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Chaos im Jemen: Die blutige Rückkehr der Huthis

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Ein Video geht derzeit in den sozialen Medien viral: Es zeigt einen Mann in trockener Wüstenlandschaft vor einer rudimentären Steinhütte. Er reißt ein überlebensgroßes Porträt von einer Art Plakatwand ab; mit viel Kraft und bloßen Händen. Darauf zu sehen ist Abdulmalik al-Huthi. Unter seinem Nachnamen ist die Organisation bekannt, die seit den frühen 2000er Jahren mit Gewalt und politischer Einflussnahme den Jemen aufmischt – die Huthis, offizieller Name Ansar Allah, „Helfer Gottes“.

Das Video, das den Abriss seines Porträts zeigt, wurde Berichten zufolge dieser Tage aufgenommen, im Governorat al-Jawf, an der Grenze zu Saudi-Arabien. Seit 2020 stand das Gebiet unter Kontrolle der Huthis, die es damals im Kampf den jemenitischen Staatskräften abrangen.

Ebendie marschieren nun wieder in al-Jawf ein. Bislang – eigenen Angaben zufolge – mit einigem Erfolg: Laut der jemenitischen Staatsarmee habe man das Gebiet al-Yatmah im Governorat al-Jawf zurückgewonnen. Andernorts gewinnen die Huthis an Land, ringen es der Regierung und ihr nahestehenden bewaffneten Gruppen ab. Jahrelang war der Krieg im Jemen weitgehend eingefroren. Nun ist er wieder da, in vollem Gange. Das hat mit dem Krieg in Iran zu tun und mit sich verschiebenden Machtverhältnissen in der ganzen Region.

Doch der Reihe nach: Der bis heute anhaltende Konflikt im Jemen begann im Jahr 2011. Damals rollte die Welle des Arabischen Frühlings durch den Nahen Osten. Etwa in Tunesien und Ägypten gab es große Proteste, die zum Fall der jeweiligen Regime führten. So auch im Jemen. Präsident und Diktator Ali Abdullah Saleh wurde nach 33 Jahren aus dem Amt gejagt. Ein Übergangsprozess wurde ausgerufen, vier Jahre sollte er dauern. Im Jahr 2012 übernahm sein Stellvertreter Abd Rabbuh Mansour Hadi den Posten des Übergangspräsidenten.

Als der Arabische Frühling im Jemen begann, loderte der Konflikt mit den Huthis bereits auf kleinerer Flamme. Die Organisation wurde in den 1990er Jahren im nordwestlichen Hochland des Jemen gegründet. Dort stammt die Familie al-Huthi her – und dort lebt die zaidische Bevölkerung des Landes. Die Zaidis bilden einen Zweig innerhalb des schiitischen Islams. Der Rest des Landes ist heute mehrheitlich sunnitisch. Zunächst galt „Ansar Allah“, wie die Huthis eigentlich offiziell heißen, als zaidisch-schiitische Erneuerungsbewegung.

Doch die Huthis stellten bald Herrschaftsansprüche auf Teile des Jemens, die über ihr Stammesgebiet hinausgehen. Und sogar auf die beiden heiligsten Städte im Islam: Mekka und Medina in Saudi-Arabien. Ab den frühen 2000ern baute die Gruppe einen bewaffnete Arm auf – und lieferte sich dann jahrelang Kämpfe mit der Regierung von Saleh. Eine Verbindung zu Iran existierte bereits: Führende Mitglieder der Huthis nahmen schon in den 1990ern an militärischem Training in der Islamischen Republik teil.

Mit dem Sturz von Saleh begann der Aufstieg der Huthis im Jemen. Damals spaltete sich das Militär auf, manche Teile blieben loyal zu Saleh, andere bekannten sich zum Übergangspräsidenten Hadi. Die staatlichen Streitkräfte waren also enorm geschwächt; bewaffnete Gruppen, etwa Al-Kaida im Jemen, nutzten die Chance. Ebenso die Huthis, die immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle brachten.

Im Jahr 2014 wendete sich das Blatt dann endgültig. Saleh, der jahrelang gegen die Huthis gekämpft hatte, verbündete sich mit den Huthis. Ihm noch treu ergebene Einheiten des Militärs kämpften nun auf deren Seite. Die Armee brach zusammen und kurz darauf eroberten die Huthis fast ungehindert die Haupstadt Sanaa. Übergangspräsident Hadi floh. Und die Huthis nahmen weitere Gebiete ein, etwa die wichtige Hafenstadt Hudeida an der südlichen Küste. Sie baute parallele Strukturen auf, darunter auch ein politisches Kabinett, wurde zum Staat im Staat.

Ab März 2015 griff eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition in den Konflikt ein, mit Luftangriffen gegen Huthi-Stellungen und einer Blockade des Jemen. Länder wie Ägypten, Jordanien, aber auch Katar waren ebenfalls beteiligt. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate hatten eine führende Rolle inne. Die Koalition baute, neben ihrer Kampagne aus der Luft, eine Streitkraft aus loyalen Offizieren auf.

Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützten außerdem die sogenannte „Giants Brigades“-Miliz, die sich schnell zur stärksten Anti-Huthi-Bodentruppe entwickelte. In ihr sammelten sich vor allem Kämfper aus dem Süden des Jemen – mit teils separatistischen Überzeugungen.

Denn der Jemen war jahrelang in zwei Staaten geteilt, in die Arabische Republik Jemen im Norden und die Demokratische Volksrepublik Jemen im Süden – und manche, gerade im Süden, wünschen sich bis heute die Teilung zurück. Auch deshalb entwickelten sich die Anti-Huthi-Kräfte nie zu einer wirklich geeinten Front. Später wurden die Separationswünsche formalisiert, das sogenannte Southern Transitional Council (STC) im Süden des Landes gegründet. Unterstützt wurde es von den Vereinigten Arabischen Emiraten, zum Unmut Saudi-Arabiens.

Doch auch auf Seiten der Huthis blieb die Lage kompliziert: 2017 zerbrach Salehs Bündnis mit den Huthis und der Ex-Diktator wurde in Sanaa getötet. Im Jahr 2018 hätte sich das Blatt im Jemen gegen die Huthis wenden können. Die Giants Brigades marschierten auf die seit 2014 von den Huthis gehaltene Küstenstadt Hodeidah zu. Die Koalition unterstützte den Vormarsch, ebenso die Regierung. Und dann machte die internationale Gemeinschaft einen für viele Jemen-Analysten fatalen Fehler.

Sie setzte – angeführt von Großbritannien – Saudi-Arabien, die Emirate und die jemenitische Regierung unter massiven Druck, ihre Kampagne gegen die Huthis in Hohdaidah zu beenden. Von den Vereinten Nationen wurde schließlich das Stockholm-Abkommen vermittelt, das 2018 den Konflikt um Hodeidah vorerst beendete – zu Gunsten der Huthis. Ab 2022 galt dann eine UN-vermittelte generelle Waffenruhe.

Der Analyst Baraa Shiban schrieb später: Infolge des Stockholm-Abkommens konnten die Huthis ihre Stellung entlang der Westküste festigen und weiterhin Waffen aus dem Iran entgegennehmen. Diese wurden in der Vergangenheit gern per Schiff angeliefert. Auch finanziell hätten die Huthis davon profitiert, dass sie den Hafen von Hodeidah weiter hielt. Das „veranlasste sie nicht dazu, ihren militanten Kurs zu ändern“, hielt er fest.

An ebendieser Westküste wird nun wieder gekämpft. Mitte Juli hatte diese Runde der Eskalation begonnen. Die Regierung verhinderte damals mit einem Luftangriff auf die Landebahn, dass ein iranisches Flugzeug mit einer Huthi-Delegation und Meldungen zufolge auch Waffen an Board in Sanaa landen konnte. Die Huthis reagierten prompt, die Kämpfe zwischen den beiden Lagern begannen. Und während im Norden des Landes an der Grenze zu Saudi-Arabien die Regierungskräfte derzeit Fortschritte machen, passiert an der Küste das Gegenteil.

Die Westküste ist die geopolitisch wohl relevantere Front. Denn ganz an deren Süden trennt nur ein schmaler Streifen Wasser den Jemen von Dschibuti und Eritrea auf der anderen Seite. Bab el-Mandeb heißt diese etwa 30 Kilometer breite Meerenge. Sie ist das Tor zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden, der schließlich in den Indischen Ozean mündet.

Im Krieg zwischen den USA und Iran hat sie an strategischer Bedeutung gewonnen. Denn die Straße von Hormus, eine Meerenge zwischen Oman, den Emiraten und Iran, ist weiterhin zumindest teilweise blockiert. Und damit der Export von Öl, Gas und Dünger aus den arabischen Golfstaaten deutlich gesunken. Eine Ausweichroute für Exporte aus Saudi-Arabien ist der Hafen Janbu am Roten Meer, Richtung Weltmarkt führt die Route von dort aus durch Bab el-Mandeb.

Die Huthis blockieren seit dem Angriff auf das iranische Flugzeug Mitte Juli Schiffe mit Bezug zu Saudi-Arabien bei der Ein- und Ausfahrt durch Bab al-Mandeb. Sie greifen dafür vor allem auf Drohnen zurück; zwischen den Huthis und dem Land vor Bab el-Mandeb lag bislang von den Giants Brigades kontrolliertes Gebiet.

Doch nun wird vermeldet, dass die Huthis die Stadt Mokkah eingenommen haben und weiter Richtung Süden marschieren. Laut dem Analysten Mohammad al-Basha haben sie am Donnerstagnachmittag die Al-Omari-Basis erobert, ein strategisch bedeutender Militärstützpunkt mit Flugplatz, etwa 30 Kilometer nördlich von Bab el-Mandeb. Rücken sie weiter so vor, sitzen sie bald direkt direkt an der Meerenge.

Vor kurzem hatte die jemenitische Regierung noch verlauten lassen: Man habe die Entscheidung getroffen, den Huthis die Hauptstadt Sanaa wieder zu entreißen. Man werde den Jemen befreien, schrieb Militärsprecher Majid al-Nuzaili jüngst auf X. Auch Riad war in den Krieg im Jemen erneut eingestiegen, nach anhaltenden Angriffen der Huthis, unter anderem auf die Energieinfrastruktur, in Saudi-Arabien. Etwa am Dienstag, als dabei über 70 Menschen, darunter Frauen und Kinder, im Süden des Königreichs verletzt wurden.

Warum also, bei all dieser Entschlossenheit, scheinen die Huthis erneut die Oberhand zu haben? In diesem Jahr schien es eigentlich eine Konsolidierung unter den Anti-Huthi-Kräften gegeben zu haben: Ende Dezember vergangenen Jahres brachen zwischen dem von den Emiraten unterstützten Southern Transitional Council (STC) und damit affiliierter Grupen sowie den von Saudi-Arabien unterstützten antiseparatistischen Gruppen ein Konflikt aus. Er endete damit, dass sich Abu Dhabi aus dem Jemenkonflikt zurückzog, das STC aufgelöst wurde. Die Emirate betonen aber weiterhin ihre Solidarität mit Saudi-Arabien.

Gruppen wie die Giants Brigade wurden unter das Kommando der Regierungstruppen gebracht. Von Saudi-Arabien finanzierte und trainierte Gruppen wie „Nation's Shield“ sollten die Kontrolle übernehmen.

Doch die Friktion zwischen den separatistischen und regierungsnahen Truppen blieb. Der Analyst Mohammad al-Basha schreibt am Donnerstag auf X: Truppen aus dem Norden seien von Separatisten festgesetzt worden. Stimmen aus dem Jemen, die die taz erreichen, sagen außerdem: Die Qualität der kämpfenden Einheiten sei sehr unterschiedlich, von einer geeinten Armee könne nicht die Rede sein.

An der Küste rücken die Huthis weiter vor. Im Norden die Regierungstruppen. Derweil leidet die Zivilbevölkerung. Mehrmals griffen die Huthis in den vergangenen Camps für Binnenvertriebene an, mindestens drei Kinder starben. Seit 2014 kamen mehr als 150.00 Menschen im Jemen in diesem Krieg um. Etwa 4,5 Millionen sind Binnenvertriebene. Fast die Hälfte der Bevölkerung gilt als hungergefährdet – die Tendenz ist, auch wegen der erneuten heftigen Kämpfe, steigend.

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Source: taz