Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Comeback der Sitcom mit „Leanne“: Humor in Krisenzeiten

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Als vergangene Woche in Los Angeles zum 78. Mal die Primetime Emmy Awards verliehen wurden, konkurrierten im Bereich Comedyserien wie „Hacks“, „Widow’s Bay“ oder „The Bear“ um den wichtigsten Fernsehpreis. Alles humorvolle Serien, keine Frage. Aber auch sehr weit weg von klassischen Sitcoms, aufgenommen vor Studiopublikum und ausgestrahlt mit eingeblendeten Lachern, die früher das Programm und auch die Emmys dominierten. Vollkommen verschwunden ist diese Form der Comedyserie allerdings nicht, wie etwa die Sitcom „Leanne“ beweist, deren zweite Staffel gerade bei Netflix gestartet ist.

Die Liste der Sitcoms, die Fernsehgeschichte geschrieben haben, ist lang und umfasst so unterschiedliche Serien wie „I Love Lucy“, „Mary Tyler Moore“, „Cheers“, „Friends“ oder „How I Met Your Mother“. Dass das Format auf den Bildschirmen zusehends seltener wurde, war allerdings eine schleichende Entwicklung, die ihren Anfang ausgerechnet mit dem Beginn des sogenannten goldenen Serienzeitalters vor rund 25 Jahren nahm.

Komplexe, mutige Dramen wie „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ waren in aller Munde, produziert von Kabel- und Pay-TV-Sendern, und alles, was ganz gewöhnlich im frei empfangbaren US-Fernsehen lief, galt als altmodisch und zu sehr an der breitest möglichen Masse orientiert. Das bewährte Sitcom-Konzept – mit mehreren Kameras im Studio gefilmt und Lacher vom Publikum – schien plötzlich uncool, sodass selbst die großen Sender irgendwann anfingen, sich an anderen Comedyserien zu versuchen. „The Office“, „30 Rock“ oder selbst „Modern Family“ setzten auf einen anderen Look und bissigeren Humor, selbst wenn parallel auch noch „The Big Bang Theory“ für Quoten sorgte.

In der Streaming-Ära intensivierte sich dieser Trend, denn dort wollte man erst recht alles ein bisschen anders machen als im normalen Fernsehen. Und so setzte man noch mehr auf Produktionen, die nicht in herkömmliche Schubladen passten, auf High-Concept-Ideen und Genreübergreifendes. Die Grenzen zwischen Comedy und Drama vermischten sich immer mehr, auch weil klassische Zeitvorgaben (eine knappe halbe Stunde für eine Comedy, rund 60 Minuten für ein Drama) hinfällig geworden waren.

Mit medialer Aufmerksamkeit und Preisen wurden zuletzt eigentlich nur noch Serien bedacht, die zwar leichtfüßig und amüsant waren, aber von Sitcoms kaum weiter hätten entfernt sein können. Nicht nur die schon erwähnten „The Bear“ oder „Hacks“, sondern auch „Marvelous Mrs. Maisel“, „Emily in Paris“, „Only Murders in the Building“ oder „The Studio“.

Komplett zu Grabe getragen wurde die Sitcom allerdings nie. In den USA ging etwa erst im Mai nach acht Staffeln „The Neighborhood“ zu Ende (und hatte auf dem Sender CBS bis zum Schluss mehr Zu­schaue­r*in­nen als „NCIS“ oder „Elsbeth“), bei Netflix lief zuletzt fünf Jahre lang „The Upshaws“ über eine Schwarze Arbeiterklassefamilie. Und dort ist nun auch „Leanne“ zu sehen, eine klassische Sitcom, die in vieler Hinsicht an den 90er-Hit „Roseanne“ erinnert.

Ihren Titel verdankt die Serie der in den letzten Jahren in den USA populär gewordenen Komikerin Leanne Morgan, und sie erzählt nun ausgehend von ihrem eigenen Leben und ihrer Persona von einer religiösen Südstaatenhausfrau, nicht mehr ganz jung, die sich gerade von ihrem Ehemann trennt und ansonsten mit ihrer Schwester, ihren Eltern und den erwachsenen Kindern beschäftigt ist. Produziert wird „Leanne“ von Chuck Lorre, der damals eben bei „Roseanne“ begann und später auch hinter „Two and a Half Men“, „Big Bang Theory“ oder „Mom“ steckte.

Und genauso altbekannt sieht auch alles aus: Wohnzimmerkulisse mit Sofa in der Mitte, zwischen den Szenen ist das Haus von außen eingeblendet und nach den Pointen lassen die Schau­spie­le­r*in­nen genug Zeit für die Lacher des Publikums. Der Humor dieser Familiensitcom ist eher harmlos und ein bisschen unterkomplex. Aber in dieser Vertrautheit wirkt das, auch dank Morgan als Protagonistin, irgendwie bescheiden und sympathisch, ja fast entschleunigt.

Die Anzeichen dafür, dass die Sitcom wieder Land gewinnt, nehmen zu. Bei Disney+ versuchte man sich an „Mid-Century Modern“, es gab Ableger von „Big Bang Theory“ und eine Neuauflage von „Frasier“. Und im Oktober startet in den USA eine mit Spannung erwartete Beziehungssitcom namens „Newlyweds“, prominent besetzt mit Téa Leoni, ihrem Ehemann Tim Daly (der übrigens auch in den neuen „Leanne“-Folgen auftaucht) und Jamie Lee Curtis, die das Ganze auch produziert hat.

Gründe für dieses kleine Comeback gibt es einige, angefangen mit dem Bedürfnis nach mehr Humor in Krisenzeiten wie den aktuellen, das durch eine Serie über den Stress in Restaurantküchen vielleicht nicht ganz erfüllt wird. Außerdem ist derzeit in Hollywood ganz allgemein zu beobachten, dass der Trend weggeht von Experimenten und allzu progressiven Geschichten und man bewusst versucht, sich auch wieder an ein eher konservativeres Publikum jenseits der Metropolen zu wenden.

Und dann ist da natürlich noch ganz allgemein das Thema Nostalgie, an dem in der Unterhaltungsindustrie wirklich kein Weg mehr vorbeiführt. Das Publikum wird aktuell gerne daran erinnert, wie es sich früher vor dem Fernseher gefühlt hat, und dazu gehören eben nicht nur bekannte Gesichter, sondern auch verlässliche Erzählstrukturen wie die einer Sitcom. Gerade die Streamingdienste haben längst realisiert, dass zu den meistgesehenen Sendungen auf ihren Plattformen oft nicht nur die neusten Prestigeprojekte gehören. „Friends“, „Two and a Half Men“ oder „Seinfeld“ sind weiterhin die absoluten Renner, und von dort mit ein paar Klicks zu ähnlichen, aber neuen Serien weiterzuleiten, erscheint eine vielversprechende Taktik.

Aktuell fahren Netflix und Co zweigleisig. Denn wenn zum Beispiel in ein paar Wochen „A Different World“ startet, die späte Fortsetzung der von 1987 bis 1993 ausgestrahlten Sitcom „College Fieber“, erinnert visuell kaum etwas an das Original. Und Gelächter ist auch keines zu hören.

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Source: taz