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„Der Nebel von Dybern“ in Konstanz: Die schwer greifbare, latente Bedrohung

Das Stadttheater Konstanz zeigt Maria Lazars „Der Nebel von Dybern“. Das 1933 von den Nazis verbotene Stück ist auf beklemmende Weise wieder aktuell. mehr...

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Von Anfang an ist es da, dieses unheimliche David-Lynch-Feeling. Vor allem in der Musik. Mal erinnert das Orgelspiel aus dem Off an eine Trauermesse, mal wirken dessen Wiederholungen und Crescendi nervenzerreibend. Ähnlich muten die knirschenden Klänge eines Akkordeons an, die einen das Gruseln lehren. Gespielt wird es von Odo Jergizsch, der mit starrem Blick und im Rollstuhl eine senil erscheinende, aber insgeheim visionäre, alte Frau verkörpert. Schlechte Luft sei in der Welt, so ihr Mantra, genauso wie die Rede von einem noch immer währenden Krieg.

In Maria Lazars Text „Der Nebel von Dybern“ von 1932, aufgeführt am Stadttheater Konstanz, wollen die meisten davon nichts wissen. Im Gegenteil, sie wähnen sich am titelgebenden Ort in Frieden und Wohlstand.

Als jedoch eines Tages immer mehr tote Tiere auftauchen und Menschen sterben, kommen kritische Fragen zur Chemiefabrik auf. Versucht man dort die drohende Katastrophe zunächst herunterzureden, lässt sich bald kaum noch leugnen, dass in einem dortigen Labor auch Giftwaffen entwickelt werden. Erwartungsgemäß gerät die Situation außer Kontrolle. Man verteilt Sauerstoffmasken. Mittendrin Josef (Mark Harvey Mühlemann) und die schwangere Barbara (Laura Dittmann), ein Paar, das gnadenlos vom sich anbahnenden Strudel der Gewalt mitgerissen wird.

All das nur wegen des Nebels, wie manche weismachen wollen? Natürlich muss man ihn in diesem fortschrittskritischen Drama symbolisch deuten. Steht der Nebel für einen Virus wie in der Coronazeit? Oder, wie man im Programmheft liest, insbesondere für eine entfesselte KI? Repräsentiert er gar das Wiederaufkommen des Faschismus? Zumindest einige Gründe machen Letzteres plausibel, wurde doch die weitere Aufführung dieses geradezu prophetischen Werks aus der Feder der 1948 verstorbenen österreichischen Autorin bereits kurz nach der Premiere 1933 in Stettin von den Nazis untersagt.

Auch Regisseur Philipp Preuss hält alle Interpretationswege offen, indem er etwa das Bühnenbild weitestgehend in der Abstraktion belässt. Außer einer künstlichen Sonne im Hintergrund ist die Kulisse leer. Hin und wieder strömt Bühnennebel herein. Zum halluzinativen Ende hin, wenn die Figuren dem Tode nahe auf dem Boden kauern, werden ihre Gesichter mittels Handkamera in überbelichtetem Schwarz-Weiß auf den Hintergrund projiziert.

Die Parabel nicht konkreter auszulegen, ist gewiss eine Schwäche des Abends. Aber der Verzicht darauf passt wiederum doch auch zum Konzept. Sei es das Putzen von Gläsern oder Zigaretterauchen – die Regie setzt vollends auf Gesten und Pantomime. So spiegelt sie eben die schwer greifbare, latente Bedrohung.

Obgleich die Figuren wie aus Trotz mehrfach den Song „Love Is in the Air“ anstimmen, steigert sich der Schrecken ins Unermessliche. Er gipfelt in einem berührenden, schauerlichen Bild. Barbara blickt mit feuchten Augen ins Publikum und tötet ihr Neugeborenes. Sie will ihm ein grausames Dasein ersparen. Diesen Akt bildet sie einzig in ihrer sich langsam schließenden Hand ab. Währenddessen versiegt die Orgelmelodie, gleich einem letzten Herzschlag, auf den kein Wort mehr folgt.

Was für ein intensives Theaterereignis, getragen von einem markerschütternden Text! Es ist ein Glück, dass Lazars lange vergessenes Œuvre seit einiger Zeit wiederentdeckt wird, gehört sie inzwischen zweifelsohne in den Kanon der wichtigsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Und wenn man es nicht wüsste, könnte man sie durch die wuchtige Premiere in Konstanz beinah für eine der politischsten Autorinnen der Gegenwart halten.

Originally published bytaz
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