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Doku „Biermann“: Er antwortete stets laut

Jens Meurer zeichnet in seinem Dokumentarfilm „Biermann“ das Leben und Schaffen des Liedermachers nach. Dabei bleibt er nah an seinem Untersuchungsgegenstand. mehr...

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„Und, hat er auch manchmal genervt?“, hört man aus dem Hintergrund jemand fragen. Barbara Honigmann, die vor der Kamera sitzt, lacht und bestätigt: „Klar, der Wolf hat immer alle genervt, das gehörte dazu!“ An der betreffenden Stelle in Jens Meurers Dokumentarfilm „Biermann“ geht es um die langen Jahre, die der Liedermacher in der Chausseestr. 131 in Ostberlin unter Auftritts- und Publikationsverbot verbracht hat. Die Folge war, dass sich um Biermann herum in seinen privaten Wänden eine Gegenöffentlichkeit bildete. Schwarz-Weiß-Fotos belegen, wer alles vorbeischaute, um seine neusten Gedichte und Lieder zu hören. Nicht nur „DDR-Intelligenzija“ war da, sondern auch illustre Gäste wie Joan Baez, Rudi Dutschke und Allen Ginsberg.

Das Nerven ist in gewisser Weise Wolf Biermanns Lebensthema. Im Film gibt er die Kindheitsanekdote zum Besten, in der er seinen Vater Dagobert Biermann zum letzten Mal sieht. Er sei als damals Sechsjähriger unglaublich stolz auf seine Sangeskünste gewesen, erzählt Biermann. Weshalb er, als er an der Seite seiner Mutter Emma den im Untergrund für die KPD tätigen und schon mehrfach verhafteten Vater besuchte, ihm unbedingt eines seiner frisch gelernten Lieder vorsingen musste, es hieß „Bomben auf England“. „Stellen Sie sich vor“, meint ein emotional aufgeladener Biermann zu Meurer, „da sieht er mich noch einmal und ich singe ihm das Lied seiner Todfeinde vor“.

Die groben Daten von Wolf Biermanns Leben sind gewissermaßen deutsche Geschichte: 1936 in Hamburg geboren als Sohn eines jüdischen Kommunisten, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, hat er zusammen mit Mutter Emma das Bombardement Hamburgs überlebt. Sie erzog ihn im Geist des Vaters, oder zumindest so, wie sie sich das vorstellte: „Mein Karl Marx hieß Emma Biermann“, erläutert der Liedermacher in der ihm eigenen bildhaften Sprache.

„Biermann“. Regie: Jens Meurer. Deutschland 2026, 120 Min.

1953, er war 16 Jahre alt, übersiedelte er deshalb in die DDR und machte dort Abitur. Anfang der 1960er begann er mit selbstgeschriebenen Liedern aufzutreten, was ihm recht schnell, nämlich bereits 1965, verboten wurde. Es folgten die erwähnten Jahre in der Chausseestraße 131, in denen er die Stasi tüchtig nervte – und natürlich auch umgekehrt die ihn, wie im Film mit markanten Details aus den „Plänen zur Zersetzung seiner Person“ offenbar wird.

Im November 1976 kam es dann zum zentralen Ereignis seines Lebens, das gleichzeitig eine Zäsur für beide Deutschlands markierte, für die DDR genauso wie für die BRD. Auf Einladung der IG Metall gab Biermann in Köln ein vom WDR live übertragenes Konzert. Man sieht Ausschnitte daraus im Film, die nicht nur Biermanns Aufregung, sondern die besondere atmosphärische Aufladung der ganzen Veranstaltung spürbar werden lassen.

Nicht nur, dass da einer, der 12 Jahre lang nur in der eigenen Wohnung vor Leuten gesungen hatte, auf einmal vor einem mit 6.000 bis 8.000 Besuchenden total überbelegten Sporthallenpublikum stand. Das Konzert dauerte viereinhalb Stunden! Schon das machte aus dem anwesenden Publikum historische Zeitzeugen. Obwohl noch niemand wusste, wofür das Konzert im Nachhinein tatsächlich berühmt werden würde: Nämlich dafür, dass die DDR-Führung es zum Anlass nahm, Biermann „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“ aus der DDR auszubürgern.

Mit dem, was das alles nach sich zog, befasst sich Jens Meurer in seinem Film nicht lange. Mit Armin Mueller-Stahl – was für eine Freude es ist, den bald 96-Jährigen mal wieder zu sehen! – kommt einer jener vielen Schauspieler und Künstler zu Wort, die seinerzeit in der Folge die DDR verließen. Mit höflicher Selbstironie bringt Mueller-Stahl Biermann auf den Punkt. Der sei ein Egomane: „Wenn ich ihm leise guten Tag sagte, antwortete er laut!“

Auch in den 50 Jahren seither hat es Biermann an „nervigen“ Auftritten nicht fehlen lassen, wie Archivaufnahmen von Leipzig im Jahr 1990, wo Biermann die Mehrheit des Publikums als Feiglinge beschimpft, oder von 2014 im Bundestag, wo er die Fraktion der Linken einer Tirade unterzog, bezeugen. Meurer arbeitet sich weiter durch die Stationen des Biermann'schen Schaffens und Lebens, aber es zeigt sich, dass der Blick danach eigentlich immer zurück geht. Seien es die geistigen Reflexionen zum eigenen „Kinderglauben an den Kommunismus“ oder die Pläne, dereinst auf dem Friedhof an der Chausseestraße beerdigt zu werden.

Mit Details zum Privatleben hält sich der Film angenehm zurück. Und doch hat man am Ende das Gefühl einer verpassten Chance. Als dokumentarisches Porträt wird „Biermann“ seinem Gegenstand völlig gerecht. Aber das historische Phänomen, für das sein Name steht, bleibt unterbeleuchtet. Wie konnte es dazu kommen, dass einer, der Lieder sang wie „Warte nicht auf bessre Zeiten …“ oder „Ich möchte am liebsten weg sein, und bleibe am liebsten hier …“ so wichtig wurde, dass sich ein Staat über den Umgang mit ihm so sehr entblößte?

Originally published bytaz
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