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Debatte um Gaza-Doku: „Naza“ soll kostenlos im Netz zu sehen sein

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dpa Bei den Filmfestspielen in Venedig wurden der Film bei seiner Premiere mit 25-minütigem Applaus bedacht, in Israel wird er – obwohl ihn dort noch keiner gesehen hat – von Armee und Regierung scharf angegriffen: Die Gaza-Dokumentation „Naza“ der beiden jüdischen Filmemacher Yuval Abraham (31) und Rachel Szor (32) kommt jetzt in die deutschen Kinos. Ab November werde sie dann kostenlos online zu sehen sein, kündigten die beiden kürzlich an. In Venedig gewann der Film den Spezialpreis der Jury.

Die Filmemacher greifen sich in ihrer 80 Minuten langen Dokumentation vor allem einen Aspekt heraus: das System, das hinter der israelischen Kriegsführung stehen soll – in all seiner Effizienz. „Naza“ leitet sich vom hebräischen Ausdruck „Nezek Agavi“ für Kollateralschaden ab. Nach Darstellung eines im Film befragten Soldaten bezeichnet das Kürzel im Militär die geschätzte Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff sterben könnten.

Die Ausführungen der anonymen Zeugen sollen beschreiben, wie Ziele ausgesucht werden und wie Entscheidungsprozesse vor einer Bombardierung von Wohngebäuden ablaufen. Dabei schildern einige der im Film Befragten auch den Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Aufgenommen nachts auf den Dächern von Tel Aviv, interviewt Abraham laut eigener Aussage 24 Mitglieder des israelischen Geheimdienstes. Ihre Stimmen sind verfremdet, ihre Gesichter unerkennbar im Schatten. Die britische Zeitung The Guardian hat den Film mitproduziert und zuvor investigativ zu den Vorwürfen recherchiert. Sie beruft sich darauf, alle journalistischen Standards eingehalten zu haben.

Ein Protagonist erzählt, dass bei manchen israelischen Luftangriffen 20, 30 oder 300 Palästinenser als Kollateralschäden in Kauf genommen und getötet worden seien. „Einmal gab es die Genehmigung, 500 Menschen bei einem Angriff auf ein menschliches Ziel zu töten“, so der Mann. „Ich kann auf ein Haus klicken und sehen, wie viele Menschen Schaden nehmen, wenn ich es bombardiere.“ Er nimmt ein Blatt Papier und skizziert. „Man sieht es so: Wohnung 6, 5. Stock, Ahmed und seine Familie werden sterben.“

Einen Tag vor der Preisverleihung am 12. September wies die israelische Armee die Vorwürfe zurück und stellte die Glaubwürdigkeit der 24 anonymen Zeugen infrage. Manche Aussagen beträfen Entscheidungen, über die Angehörige niedrigerer Dienstränge keinen Überblick haben könnten. Die Armee kritisierte, ihr sei der Film nicht vorab vorgelegt worden, um die Vorwürfe zu erwidern.

Laut Armee seien auch Angriffe abgebrochen worden, sobald der absehbare zivile Begleitschaden im Missverhältnis zum militärischen Vorteil stehe – so wie es das humanitäre Völkerrecht vorschreibt. Die im Film dargestellte systematische Hinnahme hoher ziviler Opferquoten gehöre nicht zur israelischen Militärdoktrin. Ob einzelne Angriffe diese Grenze überschritten, lässt sich aus den Stellungnahmen der Armee und den Filmszenen allein nicht beurteilen.

Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde in Gaza sind während des knapp dreijährigen Krieges bislang rund 74.000 Palästinenser getötet worden. Auch die israelische Armee bezweifelt die Zahl nicht mehr, kritisiert aber, die Behörde würde nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden. Israelische Militärvertreter bezifferten die Zahl der im Gazastreifen getöteten Kämpfer Mitte September auf mehr als 24.000. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Angabe nicht.

Zu den Vorwürfen über den Einsatz von künstlicher Intelligenz sagte Armee-Sprecher Effi Defrin, Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal getroffen und nicht von künstlicher Intelligenz.

Kulturminister Miki Zohar von der Likud-Partei bezeichnete die Arbeit der Filmemacher als „Landesverrat“ und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte Gesetzesvorhaben gegen Menschen an, die israelische Soldaten oder den Staat im Ausland verleumdeten. Obwohl kaum jemand in Israel den Film bisher gesehen hat, wurden die beiden Regisseure und ihre Familie das Ziel von Morddrohungen und rechter Hetze. Vor dem Elternhaus der Regisseurin Rachel Szor versammelten sich rechtsradikale Aktivisten

Die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem stellte sich dagegen an die Seite der Filmemacher. Gemeinsam mit weiteren Organisationen wandte sie sich gegen Drohungen und mögliche Schritte gegen Abraham, Szor und ihre Quellen.

Der israelische Journalist Nadav Eyal schreibt auf X: Die Vorbereitung auf einen Luftangriff auf ein Ziel sei langwierig und komplex. An jedem Angriff seien über 100 Personen beteiligt, noch bevor der Pilot zum Einsatz komme. Nur wenige von ihnen, wenn überhaupt, hätten den vollständigen Überblick.

Amos Harel von der linksliberalen Zeitung Ha’aretz teilt die Einschätzung, Israel habe im Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen. Was während einiger Kampfhandlungen geschehen sei, sei an sich schon grausam und beunruhigend genug. Es verpflichte, die Situation direkt anzuschauen und Selbstreflexion zu betreiben.

Kritik kommt von einer früheren israelischen Geisel: Omer Shem Tov schreibt im Wall Street Journal, der lange Applaus habe sich wie „ein Hagel aus Messern“ angefühlt. Nicht, weil der Film palästinensisches Leid zeige – das sei real und verdiene, gesehen zu werden. Er fühle sich hingegen nicht gesehen. 505 Tage habe er in Hamas-Gefangenschaft verbracht – „entführt, ausgehungert und gefoltert“. „In dieser Geschichte bin vielleicht auch ich ‚Naza‘, ein Kollateralschaden“, so Shem Tov.

In arabischen sozialen Medien wird dagegen unter anderem die Zivilcourage der beiden Filmemacher hervorgehoben. Die in London ansässige Nachrichtenwebsite „Middle East Eye“ schreibt, „Naza“ leiste unschätzbare Arbeit in einer Zeit, in der die anhaltende Gewalt sowohl im Gazastreifen als auch im besetzten Westjordanland weiterhin als normal hingenommen werde.

Laut der in London herausgegebenen Tageszeitung Al-Arabi Al-Dschadid wird in Teilen der arabischen Debatte problematisiert, dass westliche Öffentlichkeit offenbar stärker auf israelische Zeugenaussagen reagiere als auf jahrelange palästinensische Zeugnisse.

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Source: taz