Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 1h

Die Wahrheit: Hollywood im Hühnergebirge

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Die tschechische Traumfabrik liegt gut versteckt im südböhmischen Hühnergebirge. Deswegen fragen wir den sprechenden Esel, der am Ortseingang des Weilers Popelku grast, nach dem Weg. Als wir dem Tier das goldene Ei der Drachenglucke vom Gipfel Kohout bringen, händigt er uns sogar einen laminierten Besucherausweis aus, der uns zum Eintritt in die berühmten Moravia-Filmstudios berechtigt. Hier hat der Siegeszug des tschechoslowakischen Märchenfilms seinen Ausgang genommen, der Bildschirme auf der ganzen Welt eroberte, das slawische Bindestrichland aber spaltete.

Kennt man aus dem West-TV vor allem den Weihnachtsblockbuster „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, in dem die Hungerlöhne kapitalistischer Märchenparks angeprangert werden, sendeten die Flimmerkisten im Ostblock rund um die Uhr Sagenhaftes von Moravia. Unterbrochen wurde das Märchenprogramm im Sendebereich des Warschauer Pakts nur von gelegentlichen „Schwanensee“-Aufführungen.

„Wir haben gar nicht gewusst, dass es andere Filme gibt“, erklärt uns Fremdenführerin Franta Mangova. „3005 Zelluloidmärchen liefen hier monatlich vom Band. Damit war das böhmische Fairywood produktiver als Holly- und Bollywood zusammen.“

Verantwortlich für die gewaltige Produktionsmenge war ein fehlendes Komma in den Plänen der tschechoslowakischen Kulturkommission – die Behörde hatte 1953 ein Soll von 3,005 Märchenfilmen festlegen wollen. Als Stalin von dem peinlichen Fehler der Prager Genossen erfuhr, riss es ihn vor Wut in der Mitte entzwei. Nachfolger Chruschtschow fürchtete, vom bildgewaltigen US-Imperialismus überflügelt zu werden, und schickte die böhmische Märchenfilmindustrie in einen selbstmörderischen Wettlauf mit Walt Disney.

„Schon in den Sechzigern waren unsere traditionellen Erzählquellen versiegt“, erzählt Franta. „Deswegen mussten wir unsere Märchen mit synthetischen Ersatzstoffen strecken.“Trotzdem gelten jene Jahre als goldene Ära des ČSSR-Filmkunstmärchens: Vom phonetisch anspruchsvollen „Koťátko – das Kätzchen mit den diakritischen Pfötchen“ (1963) über den Akademiker-Alb „Der Riese Polynom und die Bunjakowski-Vermutung“ (1965) bis zum tschechisch-tschuktschischen Epos „Tschubais und Tschuntschula“ (1967) wurde im Moravia-Märchenwald immer extravanganteres Kunstgarn gesponnen, doch lastete der Akkord-Druck schwer auf den Werktätigen.

1968 versuchte Alexander Dubček ein Märchen-Moratorium durchzusetzen, nachdem sich die überarbeitete Hexendarstellerin Edita Brzková selbst in einen Ofen geschoben hatte. Doch die Russen walzten den Protest mit ihren Kürbiskutschen nieder, und im TV wurde wieder einmal „Schwanensee“ gezeigt.

Unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten die Moravia-Studios weiter. Um die Märchenstoff-Versorgung zu gewährleisten, wurde in den 1970ern sogar die Zensur gelockert.

„Neben versteckter Systemkritik konnten jetzt auch fragwürdige Obsessionen artikuliert werden“, erzählt die Führerin und spielt damit auf die Erfolgsserie „Pan Tau“ an, in der sich ein erwachsener Mann in Gegenwart von Kindern zwanghaft an der Melone reibt.

Doch trotz solcher Fehlgriffe galt der böhmische Märchenfilm im Westen bis zum Fall des eisernen Vorhangs als pädagogisch ebenso wertvoll wie Waldorfschulen oder Holzspielzeug.

„Wir mussten weiter produzieren, um an Devisen zu kommen“, erinnert sich Franta Mangova. Als der Realsozialismus kollabierte, waren Moravia längst die Happy Ends ausgegangen. Als letzter Film wurde der tieftraurige Streifen „Bettelmann und Bettelmann“ abgedreht, dann gingen in den Studios die Lichter aus.

Eigentlich hatten die Vertreter der Samtenen Revolution einen Übergang in eine pluralistische Genrevielfalt von Bohemian Noir bis zur Karpatenkomödie geplant, doch Bruderzwist und Weltmarktkonkurrenz verhinderten die Transformation. „Den slowakischen Neorealismus verstanden nicht einmal Tschechen ohne Untertitel, und der böhmische Superheldenfilm konnte sich einfach nicht durchsetzen“, seufzt Mangova. Nach einem unrühmlichen Zwischenspiel als Drehort für billige Porno-Remakes („Sechs Bären und ein Clown“) wurden die Moravia-Studios Mitte der Neunzigerjahre endgültig geschlossen.

Mittlerweile hat sich die Mythologie das Studiogelände zurückgeholt. „Die Quellen unter dem Hühnergebirge sprudeln wieder“, sagt Franta Mangova. In den verlassenen Sets fuhrwerken Schrate und Nixen, auf einem Regiestuhl sitzt ein Gnom mit Hornbrille. Doch dann verdunkelt sich der Himmel, und wir müssen überstürzt die Flucht zurück nach Prag antreten. Die Drachenglucke vom Gipfel Kohout fordert ihr goldenes Ei zurück. Christian Bartel

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Source: taz