Labour taz
Erster Migra-Streik in Halle: „Es ist doch nicht alles verloren in Sachsen-Anhalt“
Am 5. November streiken Migrant*innen in Halle (Saale). Es gehe unter anderem um Sichtbarkeit, sagt Mitorganisatorin Dalal Mirzo. mehr...
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taz: Frau Mirzo, Mitte September haben Sie der taz erzählt, wenn die AfD an die Macht kommt, überlegen Sie, Halle zu verlassen, obwohl Sie eigentlich bleiben wollen. Wie geht es Ihnen jetzt?
Dalal Mirzo: Tatsächlich erleben mein Kind und ich schon seit eineinhalb Jahren mehr Ausgrenzung und Diskriminierung – auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in der Schule. Nach den Wahlergebnissen vom 6. September wurde es schlimmer. In manchen Begegnungen hatte ich zunehmend das Gefühl, dass wir als Menschen mit Migrationsgeschichte nicht mehr willkommen sind. Gleichzeitig sehe ich in Halle, wie viel Bewegung es gibt.
Mirzo: Wie viele Kollektive sich in den letzten Wochen gegründet haben, wie viele Aktionen stattfinden, um Menschen mit Migrationsgeschichte zu supporten oder allgemein für die offene Gesellschaft für alle einzutreten. Das hat mir viel Hoffnung und Mut gegeben. Besonders in den letzten zwei Wochen habe ich ein neues Vertrauen gewonnen, dass doch nicht alles verloren ist und es sich lohnt, in Sachsen-Anhalt und Halle zu bleiben. Deswegen überlege ich immer noch, auch wenn die AfD die Regierung stellt, zu bleiben.
Jahrgang 1987, engagiert sich seit vielen Jahren für gesellschaftliche Teilhabe, Integration und die Stärkung von Frauen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt. Sie ist politisch aktiv und gehört zu den Initiator*innen der überparteilichen Initiative „MigraStark“, die den Migra-Streik organisieren.
taz: Auch Sie haben nach der Wahl die Initiative „MigraStark“ mitgegründet. Jetzt planen Sie einen Streik von Migrant*innen in Halle am 5. November, den zweiten in Sachsen-Anhalt. Warum?
Mirzo: Weil wir sichtbar machen möchten, was vielen selbstverständlich scheint. Was würde passieren, wenn alle Menschen mit Migrationsgeschichte für einige Stunden ihre Arbeit niederlegen oder ihre Geschäfte schließen, ihre alltäglichen Aufgaben unterbrechen? Es geht uns nicht darum, Menschen gegeneinander auszuspielen. Auch wollen wir nicht den Wert eines Menschen an seiner Produktivität oder wirtschaftlichen Leistung messen. Jeder Mensch hat unabhängig davon, ob er arbeitet, Steuern zahlt oder wirtschaftlich etwas beiträgt, den gleichen Wert und das gleiche Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und ein Leben in Würde. Mit dem Streik möchten wir vielmehr sichtbar machen, wie selbstverständlich Menschen mit Migrationsgeschichte Teil unseres gesellschaftlichen Alltags sind und wie sehr ihre Beiträge oft übersehen werden.
Beim Migra-Streik am 5. 11. in Halle (Saale) legen migrantische Gewerbetreibende von 10 bis 16 Uhr ihre Arbeit nieder. Dazu gibt es eine Kundgebung von 14 bis 16 Uhr auf dem Marktplatz.
taz: Wen wollen Sie mit der Aktion erreichen?
Mirzo: Wir möchten ein Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung setze. Ich wünsche mir, dass diese Aktion wirklich wahrgenommen wird, nicht nur von stabilen Menschen, die sowieso für Demokratie kämpfen, sondern auch von Menschen, die vielleicht noch nicht wahrnehmen, was Migrant*innen hier in diesem Land machen. Das Ziel unserer Aktion sind auch nicht unbedingt die, die ohnehin schon viel mit Migrant*innen in Kontakt sind, sondern welche, die kaum Berührungspunkte haben. Wir wollen die Aufmerksamkeit von allen Menschen in diesem Land.
taz: Wie können solidarische Menschen, die nicht in Sachsen-Anhalt sind, den Migra-Streik in Halle unterstützen?
Mirzo: Migrantische Menschen können in ihren Städten streiken, alle können unseren Aufruf teilen, Öffentlichkeit schaffen, Solidarität zeigen mit einer kurzen Videobotschaft auf Social Media oder spenden, damit wir Flyer und Plakate und die Organisation der Kundgebung bezahlen können. Diese richtet sich an alle, also auch an nicht-migrantische Menschen. Wir freuen uns über Menschen aus anderen Städten. Als am 6. Oktober die Landtagspräsidenten gewählt wurden, war ich auf der Kundgebung vor dem Magdeburger Landtag. Da habe ich einen Mensch aus Nordrhein-Westfalen getroffen, der extra angereist ist, um Solidarität zu zeigen, weil er sich das nicht vorstellen konnte, woanders zu sein an dem Tag. Das hat mich wirklich berührt.