Kommando 161 Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Die Wahrheit: Nur ein Snack

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Und wieder wartet an der Selbstbedienungskasse bei Rewe ein Riesenärgernis auf mich. In meiner Brötchentüte befinden sich zwei Kürbiskernbrötchen und zwei Laugenbrezeln. Also in weiterem Sinne Backwaren. Und zwar beides.

Die Kasse ist allerdings anderer Meinung. Unter „Brot/Brötchen“ sind zwar die Kürbiskernbrötchen gelistet und sogar noch eine andere Sorte Brezeln. Nur eben nicht die Laugenbrezeln.

Ein rücksichtsloser Bösewicht würde jetzt an meiner Stelle rotzfrech irgendwelche beliebigen Brezeln eingeben und sich mit der falsch bezeichneten Ware aus dem Staub machen. Doch mein moralischer Kompass ließe das nicht zu. Auch verfüge ich gar nicht über so viel kriminelle Energie.

Deshalb frage ich eine Mitarbeiterin um Rat. Ihre Auskunft lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: Kürbiskernbrötchen stehen unter „Brot/Brötchen“ und Laugenbrezeln unter „Snacks“.

Das ist absolut krank. Wer soll hier getäuscht werden und warum? Offenbar ist jetzt endgültig alle Welt komplett verrückt geworden. Wie willst du so etwas den Leuten noch guten Gewissens vermitteln? Morgen sind dann Rosinenschnecken „Obst“ und Brezeln sind „Gemüse“. Oder „Getränke“. Das kann ja beim verunsicherten Bürger nur zu Resignation und Politikverdrossenheit führen. Er droht die Leitplanken der Vernunft und des Wägbaren aus den Augen zu verlieren. Wer wollte ihm das verdenken?

Vor dem Hintergrund zunehmender Demokratieskepsis können wir uns derlei sittliche Verwahrlosung schlicht nicht mehr leisten. Da ist dann auch mal zivilgesellschaftliches Engagement gefragt, das dem gefährlichen Quatsch mutig entgegentritt und die Filialleitung konfrontiert: „Hören Sie mal. So geht es aber nicht. Hier ‚Brot/Brötchen‘. Da ‚Snacks‘. Beides ist aus Mehl, Salz und Wasser. Das ist doch vollkommen willkürlich. Was sollen die Leute denken? Woran sollen sie sich jetzt noch orientieren? Am Gesetz der Straße?“

Doch wer bringt schon den Mut auf? Manchmal dringen Schreie aus dem Rewe-Getränkelager. Schaudernd fragt man sich, wer hinter den geschlossenen Türen weint, doch man sieht nichts oder will nichts sehen und geht schnell weiter.

Dennoch behaupten immer noch eine Menge Leute, in der Snack-Lüge kein Problem zu erkennen: „Hä? Reg dich doch nicht auf! Gib halt irgendwas ein. Ob das jetzt ein Snack oder ein Brötchen ist, ist doch total egal“, leiert mir ihr völlig unbedachtes Geschwätz ins Ohr.

Es ist aber nicht egal. Denn gerade dieses falsche Framing, ob im Großen oder im Kleinen, stiftet besonders unter labilen Charakteren heillose Verwirrung. Denn wer sich von komplexeren Zusammenhängen ohnehin schon überfordert zeigt – „früher hatten wir im Sommer auch immer sechs Wochen am Stück hitzefrei“ –, ist nun mal wie ein Kind auf ein Wertesystem aus verlässlichen Wahrheiten, bewährten Ritualen und vertrauten Koordinaten angewiesen: Das waren die Sommerferien und kein Hitzefrei; die Erde ist eine Kugel; Mama hat dich lieb; um 20 Uhr kommt die „Tagesschau“; eine Laugenbrezel ist Backwerk.

Denn sonst pflanzen sich die irrsten Legenden ungehindert fort: Jaha, eine Brezel ist ein Snack, Putin verteidigt sich bloß gegen die Nato, die Hamas ist eine queere anarcho-syndikalistische Partisanengruppe, Tomaten sind Obst und Rhabarber ist Gemüse. Von da aus ist es auch nicht mehr weit zum brennenden Reichstag.

Wenn wir das alles aus Bequemlichkeit oder Angst einfach durchwinken, geraten wir ganz schnell in Teufels Küche. Denn heute ist es vielleicht „nur“ eine ach so harmlose Laugenbrezel, doch morgen schon eine taktische Kernwaffe, die ja angeblich „ganz leicht händelbar“ ist, weil auch da wieder irgendein Etikettenschwindler behauptet, die Bombe liefe unter „Snack“ oder „Sonstiges“.

Mit uns kann man es ja machen: Genau das signalisieren wir, wenn wir Auswüchse wie den Laugenbrezel-Bullshit eben nicht mit aller Entschlossenheit anprangern. Durch Briefe an die Geschäftsleitung von Rewe, Petitionen bei unseren zuständigen Wahlkreisabgeordneten, Demonstrationen und aufklärende Pressearbeit. Leute, wacht endlich auf! Sonst sind wir für die da oben bald selbst nur noch ein Snack.

Was jedoch wirklich nur das allerletzte Mittel sein darf, ist Gewalt. Hier ein Sprengsatz an den Selbstbedienungskassen, da einer am Backautomat oder als kleiner Denkzettel gern auch mal mehrere, verteilt im ganzen Laden. Wummsdibumms – hier habt ihr euren „Snack“.

Natürlich nur außerhalb der Geschäftszeiten, denn auf keinen Fall sollen dabei Menschen zu Schaden kommen. Auch wenn jetzt einige nicht ganz zu Unrecht einwenden werden, dass die das durchaus verdient hätten. Aber zum einen fehlt mir, wie gesagt, die kriminelle Energie dazu. Und zum anderen will ich doch bloß eine bessere Welt für alle, in der eine gewisse Ordnung herrscht und sich jeder wieder auskennt und komplikationslos einkaufen kann. Das ist ja wohl kaum zu viel verlangt.

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Source: taz