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Han Kang im Hamburger Thalia Theater: Metamorphosen und unruhige Träume

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Sie selbst kommt kaum zu Wort. Weder im Roman noch an diesem Theaterabend am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße. Es sind die anderen, die von ihr und über sie erzählen: Ihr Ehemann, ihr Schwager und ihre Schwester. Sie, das ist Yeong-hye, die „Vegetarierin“. In dem gleichnamigen Roman der südkoreanischen und 2024 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Autorin Han Kang beschließt Yeong-hye eines Morgens – nach unruhigen, blutigen Träumen – kein Fleisch mehr zu essen. Ihre Umgebung ist erschüttert. Doch „die Vegetarierin“ bleibt dabei: Sie will – aus Protest gegen die Gewalt und den Sexismus in ihren Leben – die Kontrolle über ihren eigenen Körper behalten und sich in eine Pflanze verwandeln.

Metamorphosen und unruhige Träume finden immer mal wieder ihren Weg auf die Bühne. Erzählen sie doch von stillen Widerständen, die surreale Bild- und damit Theaterwelten einfordern. Das mag auch die Motivation für die Regisseurin Lilja Rupprecht gewesen sein. In drei Teilen, wie in der Romanvorlage, erzählt sie vom langsamen, willentlichen Verschwinden ihrer Protagonistin. Erzählt dies aus ebenjenen drei Perspektiven.

Zunächst bleibt Yeong-hye eine Leerstelle, ein leerer Plastikstuhl hinter einer durchsichtigen Folie, die die Bühne verhängt. Davor tritt der Schauspieler Patrick Bimazubute als ihr Ehemann auf. Er schwärmt länglich, glücklich und ausreichend sexistisch von seiner „durchschnittlichen Frau“: fügsam und pflegeleicht, keine Herausforderung. Dass sich das bald ändert, ist das Thema des Abends.

Auf der Bühne hat sich inzwischen der Schauspieler Bernd Grawert eine übergroße Maske übergestülpt: ein Topfschnitt mit kurzem schwarzem Pony und eine Andeutung von einem, eher puppenhaften, asiatisch anmutenden Gesicht (Bühne & Kostüme: Korbinian Schmidt). Die insgesamt vier Spie­le­r*in­nen (außerdem: Caroline Junghanns und Jannik Hinsch) werden sich im Wechsel diese Maske aufsetzen und so die meist stumme Yeong-hye performen. Traumwandlerisch bewegt diese sich dann hinter der Folie, abgeschirmt in ihrer eigenen Welt. Ab und an treten die anderen Spie­le­r*in­nen zu ihr, versuchen gewaltvoll sie zum Essen zu überreden. Sind mal Mutter, mal Vater, mal Schwager, mal Schwester. Und bald auch – in weißen Kitteln! – Ärzte.

Immer wieder baut Rupprecht surreale Szenen. Ein langes rotes Tuch wird dann zum Symbol für würgendes Fleisch. Eine recht klägliche Essstäbchen-Choreografie von Rônni Maciel steht für den gesellschaftlichen Druck, den eine Familienfeier vermitteln soll, noch kläglichere Arztkittel-Choreografien für die Übermacht in der psychiatrischen Klinik, in die Yeong-hye schließlich eingewiesen wird. Oft auch liegt die puppenhaft wirkende Yeong-hye-Figur einfach minutenlang matt über einem riesigen grauen Stein, der die Bühne dominiert. Das sieht zwar interessant aus, erzählt aber rein gar nichts.

Später am Abend öffnet sich der Raum, wird dann allerdings augenblicklich von einer riesigen Folie eingenommen, diese wiederum von schier endlosen Projektionen (Video: Rebecca Riedel). Blumen und nackte, schemenhafte Körper tanzen dann über die mit Luft gefüllten, sich aufbäumenden Folienberge. Dazwischen tauchen ab und an auch Dar­stel­le­r*in­nen auf, versuchen Kunst und Verführung zu spielen. Schließlich ist es ja Yeong-hyes Schwager und Künstler (Jannik Hinsch), der in dieser Szene und in zunehmender Erregung deren abgemagerten Körper mit Blumen bemalen und eine große filmische Installation daraus zaubern will.

Der aufwendige Bühneneffekt verfängt nur kurz. Bald scheinen die Spie­le­r*in­nen darin buchstäblich zu ertrinken und ihr mühsamer Umgang mit den schier endlosen Folien verhüllt bald jeglichen Rest-Inhalt. Wo war noch mal das Mikro? Und was noch mal die Idee dieser Szene? Irgendwer spricht noch von irgendwo ein bisschen Text. Doch je tiefer sich die Dar­stel­le­r*in­nen in diese Folienlandschaft und in den Kampf mit derselben steigen, desto mehr steigt man als Zu­schaue­r*in aus.

Mit drei Monologen, Caroline Junghanns übernimmt gegen Ende noch die Perspektive der Schwester In-hye, und mit vielen, sehr, sehr vielen Mitteln (bislang unerwähnt geblieben sind Schall, Musik und Rauch) versucht Rupprecht für „Die Vegetarierin“ mit aller Kraft eine ganz besondere Welt zu schaffen. Es gelingt ihr nur sehr selten. Und es scheint ihr fast egal zu welchem Preis. Der aber ist hoch. Auf der Strecke bleiben: die Empathie für die Figuren, die Geschichte und damit und sowieso deren Relevanz.

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Source: taz