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Digitalisierung in Südamerika: Chile lockert für Rechenzentren Umweltauflagen

Chile will zum digitalen Drehkreuz Lateinamerikas werden. Dafür hat die Regierung die Umweltprüfungen von Rechenzentren zurückgefahren. mehr...

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Der runde Tisch ist in Chile zugleich Gegenstand, Begegnungsort und Metapher. Fünf Jahre lang richtete die chilenische Regierung rund 80 Arbeitsgruppen ein, um den Ausbau der digitalen Infrastruktur im Land voranzutreiben. Politiker*innen, Un­ter­neh­me­r*in­nen und Ex­per­t*in­nen kamen immer wieder zusammen. Das Ergebnis trug klangvolle Namen: die Nationale Strategie für künstliche Intelligenz, der Nationale Rechenzentrumsplan.

Die Arbeitsgruppen sollten den Austausch ermöglichen, Verhandlungen fördern und gemeinsam die Zukunft des Landes entwerfen. Doch die materiellen Grundlagen künstlicher Intelligenz blieben außen vor, erklärt der Architekt Nicolás Díaz Bejarano: Land, Wasser, Rohstoffe, Territorien und die dort lebenden Gemeinschaften hatten keinen Platz am Tisch.

15 Jour­na­lis­t:in­nen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.

Gemeinsam mit anderen Ku­ra­to­r*in­nen entwickelte Díaz Bejarano deshalb die Ausstellung „Inteligencias Reflexivas“ für den chilenischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2025 in Venedig. Sie kartierten die bis dahin 25 geplanten beziehungsweise bestehenden Rechenzentrumsprojekte im Land und präsentierten ihre Ergebnisse auf einem langen Tisch. Materielle, visuelle und akustische Zeugnisse machten jene Ak­teu­r*in­nen hörbar, die in den politischen Debatten bislang nicht zu Wort gekommen waren.

Bis dahin kannte das chilenische Umweltrecht Rechenzentren nicht als eigenständige Kategorie für die Umweltverträglichkeitsprüfung. Dennoch mussten die Anlagen aufgrund des Treibstoffs ihrer Notstromgeneratoren überprüft werden. Sobald sie mehr als 80 Tonnen Kraftstoff lagerten, waren Umweltgutachten und ein Verfahren mit Bürgerbeteiligung vorgeschrieben.

Ein im Juli 2025 von der linken Regierung Gabriel Borics unterzeichnetes Dekret hob diese Schwelle auf 1.000 Tonnen an – das Zwölfeinhalbfache. Für Rechenzentren, die Diesel für ihre Notstromaggregate lagern, war diese Änderung entscheidend. Von den 17 Anlagen, die seit 2020 eine Umweltprüfung durchlaufen hatten, wären 15 unter den neuen Grenzwert gefallen und hätten das Verfahren nicht mehr durchlaufen müssen.

„Anstatt Räume für Gespräche zu schaffen, wird die Abwesenheit von Debatten zementiert“, sagt Díaz Bejarano mehr als ein Jahr nach der Ausstellung in Venedig. „Die Möglichkeiten zum Austausch werden beschnitten, eine Umweltprüfung findet nicht mehr statt.“

Ein Rechenzentrum ist ein Gebäude voller Server, die alles speichern und verarbeiten, was wir im Internet tun – von einer E-Mail bis zur Anfrage an eine künstliche Intelligenz. Die Anlagen laufen rund um die Uhr und verbrauchen Strom in industriellem Maßstab. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren von 485 Terawattstunden im Jahr 2025 auf 950 Terawattstunden im Jahr 2030 nahezu verdoppeln wird. Das entspräche rund drei Prozent des globalen Stromverbrauchs.

Da Rechenzentren nicht einfach abgeschaltet werden können, verfügen sie über Dieselgeneratoren als Notstromversorgung. Deren Emissionen sind in der Schätzung der IEA allerdings nicht enthalten.

Auch die Kühlung der Server ist energie- und wasserintensiv. Denn die Rechner produzieren große Mengen Wärme. Allein für die Kühlung der Rechenzentren von Microsoft in den USA, in denen das Sprachmodell GPT-3 trainiert wurde, verdampften rund 700.000 Liter Wasser.

Im Juli 2026 gab der chilenische Umweltprüfdienst (SEA) erstmals bekannt, dass ein Rechenzentrum nicht in das Umweltprüfungsverfahren aufgenommen werden müsse. Die Anlage in Alto Jahuel war darauf ausgelegt, 990 Tonnen Kraftstoff zu lagern. Seitdem haben weitere Unternehmen den Weg über sogenannte „consultas de pertinencia“ gewählt, um grünes Licht für ihre Vorhaben zu erhalten. Bei diesem Verfahren fragen Projektträger beim SEA an, ob ihr Vorhaben einer Umweltprüfung unterzogen werden muss. Eine Beteiligung der Bevölkerung ist dabei nicht vorgesehen.

Google hatte 2024 noch eine deutliche Niederlage erlitten: Das Zweite Umweltgericht hatte die Genehmigung für das erste Rechenzentrumsprojekt des Konzerns aufgehoben. Dieses sah vor, bis zu 169 Liter Wasser pro Sekunde aus einem Grundwasserleiter zu entnehmen, der seit 2010 von einer anhaltenden Megadürre betroffen ist.

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In diesem Jahr kehrte Google nun mit einer entsprechenden Anfrage zurück. Eingereicht wurde sie über das Unternehmen Inversiones y Servicios Dataluna. Dabei gab der Projektträger an, 695 Tonnen entzündliche Stoffe lagern zu wollen.

Eine Auswertung der beim SEA eingereichten Anfragen zeigt: Insgesamt acht Rechenzentrumsprojekte haben inzwischen nachgefragt, ob sie einer Umweltprüfung unterzogen werden müssen. Alle liegen unterhalb der neuen Grenze von 1.000 Tonnen. Vier davon geben exakt 990 Tonnen an.

Hinter mehreren Projekten in Chile steckt europäisches Kapital. Das spanische Unternehmen Grenergy hat zwei Rechenzentrumscampus in Buin und Til Til vorgestellt. In seinem Strategieplan kündigte es eine gemeinsame IT-Kapazität von 600 Megawatt an. Der dänische Investmentfonds Copenhagen Infrastructure Partners gibt für ein sogenanntes Hyperscale-Rechenzentrum mit einer Leistung von 100 Megawatt in Lampa eine Lagerkapazität von 511 Tonnen an.

In Deutschland hängt die Pflicht zu einem Genehmigungsverfahren nicht von der Größe des Kraftstofflagers ab, sondern von der Leistung der Maschinen. Überschreiten die Notstromgeneratoren zusammen eine thermische Leistung von 50 Megawatt, ist ein förmliches Verfahren vorgeschrieben. Dazu gehören öffentlich zugängliche Unterlagen, eine Frist für Einwendungen und gegebenenfalls eine öffentliche Anhörung.

2024 wurde das Rechenzentrum Marienpark in Berlin auf dieser Grundlage genehmigt. Es verfügt über 48 Dieselmotoren mit einer Gesamtleistung von 284 Megawatt und musste zusätzlich eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen.

Nach diesem deutschen Maßstab würden sämtliche acht chilenischen Projekte aus dem Jahr 2026 die Schwelle überschreiten. Ihre Notstromaggregate erreichen Leistungen zwischen 95 und 168 Megawatt.

Angesichts der fehlenden Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung haben sich nun mehrere chilenische zivilgesellschaftliche Organisationen an die Interamerikanische Menschenrechtskommission gewandt. Sie fordern die Kommission auf, beim chilenischen Staat zu intervenieren und eine verpflichtende Umweltprüfung für Rechenzentren zu empfehlen.

Francisco Parra ist ein Journalist aus Chile und Direktor von Climate Tracker América Latina.

Übersetzung aus dem Spanischen von Niklas Franzen

Originally published bytaz
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