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Geflüchtete an der Grenze Lettlands: Mit Grüßen aus Moskau

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N ur wenige Meter von der Grenze Lettlands zu Belarus entfernt liegen zwei Gräber. Die beiden dort begrabenen Menschen haben weder Namen noch ist ihre Staatsangehörigkeit bekannt. Und auch der Zeitpunkt ihres Todes ist nicht klar. Es sind nur zwei der Unbekannten, die den Spannungen an der Außengrenze der Europäischen Union zum Opfer gefallen sind.

„Der Menschenhandel ist hier äußerst gut organisiert“, sagt Oberstleutnant Tomass Skrimblis, stellvertretender Leiter der Grenzschutzverwaltung in Daugavpils. „Er wird von beiden Seiten organisiert und es gibt Organisatoren im Ausland, die die gesamte Operation koordinieren. Es geht um riesige Geldsummen.“ Wie der Kommandeur des staatlichen lettischen Grenzschutzes, General Guntis Pujāts, spricht auch Skrimblis von einer „Mafia“, die hier an der lettisch-belarusischen Grenze am Werk ist. Konkret gemeint ist: Belarus und Russland sind hier involviert. Sowohl die Regierungen von Lettland als auch Litauen und Polen haben dies mehrfach genannt.

Die Grenze zu Belarus ist gesäumt von dunklen und sumpfigen Wäldern, von Tälern und Hügeln, Seen und Flüssen – und sehr dünn besiedelt. Ein Teil der Grenze verläuft entlang des größten Flusses Lettlands, der Daugava. Die Geflüchteten stranden erst in Camps auf der belarusischen Seite und versuchen dann auf verschiedene Weise, illegal die Grenze zu überqueren: etwa über den fast 4 Meter hohen Metallzaun, der die beiden Länder trennt, über den Fluss – und seit Kurzem auch durch unterirdische, gegrabene Tunnel.

Lettland wählt am 3. Oktober ein neues Parlament. 100 Abgeordnete werden damit für die 15. Saeima bestimmt. Ministerpräsident ist bisher Andris Kulbergs vom grün-konservativen Bündnis Apvienotais saraksts (AS). Kulbergs führte die Geschäfte nur rund 4 Monate lang, da seine Vorgängerin Evika Silina wegen mehrerer Drohnenvorfälle in Lettland Vertrauen verlor und zurücktrat.

Themen im Wahlkampf sind der russische Angriffkrieg in der Ukraine und die damit verbundenen gestiegenen Investitionen Lettlands in die Verteidigung und die Migrations- und Asylpolitik. Auch der Bevölkerungsrückgang, hohe Inflation und Lebenshaltungskosten sind Topthemen. Zentrale Frage ist dabei, wie viel Geld will die lettische Regierung in Verteidigung stecken. In aktuellen Umfragen liegt derzeit Kulbergs Bündnis vorne, danach folgt die Populistische Rechte LPV – Lettland zuerst. (taz)

Ein solcher Tunnel wurde vor wenigen Wochen unweit des Grenzpostens Silene entdeckt. Vermutlich wurde der unterirdische Durchgang nur ein einziges Mal benutzt, bevor er entdeckt wurde. Jetzt wurde er wieder zugeschüttet und aus Sicherheitsgründen wurde im Inneren des Tunnels Stacheldraht verlegt. Ein weiterer Tunnel wurde ebenfalls nahe der belarusischen Grenze in Kaplava gefunden. „Das war ein viel aufwendigerer Tunnel, da er im Inneren sowohl Stützbalken als auch Bretter hatte“, sagt Skrimblis. „Er war zudem länger und man konnte erkennen, dass man sich auf den Durchgang einer größeren Anzahl von Menschen vorbereitet hatte. Aber auch diesen haben wir gefunden, obwohl er gut getarnt und mit Moos bedeckt war.“

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Die Grenzschutzbeamten glauben nicht, dass all dies ohne die Unterstützung der belarusischen Grenzschutzbeamten oder deren Bereitschaft, ein Auge zuzudrücken, möglich wäre. Wie die Nachbarländer Litauen und Estland sowie Finnland und Polen hat das Land eine Außengrenze der EU. Seit 2021 ist die Zahl der Menschen stetig gestiegen, die illegal die Grenze von Belarus nach Lettland überqueren. Die Behörden sprechen von hybrider Kriegsführung.

„In Belarus wurden sogar Lager eingerichtet, in denen diese Menschen mehrere Tage oder Wochen verbringen. Sie überqueren die Grenze nicht aus eigener Initiative heraus. Sie werden dorthin gebracht und es wird ihnen gesagt, wie sie nach Lettland kommen können“, berichtet Skrimblis. Es würden sogar Löcher für sie in den Zaun geschnitten oder Leitern an die Grenzwälle gestellt, damit die Menschen die Grenze überwinden könnten. NGOs, die mit Geflüchteten arbeiten, die aus diesen Lagern kommen, erzählen regelmäßig Ähnliches.

Artūrs Pupins, Leiter der Grenzschutzabteilung Silene, erinnert sich an ein erschütterndes Ereignis: „Eine Leiche lag mehr als drei Tage lang auf der belarusischen Seite. Wir meldeten, dass sich dort eine Leiche befand, aber sie reagierten nicht. Die Person lag drei Tage und Nächte lang dort, in einem Graben.“ Erst als ein Schreiben über offizielle Kanäle verschickt wurde, kam dann Bewegung in die Sache. Wie viele Menschen tatsächlich die Grenze überqueren, dazu gibt es keine genauen Daten. Aber erhoben wird, wie viele Menschen an der Grenze abgewiesen und nach Belarus zurückgeschickt werden.

Seit 2021 waren dies mehr als 50.000 Menschen. Täglich wurden zwischen 30 und 100 Personen abgewiesen. Nur ein kleiner Teil davon bleibt in Lettland, etwa wenn gesundheitliche Gründe vorliegen. 2023 konnten 408 Menschen aus humanitären Gründen in Lettland bleiben. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl solcher Fälle jedoch stark zurückgegangen – 26 im Jahr 2024, 32 im vergangenen Jahr und bisher 14 in diesem Jahr. „Mittlerweile hat sich das Profil der Migranten jedoch verändert. Es handelt sich überwiegend um Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Junge, kräftige, gesunde Männer, deren Ziel es ist, nach Deutschland zu gelangen“, sagt Skrimblis. Zuvor waren es viele Frauen und Familien mit Kindern.

Menschen, die an der Grenze abgewiesen werden, werden nicht registriert, damit bleibt ihre genaue Herkunft unbekannt. Grenzschutzbeamte schätzen, dass die Mehrheit derjenigen, die illegal die Grenze überqueren, derzeit aus afrikanischen Ländern stammt. Eine Zeit lang kamen viele aus Ländern des Nahen Ostens. Nicht nur die Grenze wird streng bewacht, sondern auch das umliegende Gebiet. Seitdem der lettische Ministerpräsident Andris Kulbergs Anfang August dieses Jahres die Operation „Vilkatis“ (dt. „Werwolf“) zur Abschreckung von Migranten gestartet hat, unterstützen sowohl die nationalen Streitkräfte als auch die Polizei die Grenzschutzbeamten in größerem Umfang.

Lettlands Regierung hat dafür Personal an der Grenze aufgestockt und setzt zusätzlich Drohnen ein, um die Menschen zu finden, die die Grenze überqueren wollen. Auch die Einheimischen sollen mithelfen, indem sie zum Beispiel melden, wenn sie Geflüchtete sehen. Man kooperiere sehr gut, heißt es bei den Grenzschützern.

Das der Grenze am nächsten gelegene, dichter besiedelte Gebiet ist das Dorf Silene. Einfamilienhäuser, eine Schule, das Gemeindehaus, eine katholische Kirche. Die Straßen sind leer an diesem Montagmittag. In einigen Gärten sieht man Frauen, die Unkraut jäten in ihren Blumenbeeten oder Wäsche aufhängen. Plötzlich kommt eine ältere Frau die Straße entlang, 80 Jahre ist sie alt. Ob sie hier jemals Geflüchtete gesehen hat? „Ich nicht. Aber ich weiß, dass die Leute sagen, es gäbe welche. Wir machen einfach weiter wie immer“, sagt die Frau in Silene, weniger als 10 Kilometer von der belarusischen Grenze entfernt.

Für Anna Griķe gibt es diese Menschen. Sie kommt gerade vom orthodoxen Friedhof. Dort sind zwei Migranten begraben, einer neben dem anderen. Auf dem sandigen Hügel stehen zwei Kreuze, auf denen die Inschrift „Unbekannter Mensch“ zu lesen ist. In den letzten Jahren sind auf lettischer Seite elf Personen ums Leben gekommen, bisher konnte nur ein identifiziert werden.

Anna Griķe hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um die Grabstätten der Verstorbenen zu kümmern und Angehörigen dabei zu helfen, Migranten zu finden, die auf dem Weg verschwunden sind. Seit mehreren Jahren arbeitet sie mit der Nichtregierungsorganisation „I Want to Help Refugees“ zusammen. Zum ersten Mal hörte sie 2021 von den Geflüchteten an der Grenze, als sie mit ihrer Familie nach Krāslava gezogen war, um an ihrer Doktorarbeit zu arbeiten. Damals wurde dieses Thema aber von der Covidpandemie überschattet.

2022 begann sie gemeinsam mit anderen Helfern, die Grenze zu überwachen. Sie zählte diejenigen, die zurückgeschickt wurden, und diejenigen, die bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, ums Leben gekommen waren. Sie sprach mit Anwohnern und führte Interviews mit ihnen: „Nur eine davon gab an, Migranten begegnet zu sein“, sagt Griķe. „Nur ein einziges Mal in diesen vier Jahren. Alle anderen kannten einfach jemanden, der irgendwann einmal einem begegnet war.“ Vielleicht liegt dieses Nicht-wahrhaben-Wollen auch daran, dass in Lettland Beihilfe zur illegalen Grenzüberquerung mit hohen Strafen geahndet wird: Freiheitsstrafen zwischen zwei und zehn Jahren drohen.

Auch Griķe bestätigt, genau wie die Grenzschutzbeamten, dass Lettland nur ein Transitland für die Migranten ist und dass diese die Route wählen, weil sie sicherer ist als über das Mittelmeer. „Das ist sehr vernfünftig“, sagt sie trocken. „Wenn ein Boot sinkt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass alle ertrinken. Hier besteht nur das Risiko, unterwegs festzusitzen.“ Das ist freilich etwas untertrieben: Die Wälder und Sümpfe im Grenzgebiet sind gefährlich.

Im Laufe der Jahre habe sie sich, unter anderem durch Gespräche mit Geflüchteten, auch ein grobes Bild von der Route gemacht, die die Schleuser nehmen. Asylsuchende aus afrikanischen Ländern oder dem Nahen Osten werden ziemlich sicher zunächst nach Russland gebracht, wo sie dann entweder weiter zur Grenze oder in eine der größeren Städte Lettlands transportiert werden, zum Beispiel nach Daugavpils oder Riga. „Dann kommt der nächste Kleinbus, zum Beispiel nach Deutschland“, sagt Griķe. „Und es ist nun einmal so: Genauso wie wir manchmal nicht alle Länder Afrikas aufzählen können, kennen auch sie nicht alle Länder Europas. Meist haben sie ein konkretes Ziel vor Augen – eine bestimmte Person, vielleicht einen Verwandten aus einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Dorf.“

Griķe hat auch Migranten kennengelernt, die aus humanitären Gründen in Lettland bleiben konnten. Die Geschichte einer Frau aus Somalia ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. „Sie war etwa 38 Jahre alt, genauso alt wie ich. Und sie hatte auf der Reise beide Beine verloren. Sie waren wegen Erfrierungen amputiert worden. Und sie hatte drei Kinder zu Hause zurückgelassen!“, erinnert sich Griķe. In Somalia sei die Frau politisch verfolgt worden. Lettland habe sie schwer verletzt erreicht und ohne die Möglichkeit, Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen zu können. Griķe und die Hilfsorganisation besorgten ihr ein Handy und eine SIM-Karte. Ein bisschen Hilfe, wenn sich sonst keiner verantwortlich fühlt.

Griķe glaubt, dass dies möglicherweise auch der Grund dafür ist, warum zunehmend weniger Frauen und Familien mit Kindern an die Grenze kommen, sondern alleinstehende Männer. Laut ihrer Zählung stammten 2023 viele derjenigen, die die Grenze illegal überquerten, aus Indien, Bangladesch und Pakistan. Doch in den letzten zwei, drei Jahren gab es eine besonders hohe Zahl an Menschen aus Somalia, Äthiopien und Eritrea. Auch aus Afghanistan kamen viele Geflüchtete.

173 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Lettland und Belarus. Bei 30 bis 100 Festnahmen pro Tag will Griķe nicht von einer Migrationskrise sprechen. In einem Land mit rund 2 Millionen Einwohnern sehen das Grenzschützer und Behörden aber offenbar anders.

Die Zahl der Verstorbenen an der Grenze wurde über Jahre nicht erfasst. Griķe befürchtet, dass die Zahl der Menschen, die vermisst werden oder ums Leben gekommen sind, sogar noch höher ist als bisher vermutet. Die Menschen fliehen vor den Grenzbeamten. Nicht alle werden gefasst und die Wälder rund um die Grenze sind dunkel und sumpfig. Sterbliche Überreste von toten Geflüchteten werden in Lettland beigesetzt – auf Friedhöfen unweit der Fundorte.

Auch Angehörige der Vermissten stehen in regelmäßigem Kontakt mit Griķe und ihrer Organisation, die wiederum Kontakte zu anderen NGOs in den Herkunftsländern der Geflüchteten hat. Eine der ergreifendsten Geschichten über eine identifizierte Verstorbene war die eines jungen Mädchens aus Somalia, das im Frühjahr 2024 starb. Anhand der Beschreibung ihrer Angehörigen hätte sie leicht identifiziert werden können, sagt Griķe. Doch die Polizei bestand auf DNA-Tests, versuchte lange Zeit, die Angehörigen zu überzeugen, und als dies nach zwei Wochen endlich gelang, war das Mädchen bereits beerdigt worden. Die tragische Folge: Bis heute weigern sich ihre Angehörigen zu glauben, dass ihre Tochter beerdigt wurde. „Sie wollen nicht wirklich akzeptieren, was passiert ist“, sagt Griķe.

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Source: taz