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Debütroman von Alisha Gamisch: Um nicht so zu werden wie die verrussten Deutschen

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Streichholzschachtelgroß ist das Ding, rosa und aus Plastik. Eines Tages taucht es auf, das Modell eines zehn Wochen alten Embryos mit Daumen im Mündchen und geschlossenen Augen. Samt Pamphlet einer Organisation gegen das Recht auf Abtreibung landet es im Briefkasten von Valli und Lydia und bringt alles durcheinander. Vor allem bei Lydia, die mit einem Mal aufhört zu sprechen und sich nicht mehr rührt.

Lydia und Valli und Rina, so heißen die drei Protagonistinnen in Alisha Gamischs Roman „Parasiti“. Lydia, die älteste, ist die Tante von Valli, Rina wiederum deren Nichte und folglich Lydias Enkelin, drei russlanddeutsche Frauen aus drei Generationen. Gamisch erzählt von ihren Leben in Rückblenden, abwechselnd steht immer eine von ihnen im Fokus. Zurück bis in die 1960er Jahre geht es, in die Barackensiedlung in Nowosibirsk, und in die Jetztzeit, ins Reihenhaus in Fürstenfeldbruck.

In Bruchstücken und Zeitsprüngen erfährt man da, was sie prägte, die Großmutter, die Vertreibung, das Hungern und Frieren, die Gewalt, das Leben in der Barackensiedlung. Und wie sie sich da zu verhalten hatte: „Das Wichtigste war, Anstand zu wahren, nicht so zu werden wie die ganzen verrussten Deutschen, die sich an gar keine Vorschriften und Traditionen mehr hielten, die ihre Kinder unbeaufsichtigt durch die Baracken rennen und verwildern ließen wie die Straßenhunde.“

Alisha Gamish: „Parasiti“. Voland & Quist, Berlin 2026, 240 S., 24 Euro

Ums Großwerden und ums Finden der eigenen Rolle geht es: „Die Regeln fürs Frausein wurden ihr aufgetischt wie das heilige Abendmahl.“ Stichtechniken lernt sie, dass geheiratet wird, aber keinen Russen, auch keinen deutschen Katholiken, und dass man sich nicht zu leicht hergibt.

Warum die Postsendung so große Wirkung auf Lydia hat, wird im Laufe der Lektüre klar. Abtreibungen waren für Lydia lange Zeit die einzige ihr bekannte Verhütungsmethode. Immer dann, wenn ihr meist blauer Mann Sashka sich mal wieder verschätzt und mit dem „Rumgerutsche“ nicht rechtzeitig aufgehört hat, muss sie eben in die „Balnitza“, ins Krankenhaus – „was willst du denn tun, dir ein Schloss dranmachen?“

Ein Kind bekommen hat Lydia dennoch, Elvira, Rinas Mutter, bei der sie alles versucht hat, „die Fehler ihrer Nachbarinnen zu vermeiden“. Großgezogen hat Lydia aber auch Valli, ihre Nichte, das „Kuckuckskind“ von der Jelena, das „Fledermausbalg“, das diese einfach nicht mehr abgeholt hat.

Im Gegensatz zu Valli und Rina erfährt man als Leserin von den Abtreibungen, gesprochen wird über so etwas nicht, es gehört zu den Dingen – und von denen gibt es so einige –, die nicht erzählt werden.

Die Schrecken und Traumata der Vergangenheit bahnen sich dennoch ihren Weg von Generation zu Generation. Alle drei Frauen verdrängen und verschweigen Dinge, schlucken sie herunter, lassen Fragen einfach so im Raum stehen. Sie haben gelernt, sich durchzulavieren, zu funktionieren, und sie schämen sich, wenn das mal nicht gelingt, wenn die kleine Rina in der Schule trotz ordentlich gespitzter Stifte im Federmäppchen „plötzlich auffiel wie eine unpassende Weihnachtsbaumkugel“.

Vor allem geben sie sich Mühe, nicht als das zu gelten, was Gamisch ihrem Roman als Titel gegeben hat: als „Parasiti“, das russische Wort für Parasiten. Als echtes Ungeziefer hausen die Parasiten in den sibirischen Baracken, sie verfolgen Lydia als Schimpfwort, auch durch das sogenannte „Parasitengesetz“, das in der Sowjetunion diejenigen bestrafte, die nicht arbeiteten, Nichtsnutze, wie Lydias Sashka einer ist, und als kleine Parasiten im Bauch, die ausgeschabt werden müssen.

Alisha Gamisch, geboren 1990 in Tegernsee, stammt selbst aus einer russlanddeutschen Familie und hat bislang vor allem Lyrik verfasst. 2020 erschien ihr erster Band „Lustdorf“, 2022 erhielt sie den ersten Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland. Sie kuratiert unterschiedliche Formate wie das PostOst-Café des Zentrums für Antislawismusforschung und ist gemeinsam mit ihren Kolleginnen Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg Teil der „ersten literarischen Girlgroup“ No Scribes.

Mit ihrem Debütroman „Parasiti“ will Gamisch viel und erzählt so dicht, dass die kleinen Pausen,Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg die sie einem immer wieder aufzwingt, guttun. Ihr Trick sind dabei die vielen sprachlichen russlanddeutschen Einsprengsel. Im „Kleinen russlanddeutschen Inventar“ am Ende des Buches können sie nachgeschlagen werden.

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Source: taz