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Heimliche Aufnahmen mit Smart Glasses: Eine neue Angst für Flinta*
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D as Paar sah lässig aus. Sie: Kurzhaarschnitt, baggy Anzughose, Pashanim-Shirt, pinke Flipflops. Er: Jogginghose, weißes Longsleeve, Freitag-Tasche, dazu eine erstaunlich hässliche Sonnenbrille. „Renn!“, wollte ich ihr zurufen, als ich erkannte, was ihr Freund da trug: Smart Glasses.
Wer als Mann Smart Glasses trägt, findet nicht nur Mark Zuckerberg und den neuesten Silicon-Valley-Shit ein bisschen zu geil, sondern ist auch ignorant. Er versetzt sich nicht in die Lebensrealität von Flinta*, die von ständiger Bedrohung geprägt sind.
Recherchen der Süddeutschen Zeitung (SZ) deckten vergangene Woche auf, wie systematisch Flinta* auf dem Oktoberfest heimlich unter den Rock gefilmt wird. Demnach kursieren allein auf Plattformen des Meta-Konzerns mehr als 32.000 Videos von Flinta*, die Opfer von sogenanntem Upskirting geworden sind. Hinzu kommen laut SZ Tausende weitere Clips auf Youtube und Tiktok.
Vor einigen Wochen lag ich in München an der Isar, als ein Mann stundenlang heimlich Fotos von mir und anderen Frauen machte: Nahaufnahmen von unseren entblößten Brüsten, Pos, Vulven. Als wir ihn entdeckten, schrien wir ihn an und löschten die knapp 50 Bilder. Er fand unsere Reaktion maßlos übertrieben, wir sollten uns beruhigen, sagte er, und, nun ja: „War vielleicht nicht ganz die feine englische Art.“
Die Polizei sagte später, sie könne nichts machen. Dass er stundenlang heimlich intimste Fotos machte, ist legal. Strafrechtlich relevant wird es erst, wenn es zu spät ist: wenn die Bilder bereits im Internet hochgeladen sind.
Wenige Tage später liege ich im Urlaub am Meer. Ich sehe überall nur noch Männer und Handykameras. Ich traue mich nicht, mein Bikinitop auszuziehen und ärgere mich darüber, dem Mann Macht über mich zu überlassen. Als ich abends einer Freundin davon erzähle, berichtet sie von ihrer Stranderfahrung in der Woche zuvor. Wie ein Mann zu ihr kam und fragte, ob er ihre Füße malen dürfe; wie sie verneinte und ins Wasser ging; wie er ihr folgte und immer näher an sie heranschwamm, während sie den „toten Mann“ machte; wie er plötzlich mit beiden Händen nach ihrem Fuß griff und versuchte in ihn hineinzubeißen; wie sie schrie, ihm ins Gesicht trat und panisch an Land schwamm.
Im Jahr davor hatte sich am selben Strand ein Mann nackt vor den Kopf ihrer Freundin gehockt, die ihr Buch las, und Smalltalk machen wollen, während sein Penis nur Zentimeter von ihrem Kopf baumelte, erzählte sie.
Die Philosophin Ann J. Cahill bezeichnet Flinta* in unserer Gesellschaft als „Vor-Opfer“. Wir sind konstant mit der Bedrohung konfrontiert, Opfer sexuellen Missbrauchs werden zu können. Wenn Tech-Bros nun Werkzeuge wie Smart Glasses entwickeln, um anderen Männern das heimliche Filmen zu erleichtern, wird diese ohnehin omnipräsente Angst verstärkt. Durch Kollaborationen tragen Stars wie Kylie Jenner dazu bei, diese Überwachungstechnologie als Lifestyle-Accessoire zu verkaufen und die damit verbundenen Gefahren zu normalisieren.
In den sozialen Medien boomen derzeit Videos von selbst ernannten Dating-Coaches und Pickup-Artists, die Frauen an Seen und Stränden anbaggern, heimlich filmen und sich gegenseitig Tipps geben, wie sich das blinkende LED-Licht der Kamera verdecken lässt. Dabei haben Zuckerberg und Co. selbstverständlich dafür gesorgt, dass die LEDs ohnehin kaum sichtbar sind. Laut einer neuen Civey-Umfrage im Auftrag von HateAid erkennen 61 Prozent der Befragten die LED nicht als Hinweis auf eine laufende Aufnahme. Trotzdem werden online speziell angefertigte Sticker vertickt, die das LED-Licht an den Brillen abdecken, um – ja, was wohl?
Natürlich machen nicht alle Männer, die Smart Glasses tragen, heimlich Aufnahmen von Flinta*. So wie #allMen auch nicht bedeutet, dass alle Männer vergewaltigen. „Aber alle nehmen an Ritualen teil, bejahen Werte und schätzen Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dass es möglich ist, dass normale Männer losziehen und eine bewusstlose Frau vergewaltigen“, schreibt die Philosophin Manon Garcia im Buch „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“.
Auch Männer, die Smart Glasses als harmloses Tech-Gadget nutzen, tragen dazu bei, dass Flinta* sich noch unsicherer fühlen und hinter jeder Sonnenbrille einen potenziellen Täter wittern. Solidarität bedeutet, sich für die Realitäten anderer zu interessieren und sich politisch für sie einzusetzen. Wer „Ally“ sein will, muss manchmal Opfer bringen: Euer Spielzeug ist verzichtbar, unsere Sicherheit nicht.
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Source: taz