Germany · taz · · 2h
Festivalorganisator über Klima: „Politische Bewegungen brauchen einen Soundtrack“
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taz: Warum muss die Welt vom 3. Festival Sounds for Climate am Samstag in der Aachener Provinz erfahren?
Rüdiger Haude: Weil wir erstens ein Festival auf die Beine stellen, das hundert Prozent klimaneutral ist, nicht nur bei der Stromversorgung mit Speichertürmen. Sondern auch bei den Caterern mit Veganfood, Komposttoiletten, Spülstraßen etc. Und wir wollen das Festival durch Redebeiträge auch von bürgerschaftlichen Initiativen in Aachen mit der Schaffung von politischem Bewusstsein koppeln – nicht nur Klimapolitik, sondern auch gesellschaftliches Klima.
taz: Gibt es nicht schon ähnliche Projekte in der Festivallandschaft?
Rüdiger Haude, 66, war bis zur Rente Privatdozent für Geschichte an der RWTH Aachen und Öffentlichkeitsreferent beim Solarenergie-Förderverein Deutschland mit Sitz in Aachen. Jetzt Co-Organisator des S4C.
Haude: Unser Stromversorger, BaasEnergy aus Jülich, hat uns versichert, dass wir absolute Pioniere seien, mit den Second-choice-Batterien, etwas größer als Kühlschränke. Andere nachhaltige Festivals kaufen sich frei mit Offset-Programmen, tendenziell ist das eine Mogelpackung.
taz: Wie viel Strom braucht denn ein Festival?
Haude: Kommt natürlich auf die Größe an. Wir werden für geplant 2.000 Besucher aufwärts 450 Kilowattstunden an Speichern stehen haben – so viel braucht ein Singlehaushalt etwa drei Monate. Dazu Photovoltaikanlagen, um bei Sonnenschein zu boostern. Das Futur-2-Festival in Hamburg bei 5.000 Menschen braucht geschätzt eine Megawattstunde. Die arbeiten ähnlich wie wir. Aber: Da steckt eine GmbH dahinter, bei uns ein gemeinnütziger Verein, und alle arbeiten ehrenamtlich.
Haude: Die meisten mit Strom. Zwei bestehen auf Gas. Eine Herausforderung für unseren kompromisslosen Fokus. In Belgien nebenan haben wir Biogas-Flaschen aufgetrieben, aber da brauchen wir andere Adapter, damit es passt. Da sitzen wir noch dran.
Haude: Einheizen werden wir am Anfang mit unserem Vokal-Ensemble Andere Saiten. Dann sind dabei Guts Pie Earshot, Camper mit Indie-Pop oder Grundrauschen. Mein Highlight sind Robb Johnson and the Irregulars aus England, grandioser Rock ’n’ Roll mit tollen radikalen Texten.
taz: Die kommen klimagerecht zu Fuß und schwimmen?
Haude: Nee. Anreise per Zug, mit dem Eurostar unterm Kanal.
taz: Ist ein Ziel des Festivals, weiter zu begeistern für die Klimabewegung?
Haude: Ganz genau richtig. Wobei Klima erweitert zu verstehen ist. Es geht halt auch um das Klima in unserer Gesellschaft, die wachsende Faschisierung, die Militarisierung. Jetzt ist noch Sachsen-Anhalt reingegrätscht. Die AfD will ja jeden Klimaschutz zerschlagen.
taz: Braucht man dagegen aufrüttelnde Riffs und donnernde Trommelwirbel?
Haude: Ja, das kann in Bewegung versetzen. Ich glaube übrigens, dass politische Bewegungen als einen Faktor ihres Erfolgs einen Soundtrack brauchen. Bei Demos nicht nur etwas skandieren, mal ein Schimpfwort rufen wie Fuck AfD. Sondern zeigen: Es geht besser, wir haben Ideen. Ein gemeinsames Lied kann da helfen!
taz: Beim vorigen Mal war der Klavierkabarettist Bodo Wartke dabei. Wäre jetzt nicht Alphaville ein Hit gewesen?
Haude: Bestimmt. Aber die ganz Großen: schwierig. Die Ärzte stehen auf der Liste, guten Kontakt gibt es zu dem Festival Jamel rockt den Förster. Vielleicht nächstes Jahr.
taz: Ich frage nach Alphaville, weil die zuletzt mal ausgeladen wurden aus Angst vor politischen Äußerungen. Bei Sounds for Climate müssten Sie politische Aussagen vertraglich zusichern?
Haude: Nein, das würden sie sicher von selbst machen. Wir wollen ja gerade, dass die Künstler auf der Bühne politisch agieren.
taz: Wie oft guckt man als Open-Air-Veranstalter denn vorher auf die banale Wettervorhersage?
Haude: Manche gar nicht. Ich mehrfach am Tag. Sieht ja gut aus. Wir hatten immer großes Glück.
taz. Der Klimagott ist für Klimagerechtigkeit!
Haude: Die vielen Agnostiker und Atheisten im Team würden das sicher anders formulieren.
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Source: taz