Germany · taz · · 2h
Die Wahrheit: Bitte nicht alles abbauen!
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Nach dem Beruf zu fragen, das war früher ja eine erschreckend oberflächliche Angelegenheit. Als Junge antwortete man zuverlässig mit einem der drei Wunschträume: Lokführer, Leuchtturmwärter oder Sachbearbeiter. Und wenn Robert Lembke selig im Fernsehen fragte „Was bin ich?“, ging es nur unwesentlich komplexer zu.
Doch zum Glück haben wir immer noch unseren Staat. Und der gibt der Frage aller Fragen nach dem Broterwerb jetzt die Tiefe, die ihr zusteht, will er doch qua Anschreiben und diverser Auswahlmöglichkeiten den Wirtschaftszweig erfassen, in dem Menschen so tätig sind. Endlich werden auch die Leute gesehen, die sich tagaus, tagein mit der „Herstellung von schweren Freiformschmiedestücken“ befassen. Oder mit der „Handelsvermittlung von landwirtschaftlichen Grundstoffen, lebenden Tieren, textilen Rohstoffen und Halbwaren“. Es ist im Nachhinein kaum zu fassen, dass diese Gewerke bisher so wenig gewürdigt wurden.
Deutschland ist bekanntlich das Land der Hidden Champions. Überall im Schwäbischen werkeln weltweit agierende Schrauber an Produkten, deren Bezeichnungen von metallischer Poesie sind. Und unweigerlich landet vor dem inneren Auge plötzlich diese eine Frage: Was hätte ich eigentlich gern mal wirklich gemacht? Die „Herstellung von Vliesstoff und Erzeugnissen daraus (ohne Bekleidung)“? Das aufregende Leben in der „Bugsier- und Bergungsschifffahrt“, vielleicht mit der „Zusatzqualifikation Fischbestandsberatung“? Oder doch eher die „Wassergewinnung mit Fremdbezug zur Verteilung“?
Das sind auch für meine Bank wichtige Fragen. Kürzlich schrieb sie mir, sie sei gesetzlich verpflichtet, genau den Wirtschaftszweig zu erfassen, in dem ich tätig bin. Der Brief der Bank war ganz kurz. Und ich weiß jetzt auch, warum. Der angegebene Link – ebenfalls rekordverdächtig kurz: „gls.de/wz“ – führt nämlich zu einer Liste mit etwa 900 Branchenbezeichnungen. Also nix mit übersichtlichen Kategorien wie „Handwerk, Landwirtschaft, Dienstleistung, Industrie“ sowie „Intelligenz“, wie es in der DDR hieß. Nein, es geht endlich mal differenziert zu. So muss ich entscheiden, ob auf mich eher „Gewinnung von Kalkstein, Dolomitstein und Kreide“ zutrifft – oder doch „Gewinnung von Kalk- und Gipsstein sowie Anhydrit, Dolomit und Kreide“. Und natürlich ist die „Haltung von Schafen, Ziegen, Pferden und Eseln“ eine komplett andere Branche als die „Haltung von Pferden und Eseln“.
Die Relevanz für das Bankwesen liegt auf der Hand: Die Kreditzinsen für jemanden, der sein Brot mit der „Herstellung von Mühl-, Mahl-, Schleif-, Wetz- und Poliersteinen sowie Schleifstoffen“ verdient, müssen logischerweise völlig anders aussehen als für jemanden aus dem Bereich „Tapetenkleberei“. Wer in der „Güterbeförderung in der Binnenschifffahrt durch Partikuliere“ arbeitet, braucht keinen Immobilienkredit. Und keiner Bank sind Geschäftsbeziehungen mit jemandem zuzumuten, der sich täglich mit der „Herstellung von Panzerschränken und Tresoranlagen“ befasst. Das Schließfach wird natürlich teurer, wenn es um die „Herstellung von Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren (ohne Fantasieschmuck)“ geht. Kollegial geht es zu, wenn der Kontoinhaber „Multilaterale Entwicklungsbanken nicht mindestreservefrei und ohne Nullgewichtung“ anklickt. Und direkt sicherheits-, ja: demokratierelevant ist die „Herstellung und Verarbeitung von Spalt- und Brutstoffen“.
Streckenweise bin ich tief beeindruckt von der Gründlichkeit meiner Bank. Oder der Behörde, die diese Liste erstellt hat. Da misst jemand wirklich ganz genau nach. Und die „Herstellung von Kaltband mit einer Breite von weniger als 600 mm“ dürfte wohl mal wieder den Kürzeren ziehen gegenüber der „Herstellung von Metallbehältern mit einem Fassungsvermögen von mehr als 300 l“. Aber es wird auch mal menschlich-sympathisch geschlampert: Die „Branche der Architekturbüros für Orts-“, die lässt viel Raum für Phantasien. In welchen Jahrzehnten sich die Urheber der Liste durch Kaufhäuser bewegten, wird auch klar: „Herstellung von gewebter Oberbekleidung für Herren und Knaben“.
Übrigens geht es den emsigen Beamtinnen und Beamten in der bürokratischen Abfrage keineswegs nur um die Produktion aller denkbaren Stoffe und Dinge. Wenn man denkt, das Ende der Liste sei endlich in Sicht, geht es noch mal von vorne los – diesmal mit dem Vorsatz „Großhandel für …“ statt „Herstellung von …“.
Und ganz am Ende kommt das, was den Listenbastlern vom Amt zweifellos das Herz hat bluten lassen: Wer sich nicht durch das Gesamtkunstwerk von 900 Branchenbezeichnungen scrollen will, kann einfach sein Kreuz setzen bei: „Ich kann meine Branche nicht finden.“ Kann es da noch verwundern, dass man in den Stuben der Bürokratie voller Hass auf uns Bürgerinnen und Bürger und unsere Faulheit blickt?
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Source: taz