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Chara Kotsali über Tanz und Politik: „Es reicht nicht, sich zu beschweren“
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Nach Chara Kotsalis Erfolgsstück „It’s the End of the Amusement Phase“ kann man eigentlich nicht aufstehen und weitermachen. Es ist ein Parforceritt durch die Geschichte, sowohl des Tanzes als auch politischer Katastrophen – in einer Zeit, in der die Zukunft von der Vergangenheit überholt wurde.
taz: Chara Kotsali, ich habe lange kein solch geschichtshaltiges Werk wie Ihre Tanzrevue gesehen. Die Liste Ihrer Stil-Referenzen muss enorm lang sein. 80 Tänze? 100? Haben Sie sie gezählt?
Chara Kotsali: Nein, in dieser Art von Zählen bin ich schlecht. Ich häufe an, ich komme vom einen aufs andere. Vielleicht ist das ein neurodiverser Zug an mir. Ich weiß nicht, ich habe es noch nicht untersuchen lassen. Ich gehöre nicht zu der Generation, die solche Dinge beizeiten abchecken lässt.
Kotsali: Zumindest würde sich bei mir sicher was finden lassen!
ist 1984 in Griechenland geboren. Sie hat Tanz, Choreografie, Theaterwissenschaften, Soziale und Kulturelle Anthropologie in Athen studiert sowie eine professionelle Ausbildung als Schlagzeugerin durchlaufen. Nach jahrelanger Erfahrung als zeitgenössische Tänzerin debütierte sie 2023 als Choreografin. Der europäische Durchbruch kam fast unmittelbar, seit 2025 erfährt ihr Trio „It’s the End of the Amusement Phase“ (zusammen mit den Tänzer:innen Sofia Pouchtou und Christina Skoutela) große internationale Resonanz. In Deutschland war es beim Berliner Tanz im August zu sehen, nächste Stationen sind Düsseldorf (12. und 13. 9., Tanzhaus NRW) und Freiburg (21. 11., Theater Freiburg/Kleines Haus).
taz: All diese Tanzstile von den 1920er Jahren bis zu heutigen Tiktok-Tänzen perfekt zu beherrschen, ist unglaublich!
Kotsali: Eine tolle Herausforderung. Dadurch gewinnen wir eine Einsicht in ein Lebensgefühl, in die Textur von Körpern.
taz: Wie schaffen Sie es, Tänzerinnen zu finden, die solche Mengen an Material aufnehmen können?
Kotsali: Okay, ich bin jetzt für eine Sekunde und einzig in dieser Beziehung stolz auf mein Land: Es gibt wirklich exzellente Tänzer:innen in Griechenland. Nicht nur sind sie so geschult, dass sie körperlich mit jeglichem Material umgehen können, sie sind auch mental und intellektuell super stark.
taz: Warum umfasst Ihr Sampling ein ganzes Jahrhundert?
Kotsali: Das ist zunächst etwa der Zeitraum, in dem Tänze medial dokumentiert sind. Auch schien es uns als Team wichtig, die öffentlichen Tänze vor, während und nach der Great Depression des letzten Jahrhunderts zu studieren: Wie wurde versucht, Vergnügen durch den Körper zu erfahren? Die Geschichte des Vergnügens beim Tanzen hat seitdem sehr große Veränderungen durchlaufen. Ein grober Abriss: Zunächst die Ballrooms, in denen es vor allem um Paartanz ging, dann die Diskos und Clubs als ein Zusammentanzen, dann die Raves als ein Koexistieren oder auch als gemeinsames Träumen, dann die Tänze im Rahmen eines Bildschirms, körperlich geschaffen, um körperlos zu zirkulieren.
taz: Beim Betrachten Ihrer Choreografie wird klar, dass auch Tanz eine Grammatik hat. Wenn Körper sehr gut ausgebildet sind, entwickeln sie Intuitionen für die Strukturen.
Kotsali: Absolut. Wenn wir derart viele Tanzstile durchlaufen, dann bildet sich das Gefühl für Grammatik und Syntax der Tänze durch das Mash-up noch stärker heraus. Es wird auch klar, dass der Körper sich in Bezug auf den Gehalt und die Bedeutung der Bewegung organisiert, das heißt, von sich aus Links legt.
taz: Ich finde es bei heutigen Kindern faszinierend, wie gut viele sind im Tanz-Clips lernen. Es zirkuliert eine enorme tänzerische Fähigkeit.
Kotsali: Ja, das sind oft erstaunlich komplexe Tanzbewegungen.
taz: Andererseits sind Kinder komplett auf Hits aus sozialen Medien fokussiert. Wer zum Beispiel kein Tiktok benutzen darf, hat keine Chance, mitzumischen.
Kotsali: Dennoch tun wir so, als würden solche medialen Plattformen einen öffentlichen Raum konstituieren. Dabei sind sie private Wirtschaftsunternehmen und verschlingen geradezu menschliches Fleisch. Sie brauchen Körper und Gesichter. Stellt man eine Zeichnung auf Instagram, wird sie viel weniger zirkulieren.
taz: Sie zeigen durch Ihr Sampling, wie die Grenzen zwischen Popkultur, Kunst und politischer Propaganda verschwimmen können.
Kotsali: Es ist faszinierend und schockierend, zu erforschen, wie totalitäre Regime sich die Tänze einer Epoche einverleiben. Es gibt kein Genre „totalitäre Tänze“. Ihre Ästhetiken bedienen sich immer an anderen Genres. Im 20. Jahrhundert war das der Volkstanz, aber auch die populären Tänze der Zeit spielten mehr und mehr eine Rolle, ein Beispiel wären die Tänze zu Ehren Titos nach dessen Tod. Aber auch abstraktere Ästhetiken kommen zum Zug, wie im Fall von Joseph Goebbels, der bis zu einem gewissen Grad fasziniert vom Tanzerneuerer Rudolf von Laban war. Eine totalitäre Inszenierung ist immer eine Mischung aus dem Angebot der Ästhetiken.
taz: Wobei für heutige politische Propaganda sicher die medialen Moden einen Haupteinfluss bilden?
Kotsali: Wir leben bereits in implizit totalitären Zeiten, aber ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen mit einer Analyse. Wenn ich jedoch die großen Tanzevents wie bei den Superbowls oder den Olympischen Spiele verfolge, ist auf jeden Fall klar, dass Tänze aus medialen Populärkulturen einen großen Stellenwert haben und dass auch Material aus diasporischen und teils auch aus trans Kulturen benutzt wird. Und dass auch weiterhin für nationale Repräsentationen auf große Namen aus der Kunst gesetzt wird.
taz: Ihre Tanzrevue wird unterlegt und unterbrochen von einem hochpolitischen Spoken-Word-Text. Für mich wäre die erste Hürde beim Aufheulen über den Zustand der Welt die Frage: Wo beginnen?
Kotsali: Ich hatte immer viel Respekt vor Worten, aber in den letzten Jahren habe ich es gewagt, Schreiben als künstlerisches Mittel zu entdecken. Es ist eine Notwendigkeit geworden, meine Stimme zu erheben. Dabei hilft es, auch mit der Stimme zu tanzen – das heißt, im Spoken-Word-Stil mit Rhythmus und Sound zu experimentieren, bis ich auf einem Track bin, der inhaltlich trägt. Ich denke, es ist wichtig, auch diese nicht-gedanklichen Anteile an der Sprache anzuerkennen.
taz: Es gäbe viele zitatwürdige Verse wie „Go, go west, and fuck the rest“, oder „a human progress full of tears and fears and fierce frontiers“, die zeigen, dass Ihre Worte scharf und eingängig sind. Nur: Was erwarten Sie sich davon in einer Welt, die nicht bereit ist, sich zu ändern?
Kotsali: Es klingt naiv, aber ich brauche die Möglichkeit, den neuen europäischen und weltweiten Faschismus zu adressieren. Ich brauche die Möglichkeit, den Begriff der Migration zurückzuerobern, als etwas, was immer lebensnotwendig war und sein wird für die Menschheit. Es reicht nicht, sich zu beschweren, denn das tun derzeit alle – wenn ich auch Heulen und Beschwerde als feministische Praxis schätze. Was mich jedoch zum politischen Subjekt macht, ist, meiner Traurigkeit konkreten Ausdruck zu verleihen.
taz: Sie schmettern: „There is nothing like the Great Depression, nothing great about this sadness“ – ist Traurigkeit für Sie anstelle des „amusements“ getreten?
Kotsali: Die Beschäftigung mit meiner eigenen Traurigkeit wurde angestoßen durch einen Text über das sogenannte Produktivitätsparadoxon, das „Versagen“, die Wirtschaftskraft durch technologischen Fortschritt zu steigern. Darin sprang mich die Formulierung „the end of the amusement“ an, die ich mit der Erfahrung verbinde, dass es die Technologie nicht geschafft hat, Menschen von unbefriedigender Arbeit zu befreien, Zeit, freizumachen, kurz: zu mehr Zufriedenheit zu führen. Der Medienwissenschaftler Geert Lovink wiederum beschreibt in seinem Buch „Sad by Design“ die Traurigkeit, die durch die entsprechenden Plattform-Designs bereits angelegte Hyperaktivität in sogenannten sozialen Medien entstanden ist.
taz: Nur ist Traurigkeit oft nicht das, was öffentlich geäußert wird. Sie wäre zu intim. Sondern Wut und Frustration.
Kotsali: Wut ist natürlich ein großartiger politischer Treibstoff. Das Problem aber ist das Unartikulierte, wenn es also nicht geschafft wird, die Gründe der Wut zu identifizieren. Also zum Beispiel die Traurigkeit. Würden wir, wer auch immer dieses „Wir“ ist, dies anerkennen, könnten wir uns zu kollektiven Trauerritualen treffen. Das wäre ein Anfang. Dennoch ist es wesentlich, auch diesem Gefühl auf den Grund zu gehen. Wenn Gefühle keine Grundlage haben, werden sie ein Problem.
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Source: taz