Faultline Faultline Kommando 161

Politics · taz · · 2h

Die AfD und die Landtagswahlen: Stellt euch vor, wir leben in einem Land

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Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem Millionen Menschen zusammenleben, die sich in vielem unterscheiden. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, glauben an unterschiedliche Götter oder an gar keinen, leben allein, zu zweit, in Familien oder Wohngemeinschaften. Sie streiten darüber, was gerecht ist, wie viel Steuern richtig sind, wie sie heizen und fahren, wie sie lieben und sterben wollen. Weil sich diese Unterschiede nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, müssen sie sich immer wieder einigen: in Familien und Betrieben, auf Marktplätzen, in Parlamenten und Gerichtssälen. Meistens kommt etwas dabei heraus, das niemand ganz wollte, mit dem aber möglichst viele leben können.

Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem diese Verschiedenheit nicht als Betriebsunfall gilt. In dem Menschen ihre Vorstellungen davon, was richtig ist, nicht einfach durchsetzen können – auch nicht, wenn sie in der Mehrheit sind. In dem jeder Mensch Würde und Rechte hat, die gerade dann etwas wert sind, wenn andere nicht mögen, wie jemand lebt, denkt oder spricht. Menschen dürfen ihre Regierung kritisieren, sich mit anderen zusammentun und vor unabhängigen Gerichten gegen den Staat klagen. Mehrheiten können entscheiden, aber sie dürfen nicht alles. Und Minderheiten bleiben geschützt, gerade wenn die Mehrheit sie nicht mag.

Stellt euch vor, wir leben in einem reichen Land, in dem nicht alle gleich viel und manche sogar erschreckend wenig haben, ein Land, in dem Menschen länger und gesünder leben als Generationen vor ihnen und Zugang zu Medizin, Bildung und sozialer Sicherung haben. Ein Land, das diesen Wohlstand gemeinsam erwirtschaftet hat – und in dem deshalb darüber gestritten wird, wie er verteilt wird.

Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem Menschen verschieden sein dürfen. Muslimisch, christlich, jüdisch oder atheistisch. Hetero oder queer. Cis oder trans. Tradwife oder Feministin. Mit oder ohne Familie, mit zwei Pässen, mehreren Sprachen und Zugehörigkeiten, die nicht an einer Staatsgrenze enden müssen. Progressiv oder konservativ. Fußballfan, Gamerin, Kleingärtner oder Opernbesucherin. Niemand muss all das gut finden. Anerkennung bedeutet nicht, alle Lebensentwürfe selbst übernehmen zu müssen, sondern anderen den gleichen Raum zuzugestehen, den man für sich selbst beansprucht – solange die eigene Freiheit nicht auf Kosten der gleichen Freiheit und Würde anderer geht.

Stellt euch vor, wir leben in einem Land, in dem trotzdem vieles nicht gut läuft. In dem darum gerungen wird, wie Rente, Pflege und Sozialstaat gesichert und die Kosten des Klimawandels verteilt werden. In dem Armut fortbesteht, Vermögen extrem ungleich verteilt ist und Menschen schlechtere Chancen haben. In dem sich andere mit ihren traditionellen Lebensentwürfen geringgeschätzt fühlen. Und in dem Menschen angesichts rasanter Veränderungen ihr Land manchmal nicht mehr erkennen, wie sie es einst kannten und mochten.

ist Professor für Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungen in der Politik- und Rechtsanthropologie beschäftigen sich mit multidimensionalen Gerechtigkeitsfragen, multidirektionalen Erinnerungen und alternativen Zukünften im Globalen Norden und Globalen Süden.

Stellt euch aber auch vor, wir leben in einem Land, in dem die Mittel zur Veränderung längst vorhanden sind. Wahlen und Parlamente. Gerichte und Grundrechte. Tarifverhandlungen und Streiks. Parteien und Vereine. Bürgerräte und Bürgerinitiativen. Freie Medien und Wissenschaft. Streit, Kritik, Kompromiss und Reform. Nichts davon garantiert gute Ergebnisse. Aber all das macht schlechte Ergebnisse kritisierbar, Entscheidungen korrigierbar und Verhältnisse veränderbar.

Stellt euch vor, wir leben in einem Land, durch das kein großer Ruck gehen muss. Schon gar keiner, der erst alles einreißt, damit etwas Neues entstehen kann. Ein Land, in dem es vielmehr ständig ruckelt. Weil Menschen sich und anderen täglich einen Ruck geben: Kinder unterrichten, Angehörige pflegen, eine Firma gründen, Geflüchteten Deutsch beibringen, einen Fußballverein trainieren, gegen eine Entscheidung protestieren oder sich nach einem erbitterten Streit doch noch auf einen Kompromiss einigen.

Stellt euch vor, wir leben in einem Land, das sich von der Behauptung nicht bange machen lässt, hier stehe auf der einen Seite eine abgehobene Elite und auf der anderen „das Volk“. Natürlich gibt es Macht und Privilegien. Aber politische Gegner sind keine Feinde – in einem Land, das seine eigene Vorstellung eines guten Zusammenlebens nicht nur daraus gewinnt, wogegen es ist. Das nicht neidisch auf die Wucht autoritärer Parolen blickt und glaubt, nur Hass könne Menschen emotional bewegen. Freiheit bewegt. Gerechtigkeit bewegt. Verschiedenheit macht Freude. Solidarität begeistert. Und die Erfahrung, trotz fundamentaler Unterschiede gemeinsam etwas hinzubekommen, erzeugt Stolz.

Stellt euch vor: Wir leben in diesem Land! Nicht weil hier alles so wäre, wie es sein sollte. Vieles läuft gut, vieles schlecht, manches unerträglich. Menschen werden diskriminiert, Chancen sind ungerecht verteilt, Institutionen versagen. Keine freiheitliche Gesellschaft hat eine Garantie auf ihren Fortbestand, sondern muss sich schützen und verteidigen. Aber wir leben in einem Land, in dem Entscheidungen korrigierbar bleiben müssen. Und in dem alle dazugehören – bei allen Unterschieden. Gerade deshalb schützt die freiheitlich-demokratische Grundordnung die gleiche Freiheit und Würde aller und darf sich gegen diejenigen verteidigen, die sie beseitigen wollen.

Die Gemeinschaft, die wir werden wollen, entsteht längst in der Gemeinschaft, die wir sind: unfertig, widersprüchlich, ungerecht aber veränderbar. Wichtig ist, dass wir das Gemeinsame im gemeinsamen Handeln immer neu herstellen. Das ist keine Vision von einem anderen Land. Das war, ist und bleibt unser Land im Werden.

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Source: taz