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Doku „Watching People Watching Birds“: Kennen Sie diesen Vogel?
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Ein Ehepaar sitzt daheim auf der Couch und spielt sich Vogelgesänge vor, der jeweils andere muss raten, um welchen Vogel es sich handelt. Zwei Männer stehen an einem Zaun, erst davor, dann dahinter, und gucken Möwen. Ein älterer Mann scharwenzelt ruhig und doch interessiert aufgeregt um einen Baum herum. Schließlich bricht es aus ihm heraus: „Das sind Zedernseidenschwänze!“
Ulrike Franke und Michael Loeken gucken in ihrem Dokumentarfilm „Watching People Watching Birds“ auf Menschen, die Vögel gucken. Manche von ihnen tun das schon sehr lange, andere erst seit kurzem. Die meisten Vogelgucker begegnen Franke/Loeken im Umfeld der Industrielandschaften Nordrhein-Westfalens, aber manchmal auch in den USA.
Fotos des Ehepaars von der Couch belegen, dass es schon lange Teil des Lebens der beiden ist, Vögel zu beobachten. An ihrem Arbeitsplatz, einer Bäckerei-Filiale, berichtet Brigitte Handy davon, wie beglückend die beiläufige Begegnung mit Vögeln am frühen Morgen ist, und dass der Zug der Kraniche sie stets aufs Neue zu Tränen rührt. Ihr Mann Neil hört am Steuer eines Lastwagens für einen deutschen Stahlhersteller Vogelstimmen und übt das Wiedererkennen.
„Watching People Watching Birds“. Regie: Ulrike Franke und Michael Loeken. Deutschland 2026, 92 Min.
„Watching People Watching Birds“ ist ein Dokumentarfilm, so unaufgeregt, wie es nur geht. Es geht nicht in erster Linie um die Verbindungen zu den großen Themen der Zeit, sondern zuallererst um Beobachtungen und Begegnungen. Im Laufe des Films stellen sich dann selbstverständlich doch wiederkehrende Themen ein: einerseits der menschliche Blick auf Natur und andererseits die Entdeckung des Naturraums durch ebendie Menschen, die auf Natur blicken. Oft ist es eben diese Entdeckung eines Naturraums, der sich in den Landschaften, Parks und in einer der Erzählungen sogar in einem Jalousienkasten im Rohbau zum Haus der Eltern entfaltet, die den Blick auf und das Verhältnis zur Natur verändert.
Bei Menschen, die schon länger Vögel gucken, wird auch die Veränderung der Natur durch den Klimawandel sichtbar. So ist einer der Porträtierten ganz überrascht, wie viele Kleinspechte er in den 1960er Jahren noch in seinen Notizen wiederfindet. In diesen Verlustbeschreibungen wird auch deutlich, dass es Naturwissen braucht, um die Veränderungen der Natur zu erkennen. Wer jede Grünfläche als Natur missversteht, wird die Warnrufe vor den unwiederbringlichen Verlusten in Flora und Fauna kaum nachvollziehen können.
Ulrike Franke und Michael Loeken arbeiten seit 1996 als Dokumentarfilmduo. Ihre Filme kreisen immer wieder um das Ruhrgebiet und das Schwinden der Industrie. In „We Are All Detroit“ zeichneten sie 2021 Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Abbau der Autoindustrie in Bochum und Detroit nach. Franke lehrt seit knapp zehn Jahren an der Kölner Hochschule für Medienkunst Autorendokumentarfilm. Die meisten der Filme entstanden im Auftrag und als Koproduktion mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Eine der Stärken von „Watching People Watching Birds“ ist, dass der Film über die möglichen Verbindungslinien zu aktuellen Themen nie die Menschen, denen der Film folgt, aus den Augen verliert. Die menschliche Faszination für Vögel bleibt der Ankerpunkt, von dem aus der Film die Welt erkundet. Das eröffnet ihm erstaunliche Freiheiten, die ihn auf den Spuren von Jonathan Franzen auch in einen Community Garden in den USA finden lässt, in dem einige der Obdachlosen, die an dem Garten mitarbeiten, mit ähnlich leuchtenden Augen von Vogelsichtungen erzählen, mit denen Franzen selbst zu Beginn auf die Zedernseidenschwänze reagiert hat.
In „Watching People Watching Birds“ laden Ulrike Franke und Michael Loeken ihre Zuschauer_innen ein, in ihrer jeweiligen Umgebung die Welt der Vögel zu entdecken. Eine Welt zu entdecken, die sie vorher vielleicht nicht gesehen haben und die Zugang sein kann für weitere Welten, die sich daran anschließen. Auf diese Entdeckung mag bisweilen Melancholie und Trauer folgen, wenn sich die Erkenntnis einstellt, dass all diese Welten von Verlust bedroht sind. Und vielleicht folgt aus wachsendem Interesse ja sogar wachsendes Engagement, um die schlimmsten Effekte auf diese neu entdeckten Welten politisch noch zu verhindern.
So oder so ist „Watching People Watching Birds“ eine dokumentarische Entdeckungsreise und ein Plädoyer für die Wertschätzung der kleinen Glücksmomente, für die sich der Gang ins Kino lohnt.
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Source: taz