Eisenbahnmord. Da gibt es sehr viele Beispiele. Letztendlich ist das auch so eine Fantasie, bei der es um die Begegnung der Klassen geht: Eisenbahnmorde, die echten, aber auch die fiktiven, werden in der Regel von Leuten begangen, die eigentlich in die vierte Klasse gehören, sich aber in die erste schleichen … Auf der anderen Seite kann man sich gerade aus erstklassiger Perspektive die Vorzüge der Eisenbahn insofern imaginieren, als man dann eben auch hinabsteigen kann in die vierte, um „frische Fühlung aufzunehmen mit dem Volk“, wie man damals sagt. Im Sinne einer hobbyethnologischen Studie – aber eben auch im Sinne des erotischen Abenteuers.
mit Niklas Weber: Mo, 5. 10., 18.30 Uhr, Hamburg, Universitäts- und Staatsbibliothek/Ossietzky-Forum. Infos und Anmeldung: https://roter-salon-hamburg.de/
taz: Hat die Eisenbahn wirklich Unterschiede eingeebnet – oder sie erst richtig offengelegt?
Weber: Das lässt sich schlecht sagen. Grundsätzlich war die Eisenbahn ein faszinierendes Sozialexperiment, das alle Teile der Gesellschaft an einem Ort zusammengeführt hat. Der Verkehr im 19. Jahrhundert, also ab Einführung der Eisenbahn, ist im Grunde egalitärer organisiert als der heute. Damit geht einher, dass die Eisenbahn von Anfang an als eine demokratische Maschine imaginiert wird. Eine, die die Unterschiede zum Verschwinden bringt. Aber es gibt eben auch dieses Klassensystem, das sich im Lauf des 19. Jahrhunderts immer weiter ausdifferenziert. 1914 gibt es in ganz Deutschland vier Wagenklassen. Hinzu kommt die rassistische Segregation in den Kolonien, die ungeheuer rigide ist, und die Unterschiede, die es gar nicht gibt, erst hervorbringen soll.
taz: Sollte die Eisenbahn am Ende also doch nur eine Art Spiegel sein – von allem anderen?
Weber: Es hat immer wieder die Vorstellung gegeben, dass die Eisenbahn gesellschaftliche Strukturen nicht nur reproduziert, sondern auch produziert. Tony Judt, einer der bekanntesten britischen Historiker, hat einen Zusammenhang gesehen zwischen der Erfindung der sozialen Klassen und den Wagenklassen. Die Wagenklasse sortiert Menschen nach Geld, darin liegt schon eine Entsprechung zum Begriff der sozialen Klasse. Es geht jetzt nicht mehr um Privilegien, um Geburt, sondern darum, wie viel man hat. Interessant ist auch, dass der Begriff „Klasse“ bis in die 1840er Jahre ein ziemlich neutraler Einteilungsbegriff ist. Die Aufladung kommt dann vor allem mit Marx, aber in zeitlicher Hinsicht gibt es eben eine Koinzidenz mit der Einführung der Wagenklassen.
taz: Solche Phänomene kennen wir natürlich bis heute: Dass eine technische Neuerung neue Begrifflichkeiten mit sich bringt, die uns dann so erklärungsstark vorkommen, als so sehr die Gegenwart erhellend, dass sie in andere Bereiche wandern: die Blase, die Schnittstelle …
Weber: Man darf den Zusammenhang nicht überstrapazieren. Aber man kann zum Beispiel darüber reden, dass die Vorstellung, in einer Klassengesellschaft zu leben, auf Erzählungen angewiesen ist, um plausibel zu sein. Und die Eisenbahn bringt damals eben derart viele Erzählungen über „Klasse“ hervor, dass sich daraus eine Art Evidenz ergibt. Auch wenn eine Wagenklasse und eine soziale Klasse natürlich nicht das Gleiche sind.
Weber: … wäre einfach fehlgeleitet. Das heißt aber nicht, dass es nicht immer wieder gemacht worden ist, auch in der politischen Agitation, vor allem vonseiten der SPD: Gegen das Elend der vierten Klasse, die sogenannte „Viehklasse“, zu protestieren, war eine leicht verständliche Art und Weise, über die Klassengesellschaft zu reden und dagegen zu agitieren.
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Source: taz