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Debatte um „Spiegel“-Text zu Elif Eralp: Am Ende sind alle so schlau wie vorher
Der „Spiegel“ skandalisiert interne Äußerungen der Berliner Linken Elif Eralp über die Palästinabewegung. Zur Aufklärung trägt der Text kaum bei. mehr...
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D er „Skandal“ um Elif Eralp und ihre internen Äußerungen ist auch ein Skandal der deutschen Medienlandschaft. Weil es hier viele verschiedene Facetten gibt, sollte man vorab vielleicht kurz festhalten, was er aus medienethischer Sicht nicht ist.
So wäre es deplatziert, daraus eine Debatte um die Praxis deutscher Journalisten zu machen, sich Zitate von Politikern autorisieren zu lassen. Ja, man kann es aus gutem Grund erbärmlich finden, dass deutsche Medien es sich gefallen lassen, dass Politiker ihre Antworten in Interviews umschreiben oder gar – so hier der Vorwurf – eine ganze Frage streichen wollen.
Die eigentliche Essenz des Spiegel-Artikels hat mit der Autorisierung aber gar nichts zu tun. Dort geht es vielmehr um die Kommentare, die Eralp und Linken-Verantwortliche aus ihrem engen Umfeld in dem Word-Dokument hinterlassen haben. Darin schreibt Eralp zu einer Frage über den wohl PFLP-nahen Palästinaaktivisten Ibrahim Ibrahim, sie habe „Angst vor diesen Leuten“ und sie könne sich und ihre Familie „nicht für den Spiegel in Gefahr bringen“.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Diese aus Versehen verschickte internen Kommentare sollte man also eher wie andere vertrauliche Kommunikation behandeln, die auf dem ein oder anderen Wege in die Hände von Journalisten gerät. Diese Infos müssen Journalisten dann prüfen, nachrecherchieren und sich nach reiflicher Abwägung entscheiden, ob sie sie veröffentlichen wollen.
Also, sollte man das öffentlich machen? Im Fall Eralp schließen sich hier eine Reihe von Fragen an: Hält man es für eine Nachricht, dass sich die Berliner Bürgermeisterkandidatin um das Wohlergehen ihrer Familie sorgt? Wovor hat Eralp eigentlich genau Angst? Wie begründet ist diese Angst? Und ist das öffentliche Interesse, diese internen Abwägungen zu erfahren, so groß, dass man dafür womöglich in Kauf nimmt, dass Eralp sich danach noch unsicherer fühlen muss?
Wenn der Spiegel diese Fragen klären wollte, dann wäre der logische Schritt ja gewesen, Eralp erneut zu kontaktieren. Das Magazin hätte es Eralp ermöglichen müssen, zu diesen offenen Fragen Stellung zu beziehen. Im Text selbst ist von solchen Rückfragen nicht die Rede.
Eralp selbst, so viel sollte hier zur Einordnung gesagt sein, ist in der Palästinafrage keineswegs auf Linie des Neuköllner Bezirksverbandes. Sie ist vielmehr – wie der Rest der Linkenführung in Berlin – eher im moderaten Lager der Partei zu verorten, das immer wieder auf Distanz zu radikalen Elementen in der Bewegung geht.
Dass sie mit diesen im Clinch liegt, ist also wahrlich keine große Nachricht. Der Spiegel dreht daraus jetzt einen Skandal, der Eralp als Kronzeugin gegen die eigene Bewegung anführt, offenbar aber, ohne sie vorab ihre eigenen Aussagen erklären zu lassen.
Beim Lesen des Artikels fällt dann auch direkt der aufgeregt-dramatische Ton auf, in dem er geschrieben ist. Verschiedene Anschuldigungen und Themen werden wild durcheinandergeworfen: Clankriminalität; der Goldmünzenraub im Bode-Museum; brennende Israel-Fahnen; gewisse „Straßenzüge“ und „Milieus“; die „türkisch-kurdische Gen-Z-Mafia“; Berlin als „Hauptstadt des Verbrechens“; umstrittene „Gaza-Influencer“; die PFLP und die Hamas; Israelfeindlichkeit und Antisemitismus.
Der Text im Spiegel verfolgt damit kein Interesse an Aufklärung. Er reiht sich vielmehr ein in den Kampagnenjournalismus gegen die Linkspartei der letzten Monate. Nicht nur die bürgerlichen Parteien, sondern auch Stimmen aus den etablierten Medien verleumden die Linke immer wieder als antisemitisch. Das ging so weit, dass ein Kommentator in den Tagesthemen die Partei in die Traditionslinie der Täter des Holocausts setzte.
Diese Welle reitet der Spiegel bis ins Absurde, wenn er Ibrahim Ibrahim im Text mit „Voldemort“ vergleicht, dessen Namen auszusprechen man sich fürchte. Jemand, der hierzulande politisch absolut nichts zu melden hat, wird so auf infantile Weise als das absolute Böse gezeichnet.
Ein Skandal ist so schnell herbeigeschrieben. Aber am Ende eines langen Artikels sind eigentlich alle so schlau wie vorher.